Psychiater betont: "Jedes Team braucht einen mit ADHS"

Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen kennt man, aber Erwachsene? Psychiaterin Dr. Alexandra Philipsen über die Symptome - und die Chance durch die Diagnose.

BRIGITTE: Frau Professor Philipsen, man denkt ja oft, die Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitatsstörung, kurz ADHS, sei eine Kinderkrankheit.

Blähungen, Gas

Alexandra Philipsen: Das stimmt nicht. Etwa 60 Prozent haben ADHS noch als Erwachsene, nur bei 20 Prozent ist dann wenig oder gar nichts mehr übrig. Insgesamt sind etwa zwei Prozent der Erwachsenen betroffen.

Wie häufig wird die Diagnose das erste Mal im Erwachsenenalter gestellt?

In unserer Sprechstunde wird mehr als die Hälfte erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Für die meisten bedeutet die Diagnose dann übrigens eine Entlastung. Denn endlich haben sie eine Erklärung für ihre Schwierigkeiten.

Bei Kindern spricht man von Zappelphilippen. Wie ist das bei Erwachsenen?

Die Kardinalsymptome von ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität – jeweils in unterschiedli­cher Stärke und Kombination. Die Unauf­merksamkeit bleibt am ehesten bestehen: Auch Erwachsene können sich schlecht konzentrieren. Die Impulsivität dagegen geht häufig zurück und noch stärker die Hyperaktivität, diese motorische Zappeligkeit, die man von Kindern kennt. Häufig bleibt aber eine innere Unruhe bestehen, die Menschen fühlen sich getrieben und können nicht abschalten.

Das kennen heutzutage sicher viele. Wo verläuft die Grenze zur Störung?

Wichtig ist, wie stark beispielsweise die Ablenkbarkeit ist und ob sie zu einer Beeinträchtigung im Alltag führt. Das kann ich, wenn jemand in der Klinik vor mir sitzt, natürlich nicht unmittelbar sehen. Der Vorteil im Erwachsenenalter ist aber, dass ich die ganze Biografie beur­teilen kann: Hat dieser Mensch entsprechend seiner Begabungen erreicht, was er erreichen könnte? Oder hat er vielleicht den Arbeitsplatz verloren, weil er als desorganisiert galt, die Schule abgebrochen, das Studium nicht beendet etc.?

ADHS bei Kindern wird heiß diskutiert, auch da immer mehr Medikamente wie Ritalin bekommen. Gilt ADHS auch bei Erwachsenen bereits als Modediagnose?

Da sind wir noch weit von einer Über­diagnostizierung entfernt, aber die zu­ künftige Entwicklung muss man kritisch beobachten. Der Begriff "Modediagnose" gefällt mir übrigens nicht. Er stigmatisiert Betroffene, die es wirklich haben.

Ist ADHS für Sie eine Krankheit?

Ich spreche gern von einer Variante, die zu Beeinträchtigungen führen kann – oder auch nicht.

Alexandra Philipsen ist Direktorin der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Karl-Jaspers-Klinik Bad Zwischenahn und lehrt an der Universität Oldenburg.

Was sind denn Bedingungen, unter denen ADHS vielleicht sogar Vorteile bringt?

Multitasking zum Beispiel kann Men­schen mit ADHS entgegenkommen. Und Projektarbeit: Sie sind oft kreativ und neugierig, haben Power. Ich sag immer, ein Team nur mit ADHSlern bedeutet Chaos, aber ein Team ohne einen ADHSler wäre auch schwierig. Man braucht Ideengeber, Kreative, Querdenker, aber man braucht auch die, die sich hinsetzen und es umsetzen. Manche Menschen mit ADHS – meist die mit mäßiger Ausprägung – haben sich ein Umfeld geschaffen, das strukturiert ist, zu dem vielleicht ein Back­up gehört, wie etwa eine Assistentin, und kommen zusammen mit anderen Kompensationsmöglichkeiten wie Sport oder Timern, die den Alltag zeitlich ordnen, durchaus gut zurecht.

Und andere brauchen Medikamente ...

Ja. Wenn die Medikation vertragen wird, ist sie eine hocheffektive Behandlung. Eine, die man bis ans Lebensende durchführt? Die meisten gehen erst einmal mit der Dosis hoch – und sind ganz begeistert, weil sie plötzlich Dinge schaffen – und irgendwann dann wieder runter, weil sie ihre ADHS doch nicht so ganz weghaben wollen. Der Idealfall ist, dass man mit Medikamenten Strategien erlernt, die anschließend dabei helfen, die ADHS auch ohne Medikation zu bändigen. 

BRIGITTE 07/17

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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