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Madeleine Alizadeh "ADHS ist Kirmes im Kopf"

Madeleine Alizadeh
© Maria Noisternig
ADHS bei Erwachsenen? Und dann auch noch bei Frauen? Das klingt erstmal ungewöhnlich. Dabei gibt es viele weibliche Personen, die ADHS haben. So auch Madeleine Alizadeh, besser bekannt als dariadaria.

ADHS ist vor allem als Kinderkrankheit bekannt – insbesondere bei Jungs. So sehr, dass laute, ständig umher rennende Kinder auch von Nicht-Mediziner:innen salopp als ADHSler bezeichnet werden. Obgleich das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom nahezu jedem Menschen ein Begriff ist, scheint die Krankheit noch lange nicht ausgiebig erforscht zu sein – zumindest was Frauen betrifft.

Studien, die bei einer ADHS-Diagnose die Grundlage bilden, stammen größtenteils aus den 70ern und beruhen mehrheitlich auf der Untersuchung weißer Jungen. Heute ist unter Expert:innen aber gewiss: Es sind ähnlich viele Mädchen von ADHS betroffen wie Jungen. Das Verhältnis der Diagnose hingegen beträgt nur 3:1. Einfacher gesagt: Zwei Drittel aller betroffenen Mädchen erhalten keine Diagnose.

Doch nicht nur in der Forschung liegt das Problem. Auch gesellschaftliche Stigmata sind nicht ganz unschuldig. Verträumte Mädchen, die sich nicht konzentrieren können und schlechte Leistungen erbringen, sind noch lange nicht so negativ angesehen wie der laute Zappelphilipp. Mädchen mit ADHS verursachen eben einfach keine "Probleme" in der Öffentlichkeit. Sie stören niemanden. Sind sie dann ausnahmsweise doch laut und unruhig, dann wird das vielmehr auf eine misslungene Erziehung zurückgeführt. 

Wie genau die Symptome bei erwachsenen Menschen, insbesondere bei Frauen, aussehen, darüber hat unsere Autorin mit der Unternehmerin und Influencerin Madeleine Alizadeh gesprochen. Sie hat erst mit 32 Jahren ihre Diagnose bekommen und berichtet auf Instagram unter anderem über das Leben mit ADHS. Weitere Einblicke teilt sie im folgenden Interview.

Brigitte: ADHS wurde erst spät bei dir diagnostiziert. Wie kam es zu der Diagnose? Gab es vorher schon Fehldiagnosen oder Ärzt:innen, die dich nicht ernst genommen haben?

Madeleine: Es gab keine anderen Diagnosen zuvor, aber Begleitsymptome von undiagnostizierter ADHS, wie zum Beispiel Depressionen. Zur Diagnose kam es, weil ich von mehreren Seiten Hinweise erhalten habe. Oft ist das ja wie ein Puzzle: Man bekommt Jahr für Jahr mehr Stücke und fügt sie dann zusammen. Ich hab mir dann dezidiert für die Diagnose eine ADHS-Therapeutin gesucht und nach einem Vorgespräch war auch sie der Meinung, dass ein Verdacht vorliegt und die Diagnose wurde durchgeführt.

Was sind deine Symptome? Kannst du erklären, wie sich ADHS für dich anfühlt?

ADHS ist ein innerer Motor, eine Kirmes im Kopf, tausend Gedanken gleichzeitig, viel innere Unruhe, aber auch intensive Gefühle, sich vergessen in Raum und Zeit.

Inwiefern schränkt dich ADHS ein? Wo bietet es dir Chancen?

Im Job schränkt es mich dort ein, wo ich konzentriert Dinge tun muss, auf die ich keine Lust habe oder die nicht spannend sind. Gleichzeitig bin ich durch die ADHS aber auch sehr kreativ und treffe Entscheidungen öfter aus dem Bauch, was oft gar nicht so verkehrt ist. Außerdem äußert sich ADHS bei mir in klassischem "Workaholic sein", was sowohl gut als auch schlecht ist. In privaten Beziehungen beeinträchtigen meine starken Gefühlskurven oft zwischenmenschliche Beziehungen, ich bin häufig unkonzentriert in Gesprächen (zoning out nennt man das) oder verzettel mich. 

