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Experteninterview mit Alexandra Philipsen ADHS bei Frauen

Alexandra Philipsen: eine junge Frau mit Skateboard stehen am Bahnsteig während eine Bahn schnell vorbei fährt
© DimaBerlin / Adobe Stock
Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, das kennt man. Aber Erwachsene? Die Psychiaterin Alexandra Philipsen über Diagnosen jenseits der 40 und warum ADHS bei Frauen oft übersehen wird.

Brigitte Woman: Frau Professor Philipsen, man denkt ja oft, die Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, sei eine Kinderkrankheit.

Alexandra Philipsen: Das ist sie nicht. Etwa 60 Prozent haben ADHS noch als Erwachsene, und nur bei 20 Prozent ist dann wenig oder gar nichts mehr übrig – neue Studien sagen sogar nur bei zehn Prozent.

Ist es richtig, dass die Diagnose bei Frauen besonders oft erst im Erwachsenenalter gestellt wird?

Tendenziell ja, immer noch. Man denkt bei einem Jungen womöglich früher daran, auch weil auf ein Mädchen mit ADHS zwei Jungs kommen. Bei uns in der Sprechstunde stellen sich aber gleich viele Frauen wie Männer vor. Hier sind es etwa 60 Prozent der Betroffenen, die erst als Erwachsene die Diagnose bekommen, 30 bis 35 Prozent erst mit über 40. Für die meisten ist sie dann übrigens eine Entlastung. Denn endlich haben sie eine Erklärung für ihre langjährigen Schwierigkeiten.

Was sind denn die Symptome bei Erwachsenen? Von Zappelphilippen spricht man ja bei Kindern.

Die Kardinalsymptome von ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität – jeweils in unterschiedlicher Stärke und Kombination. Die Unaufmerksamkeit bleibt am ehesten bestehen: Auch Erwachsene können sich schlecht konzentrieren. Die Impulsivität dagegen geht häufig zurück und noch stärker die Hyperaktivität, diese motorische Zappeligkeit, die man von Kindern kennt. Häufig bleibt aber eine innere Unruhe bestehen, die Menschen fühlen sich getrieben und können nicht abschalten.

Das kennen heutzutage sicher viele. Wo verläuft die Grenze zur Störung?

Wichtig ist, wie stark beispielsweise die Ablenkbarkeit ist und ob sie zu einer Beeinträchtigung im Alltag führt. Das kann ich, wenn jemand in der Klinik vor mir sitzt, natürlich nicht unmittelbar sehen. Der Vorteil im Erwachsenenalter ist aber, dass ich die ganze Biografie beurteilen kann: Hat dieser Mensch entsprechend seinen Begabungen erreicht, was er hätte erreichen können? Oder hat er vielleicht seinen Arbeitsplatz verloren, weil er als desorganisiert galt, die Schule abgebrochen, das Studium nicht beendet et cetera? Auch das ist bei Frauen unter Umständen schwieriger zu beurteilen als bei Männern, weil sie häufiger in Teilzeit beziehungsweise mit Unterbrechungen arbeiten. Und wenn es zu Hause chaotisch ist, fällt das oft weniger auf.

Gerade während der Pandemie waren Frauen für die Kinder zuständig. Wie sind ADHS-Betroffene durch die letzten zwei Jahre gekommen?

Man weiß vom Beginn der Pandemie, dass Erwachsene mit ADHS ein höheres Risiko hatten, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Da könnte man vermuten, dass es ihnen schwerer gefallen ist, Lockdown-Auflagen zu erfüllen, weil sie impulsiver sind. Einige sind sehr gestrauchelt durch den Wegfall der Strukturen, denn ein fester Tagesablauf mit sehr regelmäßigem Sport hilft vielen. Anderen dagegen hat es gutgetan, dass weniger los war, weniger Ablenkung da war.

Ist ADHS immer noch eine Modediagnose?

Nein! Ich mag den Begriff Modediagnose gar nicht. Er stigmatisiert die Betroffenen, indem er ihnen den Stempel aufdrückt, dass da gar nichts sei. Und ADHS wird ohnehin immer noch stark stigmatisiert. Anders als bei der Depression wird das nach meinem Empfinden auch nicht besser. Es ist immer noch nicht in den Köpfen angekommen, dass das jeden treffen kann und eben nicht an einer falschen Erziehung liegt. Mal abgesehen davon sind wir bei Erwachsenen noch immer weit weg von einer Überdiagnostizierung.

Und ist es für Sie eine Krankheit?

ADHS ist eine Entwicklungsstörung, man kann es nicht erst als Erwachsener kriegen. Ich spreche gern von einer Variante, die zu Beeinträchtigungen führen kann – oder auch nicht. Diese Beeinträchtigungen können massiv sein, und es gibt sehr gut wirksame Medikamente dagegen.

Was sind denn Bedingungen, unter denen ADHS vielleicht sogar Vorteile bringt?

Multitasking zum Beispiel kann Menschen mit ADHS entgegenkommen. Und Projektarbeit: Sie sind oft kreativ und neugierig, haben Power. Ich sage immer, ein Team nur mit ADHSlern bedeutet Chaos, aber ein Team ohne einen ADHSler wäre auch schwierig. Man braucht Ideengeber, Kreative, Leute, die Fragen stellen. Aber man braucht genauso die, die sich hinsetzen und es umsetzen. Manche Menschen mit ADHS – meist die mit mäßiger Ausprägung – haben sich ein Umfeld geschaffen, das strukturiert ist, zu dem vielleicht ein Back-up gehört, wie etwa eine Assistentin, und kommen zusammen mit anderen Kompensationsmöglichkeiten wie Sport oder Timern, die den Alltag zeitlich ordnen, durchaus gut zurecht.

Und andere brauchen Medikamente.

Ja. Wenn die Medikation vertragen wird, ist sie eine hocheffektive Behandlung.

Die man bis ans Lebensende durchführt?

Die meisten gehen erst einmal mit der Dosis hoch – und sind ganz begeistert, weil sie plötzlich Dinge schaffen – und irgendwann wieder runter, weil sie ihr ADHS doch nicht so ganz weghaben wollen. Der Idealfall ist, dass man mit Medikamenten Strategien erlernt, die anschließend dabei helfen, die ADHS auch ohne Medikation zu bändigen.

Prof. Dr. Alexandra Philipsen ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretende Ärztliche Direktorin im Uniklinikum Bonn.

Brigitte

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