Leben mit der Diagnose HIV: Eine junge Frau erzählt

Eine kurze Liebe, lebenslängliche Folgen: Natalie H. infizierte sich mit HIV - und musste lernen, mit der Diagnose zu leben. Ihre erste Reaktion: zudröhnen mit Alkohol. Ihre zweite: weiterstudieren.


Sprechen im Schlaf ist in diesem Fall ein Anzeichen von Krankheit

Nur vier Wochen waren sie ein Paar. Er Anfang 30, gutaussehend, ein Womanizer. Doch Natalie vertraute ihm. Dass er noch andere Beziehungen führte, ahnte sie nicht. Drei Monate nach der Trennung - Natalie war gerade 21 geworden - meldete er sich plötzlich wieder und kam sofort auf den Punkt: Er habe sich mit HIV angesteckt, sie solle sich testen lassen. Ihr Hausarzt sagte, es habe sie erwischt, und sah sie an, als würde sie mit jeder zufälligen Bekanntschaft im Bett landen. Er ließ sie gehen ohne ein Gespräch, ohne hilfreiche Adressen oder eine Überweisung zum Spezialisten.

Sechs Monate lebte Natalie wie unter Schock. Sie erzählte niemandem von ihrer Krankheit, igelte sich ein, verabredete sich kaum noch. Die bis dahin ehrgeizige Jura-Studentin schwänzte die Vorlesungen. Sie trank viel zu viel, Wodka, Whiskey, Rum, das harte Zeug. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen. War doch ohnehin egal, oder?

Dann erwachte sie mal wieder mit dickem Kopf. In ihrem Bad stank es noch nach ihrem Erbrochenen. Sie sah sich im Spiegel an, und plötzlich war da dieses Gefühl: "So geht es nicht weiter. Ich will noch etwas vom Leben haben."

"Früher hatte ich bei jedem Pickel sofort Panik."

Das war vor anderthalb Jahren. Seitdem lernt Natalie, mit HIV zu leben. Als ersten Schritt lud sie ihre Familie und die engsten Freunde zu sich zum Essen ein und erzählte ihnen von ihrer Erkrankung. "Alle waren schockiert, aber niemand hat mir Vorwürfe gemacht. Und ich war froh, dass es endlich raus war."

Sie nahm ihr Studium wieder auf, fand den Anschluss, schrieb gute Klausuren. Ihr Alkohol- und Zigarettenkonsum ging deutlich zurück. Und sie suchte sich einen kompetenten Arzt, der ihr endlich genau sagen konnte, wie man mit HIV heute leben kann.

Natalie zeigt auf einen kleinen roten Fleck auf ihrer linken Wange: "Früher hatte ich bei jedem Pickel sofort Panik, dachte: Jetzt ist mein Immunsystem kaputt, jetzt bricht Aids aus." Nachdem ihr neuer Arzt sie ausführlich beraten hatte, wurde ihre Angst deutlich geringer. Alle drei Monate nimmt er Blut ab, kontrolliert ihre Werte. Dadurch fühlt sie sich sehr viel sicherer.

Täglich muss sie jetzt Tabletten schlucken. "Aber nach ein paar Monaten wird das zur Routine, wie das Haarekämmen oder Zähneputzen", erzählt die Studentin. Die Medikamente verträgt sie ohne große Nebenwirkungen.

"Die Gesellschaft ist leider immer noch viel zu wenig über HIV aufgeklärt."

Sie versucht, sich nur noch mit Menschen zu umgeben, die ihr guttun. Allerdings sei ihr Freundeskreis sehr geschrumpft, nachdem sich ihre Krankheit herumgesprochen hat. "Vom Arzttermin über das Händeschütteln bis hin zum Begrüßungskuss - die Gesellschaft ist leider immer noch viel zu wenig über HIV aufgeklärt", klagt Natalie. Einmal habe eine langjährige Freundin die Kaffeetasse, aus der Natalie getrunken hatte, im Mülleimer entsorgt, aus Angst, sie würde sich mit dem Virus anstecken.

Bei Arztbesuchen bekomme sie immer als letzte Patientin einen Termin. "Damit die benutzten Gegenstände danach besser desinfiziert werden können", vermutet vermutet Natalie. Ein Arztwechsel scheitere meist beim Ausfüllen des Anmeldebogens an der Frage: "Wurde bei Ihnen eine HIV-Infektion festgestellt?" Sobald sie dort ein "Ja" ankreuzt, heiße es plötzlich, die Praxis nehme im Moment leider keine neuen Patienten mehr an.

Natalie sagt, sie weiß heute: "Meine Infektion gehört zu mir und bleibt auch bei mir. Dass mich manche Menschen behandeln, als hätte ich die Pest, sagt einiges über diese Leute aus, nichts über mich." Trotzdem berührt es sie natürlich, wenn sie derart abgekanzelt wird: "Deshalb führe ich ein nahezu schizophrenes Leben - auf der einen Seite bin ich die starke, selbstbewusste und immer gut gelaunte Studentin. Und auf der anderen, privaten Seite bin ich die zerbrechliche, ängstliche, auch mal traurige Natalie." Diese verletzliche Natalie kennen aber nur die engsten Freunde und ihre Familie.

Einen Partner hatte sie seit der Diagnose noch nicht. Ja, sie fühle sich manchmal einsam, sagt sie, und manchmal sei das auch schwer auszuhalten. Sie konzentriere sich im Moment ganz auf ihr Studium, will sich gleich nach unserem Gespräch wieder an den Schreibtisch setzen und für ihr zweites Staatsexamen lernen, ihr erstes hat sie mit Auszeichnung geschafft. Am liebsten würde sie nach dem Uni-Abschluss ein paar Jahre im Ausland arbeiten, gern in den USA. Aber das geht mit ihrer Infektion nicht: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat für Personen mit HIV ein Einreiseverbot verhängt.

Text: Nicole Schunemann BRIGITTE 25/2013
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