Wie hat die Diagnose dein Leben verändert?

Für mich war die Diagnose unheimlich erleichternd. Sie hat einfach jede Minute meines Lebens erklärt. Sie hat mir geholfen, sanfter mit mir selbst zu sein und mich anderen Menschen besser erklären zu können. Obendrein habe ich jetzt jene "Coping-Mechanismen" an der Hand, die auch mit ADHS funktionieren. Zuvor habe ich oft Dinge ausprobiert, die für mich einfach nicht umsetzbar waren. Die Diagnose war eine durchweg positive Sache für mich. Sie hat mir auch geholfen, Dinge, die ich im Autopilot gemacht habe, besser zu verstehen. Bestes Beispiel: ADHSler*innen unterbrechen sehr oft. Das liegt nicht daran, dass sie unhöflich sind, sondern weil unsere Arbeitsspeicher einfach nicht die Kapazität haben, mehrere Dinge über längere Zeit im Gespräch zu merken. Das heißt: Wenn wir es nicht direkt sagen, haben wir es vergessen. Meine Therapeutin hat mir dann Tipps mitgegeben wie: "Stellen Sie sich vor, Sie halten, was Sie sagen wollen, in einer Faust fest. Wenn die andere Person fertig ist, machen Sie die Faust auf und sagen, was dort gespeichert ist." Ich balle jetzt also immer die Fäuste in Gesprächen, um mich so an das zu erinnern, was ich sagen will, ohne zu unterbrechen. 

Nimmst du Medikamente in Bezug auf ADHS?

Aktuell nicht, aber immer wieder. Es kommt auf die Umstände an. Aktuell nehme ich seit Monaten gar keine Medikamente, werde aber vermutlich wieder welche nehmen. Das "Gute" ist, dass ich Ritalin (eins von vielen Medikamenten) auch punktuell einsetzen kann, wenn ich zum Beispiel eine Phase habe, wo die Symptome richtig stark sind, kann ich das Medikament auch nur temporär verwenden.

ADHS galt lange Zeit, beziehungsweise gilt größtenteils immer noch als Krankheit, die nur Jungs betrifft. Inwiefern hat dich das auf deinem Weg zur Diagnose und auch jetzt im Leben mit der Diagnose tangiert?

ADHS ist total unterdiagnostiziert bei Frauen und Mädchen. Oft assoziiert man ADHS auch mit sozio-ökonomischen Faktoren, was dazu führt, dass man ADHS eher Geschlechtern und Bildungsgraden zuweist. Dabei betrifft ADHS alle Gesellschaftsschichten, Alter, Geschlecht und Herkunft. Das war bestimmt auch ein Grund, weswegen ich spät zur Diagnose kam: Ich hatte nicht auf dem Schirm, dass es auch erwachsene Frauen gibt, die das haben können.

Mit welchen Vorurteilen siehst du dich konfrontiert?

Viele denken, ADHS bedeutet, dass man sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Aufmerksamkeits-Defizit bedeutet aber nicht, dass man mehr Aufmerksamkeit von anderen Menschen braucht, sondern dass man nicht aufmerksam ist. Sich also nicht konzentrieren kann. Das Vorurteil ist also oft, dass ADHSler*innen Menschen sind, die im Mittelpunkt stehen wollen – was total schlimm ist, weil so viele Introvertierte denken, sie könnten kein ADHS haben. Dabei ist gerade die "introvertierte Form" von ADHS, die ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung), bei Frauen sehr präsent. Das sind oft Mädchen, die sehr ruhig sind, sehr lange für Schulaufgaben brauchen, verträumt sind und noch zehn Minuten nach Ende des Unterrichts an etwas sitzen. Sie fallen alle durch das Raster und machen dann als Erwachsene oft Angststörungen oder Depressionen durch, bis sie endlich eine vernünftige Diagnose bekommen, die alles verändert.

