ADHS bei Erwachsenen: Ist Neurofeedback die Lösung?

Fahrig, unkonzentriert, unruhig: Eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) ist keine Kinderkrankheit, sondern betrifft auch Erwachsene. Immer mehr bekommen deswegen Tabletten. Dabei gibt es noch etwas anderes, das hilft.

Angekommen. Erst mal durchatmen. "Oh ja, ein Kaffee wäre gut", sagt Claudia Kerst* erleichtert, als sie in der Praxis auf einen Stuhl fällt. Äußerlich wirkt sie wie wohl jede Mutter, die es gerade geschafft hat, einen quirligen Neunjährigen rechtzeitig zu seinem Termin zu bringen. Kaum jemand ahnt, wie viel Kraft sie eine solche Aufgabe auch dann kostet, wenn alles glatt läuft.

60 bis 70 Prozent der Fälle bleiben über das Kindesalter hinaus erhalten.

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Immerhin weiß Kerst inzwischen, warum für sie schon der ganz normale Alltag schnell übermäßig anstrengend ist: Sie hat AD(H)S, also eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung. "Vor einigen Jahren bekamen meine Geschwister kurz nacheinander beide diese Diagnose, und weil sie mir sehr ähnlich sind, habe ich mich auch testen lassen", sagt die 42-Jährige. Und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass das Ergebnis wirklich stimmt. Obwohl etwa drei Prozent der Erwachsenen in Deutschland von AD(H)S betroffen sind, entsteht erst langsam ein Bewusstsein, dass sich die Probleme längst nicht immer "auswachsen", sondern in 60 bis 70 Prozent der Fälle über das Kindesalter hinaus erhalten bleiben.

Der lange Weg bis zur Diagnose

Bis ihre Aufmerksamkeitsstörung erkannt wurde, vermuteten Therapeuten ganz unterschiedliche Dinge hinter Claudia Kersts Problemen. "Ich wurde zuerst wegen Depressionen behandelt, doch das half nur deshalb ein bisschen, weil ich in dieser Zeit wirklich unglücklich war", sagt sie. "Als junge Erwachsene habe ich immer stärker wahrgenommen, dass mit mir etwas nicht stimmt, und mich wie ein Versager gefühlt, weil ich nichts zu Ende bringen konnte." Später meinte ein Psychologe, sie hätte eine Sozialphobie.

"Ich sollte im Café bewusst Leute anschauen, weil ich nicht so gerne unter Menschen bin und es mir schnell zu viel wird, wenn ich immer wieder mit einer neuen Person Augenkontakt habe", sagt Kerst. "Ich kann dann keinen klaren Gedanken mehr fassen!" Mit Angst hat das aber nichts zu tun, sondern mit der unterentwickelten Fähigkeit, Reize zu filtern.

Neurofeedback kann helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen

Offenbar ist bei AD(H)S das Erregungslevel des Gehirns nicht in Balance. Dr. Edith Schneider behandelt in ihrer Stuttgarter Praxis neben den Kersts auch andere AD(H)S-Patient*innen und erklärt: "Die Betroffenen brauchen viel Stimulation, damit ihr Aktivierungsniveau in Bereiche gelangt, die fokussierte Aufmerksamkeit überhaupt möglich machen." Das gilt sogar dann, wenn eine Hyperaktivität vorliegt, so die Ärztin und Ergotherapeutin: "Sie ist eine unbewusste Selbststimulation, um innerlich nicht völlig abzudriften." Kinder schießen dabei allerdings über das Ziel hinaus, werden zappelig, laut und zudem oft grob. Erwachsene AD(H)S-ler dagegen leiden eher unter extremer innerer Unruhe.

Doch offenbar lässt sich die Regulationsfähigkeit der neuronalen Netzwerke auch von Erwachsenen noch entwickeln und verbessern – zum Beispiel mit Neurofeedback, einem computerunterstützten Hirntraining. Dessen Prinzip ist, auch wenn es mit dem sogenannten SCP- und ILF-Training inzwischen effektivere Varianten als damals gibt, seit den 1960er gleich geblieben: Elektroden am Kopf messen ausgewählte Hirnströme, und der Computer gibt dem Gehirn eine in Bildern, Geräuschen oder fühlbaren Reizen übersetzte Rückmeldung. Dies unterstützt es beim Einüben neuer Fähigkeiten, so wie ein Spiegel beim Justieren einer ungewohnten Haltung hilft.

