Sport bei Brustkrebs: Bewegen erlaubt

Jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Nach der Diagnose fallen viele Betroffene in eine Schockstarre - leider, denn Sport beugt nicht nur einer Erkrankung vor, sondern hilft auch während und nach der Therapie.

Bewegung tut gut und hält gesund - was schon der Sportlehrer predigte, ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen: Wer sich regelmäßig bewegt, reduziert sein Brustkrebsrisiko um etwa 30 Prozent. Auch Frauen, die bereits an Brustkrebs erkrankt sind, profitieren von körperlicher Aktivität. Denn der Krebs ist vom Stoffwechsel abhängig. Bringen Sie den durch Bewegung in Schwung, bilden sich weniger neue Tumorzellen.

"Anders als früher gibt es das absolute Bewegungsverbot, die absolute Schonhaltung nicht mehr", sagt der Sportwissenschaftler Freerk Baumann. Er forscht zu den Zusammenhängen zwischen Bewegung und Krebs und plädiert dafür, die bestehenden Ressourcen der Patienten zu nutzen, ihr Potenzial auszuschöpfen. "Selbst wenn Sie bettlägerig sind, können und sollten Sie gemeinsam mit einem Physiotherapeuten Ihre Gelenke durchbewegen und dehnen, sie passiv und aktiv mobilisieren."

Da es zig medizinische Therapievarianten mit verschiedenen Nebenwirkungen gibt und zudem jede Frau andere Voraussetzungen mitbringt, muss das Bewegungsprogramm zunächst individuell zusammengestellt werden. Frauen mit Brustkrebs sind im Schnitt Mitte 60, wenn sie die Diagnose erhalten. Oft haben sie dann bereits Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Bluthochdruck.

Acht gute Gründe für Bewegung bei Brustkrebs

Gezielt ausgewählte Bewegungen können typische Nebenwirkungen der Chemotherapie - wie etwa Müdigkeit, Erschöpfung oder Empfindungsstörungen in den Fingerspitzen - reduzieren. Auch ein Spaziergang an der frischen Luft gibt Energie, macht wach und motiviert. Inzwischen bekommen die meisten Frauen schon im Krankenhaus einen Physiotherapeuten zugewiesen. Die Therapeuten helfen den Patientinnen bei den einzelnen Übungen und zeigen ihnen, wie sie zu Hause weitermachen können.

Mindestens genauso wichtig wie die Bewegungen an sich ist die Aufklärung darüber: "Ja, Sie dürfen sich regelmäßig bewegen - auch während der Chemotherapie. Allein diese Information ist schon Gold wert", sagt Sportwissenschaftler Baumann. Denn viele Frauen sind durch ihre Diagnose verunsichert. Um den Schock zu verarbeiten, ziehen sie sich zurück - schränken ihre Kontakte ein, gehen nicht mehr vor die Tür. An sich eine ganz natürliche Reaktion. Das Problem: Aus dieser Schockstarre kommen viele Krebspatientinnen über Monate, manchmal auch Jahre nicht wieder heraus. Rund 30 Prozent der Frauen bewegen sich nach Diagnose und Behandlung weniger als zuvor, obwohl sie körperlich nicht eingeschränkt sind.

Die innere Stimme ist der beste Ratgeber

Das zu verhindern liegt vor allem in den Händen der Ärzte: "Jüngste Untersuchungen zeigen, dass ein Onkologe einen motivationaleren Zugang zu Krebspatienten hat als Psychologen oder Physiotherapeuten", sagt Baumann. Was der Arzt empfiehlt, wird häufiger auch gemacht. Der beste Ratgeber sei jedoch noch immer die innere Stimme, das subjektive Empfinden: "Der eigene Körper wird einem schon sagen, wenn es zu viel ist." Darauf zu vertrauen, falle Betroffenen allerdings oft schwer - schließlich habe ihr Körper sie durch die Krebserkrankung schon einmal im Stich gelassen.

Ein Sporttherapeut kann helfen, dieses Vertrauens zurückzugewinnen. Schon sechs bis acht Wochen nach der Operation können Frauen mit einem progressiven Krafttraining beginnen. "Um die Muskulatur möglichst schnell wieder aufzubauen und die Patientin zu stärken, dürfen die Intensitäten dabei auch hochgeschraubt werden", sagt Baumann. In der Nachsorge sei eine therapeutische Begleitung je nach individueller Situation nicht mehr zwingend nötig. Nach Rücksprache mit einem Therapeuten könne die Patientin auch wieder allein trainieren.

Dass sich das lohnt, zeigen aktuelle Beobachtungsstudien zum Wiederauftreten von Brustkrebs: Wer sich mindestens drei bis vier Mal pro Woche eine Stunde moderat bewegt - etwa durch Nordic Walking, Fahrradfahren oder Krafttraining - kann das Risiko, erneut zu erkranken, um bis zu 40 Prozent reduzieren.

Zur Person

Dr. Freerk T. Baumann studierte Sportwissenschaften mit den Schwerpunkten Rehabilitation und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln. Anschließend arbeitete er als Sporttherapeut. Nach Abschluss seiner Doktorarbeit forschte und lehrte er zunächst am Institut für Rehabilitation und Behindertensport der DSHS. Am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin leitet er die Arbeitsgruppe "Bewegung, Sport und Krebs". Baumann forscht vor allem zum Thema "Körperliche Aktivitäten und Krebs" und hat diverse Publikationen, Bücher und Info-Broschüren verfasst. Damit gehört er zu den bekanntesten Experten auf diesem Gebiet.

Text: Nicole Wehr
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