Ein weiteres Vorurteil ist, dass ADHSler*innen nichts auf die Reihe bekommen und verträumte Lebenskünstler*innen sind. All das trifft null auf mich zu. Ich finde das auch beleidigend, wenn man bedenkt, wie viel mehr wir leisten müssen, um überhaupt zu leisten. 

Welche Rolle spielt ADHS bei dir in Bezug auf Partnerschaften, die Familie oder Freunden?

Es bedeutet, dass ich mich meinen Mitmenschen besser erklären und ihnen Werkzeuge für den Umgang mitgeben kann. Ich habe zum Beispiel stärkere Gefühlskurven als andere, bin aber null nachtragend. Auch intensive Gefühle wie Wut sind schnell wieder weg, wenn man da nicht noch weiter stichelt oder provoziert. Selbst wenn ich mich in Gesprächen mal kurz weg träume, wissen meine Mitmenschen jetzt, dass ich das nicht böse meine oder das Gespräch uninteressant finde. Das ist übrigens auch total wichtig im Umgang mit ADHS Kindern: Die bekommen eher einen Wutanfall, aber wenn man sie da einfach kurz lässt und nicht “nachwässert”, können sie schnell wieder “zurückkommen” und sind überhaupt nicht nachtragend. Oft schämen sich Betroffene ja auch für diese Kurven und es ist für Mitmenschen sehr wichtig zu verstehen, dass man das nicht persönlich nehmen sollte.

Wann hast du gemerkt, dass du "anders" bist? Hast du jemals versucht, deine vermeintlichen Eigenarten zu unterdrücken? 

Wie alle andere neurodivergenten Menschen habe ich mich mein Leben lang maskiert. “Masking” kennt man vor allem von autistischen Menschen. Es betrifft aber auch Menschen mit ADHS. Das bedeutet, dass man sich anpasst, um am Leben teilnehmen zu können, selbst wenn man etwas anderes braucht, um zu funktionieren. Ich habe oft probiert, so zu arbeiten, zu leben und mich zu organisieren, wie die Menschen um mich herum. Vieles hat aber einfach einen hohen Leidensdruck erzeugt. Als Beispiel: Gesellschaftlich akzeptiert ist es, bei Terminen ruhig zu sitzen und gespannt zuzuhören. Wenn ich das für ein paar Stunden tue, bin ich danach extrem unausgelastet. Ich muss mich zwischendurch öfter bewegen, weil ich ADHS habe.

Was denkst du, wie könnte man der Krankheit – insbesondere in Bezug auf Frauen – mehr Gehör verschaffen?

Ich denke, es braucht zwar Betroffene, die darüber reden, aber es sollte trotzdem nicht an den Betroffenen hängen, ständig Seelenstriptease zu betreiben. Wir brauchen Aufklärung, Entstigmatisierung und einen niederschwelligen Zugang zur Diagnose und Therapie. ADHS behindert Betroffene und diese Behinderungen gilt es zu thematisieren und zu entfernen.

Empfindest du Scham aufgrund der Krankheit?

Ja, sehr viel. Aber auch damit kann ich besser umgehen, seit ich die Diagnose habe. 

Weiterlesen: Die Psychiaterin Alexandra Philipsen hat uns ebenfalls etliche Fragen zum Thema ADHS bei Frauen beantwortet.

Verwendete Quellen:

  • ADHS: Mädchen zeigen oft starken Redefluss und Gefühlsschwankungen, kinderaerzte-im-netz.de (Stand: September 2022)
  • ADHS – heimtückisch bei Frauen, adhs-deutschland.de (Stand: September 2022)
  • Madeleine Alizadeh
Brigitte

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