Erste Erfolge

Zum Training in Edith Schneiders Praxis tritt heute nicht Claudia Kerst selbst an, sondern ihr Sohn Leon*. Bei ihm sieht sie all das, was sie selbst in seinem Alter durchgemacht hat: Seine Sensibilität, durch die er schnell überfordert ist und unwirsch reagiert. Seine Schwierigkeiten auszuhalten, wenn die Dinge nicht so laufen wie gewünscht. Seine Impulsivität, die ihm in der Schule viele Ermahnungen einbringt und ihn auch bei anderen Kindern immer wieder anecken lässt. "Ich würde ihm so gerne das Gefühl ersparen, falsch zu sein und ständig ausgegrenzt zu werden", sagt Claudia Kerst.

Leon ist inzwischen fertig mit seinem Hirntraining. Er übt mit der SCP-Variante und wählt derzeit oft das Halloween-Spiel aus: Dabei muss er mit der Aktivität seines Gehirns eine Fledermaus rauf oder runter flattern lassen. Hat es geklappt, erscheint als Belohnung ein Gespenst. Wie die Trainierenden Aufgaben wie diese schaffen, können sie allerdings genauso wenig erklären wie ein Radfahrer seine Balance im Sattel. Leon hat bisher zwölf Einheiten hinter sich und legt Wert darauf, seine Entwicklung selbst zu beschreiben: "Es läuft besser in der Schule", sagt er, "und ich mache meine Sachen ordentlicher."

Kein Sprint, sondern ein Marathon

Edith Schneider weiß, dass es noch viele Sitzungen dauern wird, bis sich die Fähigkeit, sich selbst besser zu regulieren, voll entwickelt hat. Doch sie ist zuversichtlich: "Gerade bei AD(H)S gibt es gute Forschungsergebnisse, die zeigen: Das Training wirkt und die Verbesserungen sind von Dauer." Ab und zu muss sie allerdings betonen, dass das Training die Konzentration auf Mathe und Vokabeln zwar möglich macht, aber nicht das Üben ersetzt.

Auch die Persönlichkeit wird nicht verändert; wer impulsiv war, bleibt es auch. "Man entwickelt jedoch die Entscheidungsgewalt, ob man Impulse wirklich ausleben will", sagt Schneider. Auch bei Sprunghaftigkeit, Konzentrationsproblemen und Unruhe, die nicht auf eine Aufmerksamkeitsstörung, sondern auf Stress oder den exzessiven Gebrauch von elektronischen Medien zurückgehen, kann die Methode helfen. Trotzdem wird sie noch nicht von allen Kassen bezahlt und die US-Zulassungsbehörde FDA etwa hat Neurofeedback bisher nur als Entspannungstraining zugelassen.

Als Claudia Kerst die Diagnose bekam, wurden ihr nur Tabletten als Behandlung angeboten. Tatsächlich wird Methylphenidat (Ritalin) immer häufiger auch Erwachsenen verschrieben. "Ich habe es als Erlösung empfunden", sagt sie. "Ich war ganz begeistert, wie ich auf einmal sein konnte: viel geduldiger und fokussierter." Trotzdem setzt sie das Mittel immer wieder ab. "Ich will nicht mein ganzes Leben Pillen schlucken!" Demnächst möchte sie deshalb selbst mit dem Neurofeedback starten.

* Name von der Redaktion geändert

Dem Gehirn den Spiegel vorhalten

Was ist Neurofeedback?
Eine Spezialrichtung des Biofeedbacks. Während bei Letzterem Rückmeldungen aus dem Körper genutzt werden, wird dabei durch EEGs die Hirnaktivität sichtbar gemacht.

Wann wird es eingesetzt?
Neben AD(H)S bei Migräne, Epilepsie, Autismus, Depressionen und Angststörungen.

Wie viel kostet eine Therapie?
70 bis 100 Euro pro Sitzung. Gesetzliche Kassen zahlen in der Regel nur, wenn das Training von einer ergotherapeutischen Praxis durchgeführt wird. Meist sind 20 bis 30 Sitzungen nötig.

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BRIGITTE 7/2020

Wer hier schreibt:

Kirsten Segler
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