Alkoholismus: "Ich muss mich nicht dafür schämen, aber ich muss ehrlich damit umgehen"

Arbeiten, nach Hause, trinken, schlafen, arbeiten. So hat Daniela B., 57, jahrelang gelebt. Dass sie Alkoholikerin war, gab sie nicht mal vor sich selbst zu.

Es hätte ewig so weitergehen können. Tagsüber funktionieren, abends trinken. Richtig trinken, nicht nur ein Glas Wein. Wie schon seit Jahren. Aber dann hielt mir mein Freund den Spiegel vor. Im denkbar furchtbarsten Sinne: Er war betrunken, schlug mich, brach mir das Nasenbein und eine Hand. Ich versteckte mich im Bad, bis mein Sohn mit der Polizei vor der Tür stand und mich mitnahm.

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Und statt verzweifelt und wütend zu sein, zutiefst verletzt oder voller Scham, wurde mir an diesem Abend klar: Wir haben eine Grenze überschritten. Ich muss die Reißleine ziehen. Ja, mein Freund ist Alkoholiker. Aber ich hatte mit ihm gelebt, weil es bequem ist, sich vor niemandem rechtfertigen zu müssen, der selbst trinkt. Dafür, dass ich seit 30 Jahren trank, uneingestandenermaßen. Jetzt hatte ich am eigenen Leib gespürt, was das Trinken aus einem Menschen machen kann. Und ich hatte Angst, ich könnte so abdriften wie er.

Wenn ich getrunken hatte, wurde der riesige Berg meiner Probleme so klein, dass ich darübersteigen konnte.

Ich glaube, ich begann aus Überforderung zu trinken. Mit Mitte 20 musste ich, gelernte Einzelhandelskauffrau, den elterlichen Betrieb mit Landwirtschaft, Lebensmittelgeschäft, Gast- und Schlachthaus übernehmen, mein Vater war gestorben. Ich war verheiratet, hatte zwei kleine Kinder, ich pendelte permanent zwischen meinem eigenen Haushalt und der Firma und unterstützte meine Mutter. Ich musste funktionieren, für andere da sein, egal, wie ich mich fühlte. Da begann es. Ich trank, um entspannen, schlafen zu können. Bier, drei, vier Flaschen jeden Abend.

Meine Ehe litt darunter, mit 40 war ich geschieden, zwei Jahre später lernte ich einen anderen Mann kennen, heiratete zum zweiten Mal. Fünf Jahre lief alles toll, mein abendliches Bier trank ich trotzdem. Dann starb mein Mann nach einer langen Zeit, in der mein Sohn und ich ihn zu Hause pflegten. Wieder musste ich stark sein, funktionieren. Ich trank mehr. Stieg auf Wein um, der hatte mehr Prozente. Wenn ich getrunken hatte, wurde der riesige Berg meiner Probleme so klein, dass ich drübersteigen konnte. Anfangs brauchte ich dafür keine ganze Flasche Wein. Irgendwann waren es zwei Flaschen täglich.

Getrunken habe ich erst ab 17 Uhr, nach der Arbeit. Nach dem Kaffee kam der Wein. Das war so, wie man automatisch zu einem Plätzchen greift, ohne nachzudenken. Wenn ich in dem Geschäft, in dem ich inzwischen arbeitete, Spätschicht bis 21 Uhr hatte, musste ich schneller trinken, dafür konnte ich dann morgens länger schlafen. Arbeiten, nach Hause, trinken, schlafen, arbeiten. Wenn ich einen Arzttermin hatte oder etwas erledigen musste, legte ich es so, dass es in diesen Rhythmus passte. Morgens ging es mir gut, ich konnte aufstehen und arbeiten gehen. Es war Gewohnheit, ich hatte kein Zittern, keine Schweißausbrüche. Auch nicht, als ich dann tatsächlich von jetzt auf gleich aufhörte zu trinken.

Alkoholismus ist eine Krankheit!

Den Mann, der mich misshandelte, hatte ich zwei Jahre nach dem Tod meines zweiten Mannes kennengelernt. Dass er Alkoholiker war, gestand er nicht ein. Aber auch ich habe bis zum Schluss vehement abgestritten, abhängig zu sein. Mit meinen Kindern gab es deswegen immer wieder Streit. Meine Tochter hatte sich ganz von mir zurückgezogen, mein Sohn übernahm die Beschützerrolle.

Nach dem Abend mit der Polizei holte er mich zu sich und machte sofort einen Termin zur Entgiftung. Als ich in die Klinik kam, hatte ich schon 14 Tage keinen Tropfen mehr getrunken. Direkt nach der Entgiftung konnte ich eine Langzeittherapie beginnen. Durch die Gespräche mit meinem Bezugstherapeuten, in der Gruppe und außerhalb der Therapiezeit lernte ich, dass Alkoholismus eine Erkrankung ist. Ich muss mich nicht dafür schämen, aber ich muss ehrlich damit umgehen. Ich werde nie wieder ein Glas Wein trinken können. Und ich habe Strategien gelernt, wie ich abstinent bleiben und meine Probleme bewältigen kann, zum Beispiel Tagebuch zu schreiben oder mich mit kreativen Dingen zu beschäftigen.

Alleine hätte ich das alles nie geschafft, ich wäre mit Sicherheit rückfällig geworden.

Gegen Ende der Therapie musste jeder vier Tage nach Hause gehen und dort bestimmte Aufgaben erledigen. Ich habe die Kommunion meiner Enkeltochter mitgefeiert und ganz offen Sekt und Wein abgelehnt. Alle gratulierten mir zu meiner Stärke. Und ich bin in einem Supermarkt gezielt in die Spirituosenabteilung gegangen. Zum Glück habe ich keinerlei Verlangen gespürt. Sonst hätte ich meinen Beruf aufgeben müssen. Inzwischen habe ich eine neue Wohnung und genieße es, alles so einrichten zu können, wie es mir gefällt. Meine Kinder sind immer für mich da. Dank der Unterstützung meines Chefs habe ich die Filiale gewechselt, um meinem Ex-Freund nicht mehr über den Weg zu laufen.

Allein hätte ich das alles nie geschafft, ich wäre mit Sicherheit rückfällig geworden. Die Therapie war erst der Anfang meines Weges. Und wenn ich irgendwann an eine Kreuzung komme, an der es links und rechts Richtung Rückfall geht, werden da symbolisch meine Kinder stehen, und ich gehe weiter geradeaus zur Abstinenz. Dieses Bild stützt mich.

Brigitte WIR 2/2019

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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