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Allergie während Corona Was du wissen solltest

Allergie während Corona: Frau putzt ihre Nase
© Alliance Images / Shutterstock
Alle Jahre wieder: Im Frühling setzen vielen die Pollen zu. Doch es gibt neue Therapien gegen Allergien – und Corona hat auch was Gutes.

Sorglos im Kuhstall – Wie sich das Problem verhindern ließe

Vermutlich hätte kaum jemand eine Allergie, wenn wir alle bei den Amish People in den USA aufgewachsen wären, einer Glaubensgemeinschaft, die von der Außenwelt abgeschieden lebt. "Da kommt Heuschnupfen so gut wie nicht vor", sagt Professor Erika von Mutius vom Institut für Allergie- und Asthmaprävention am Helmholtz Zentrum München. Die Medizinerin konnte nachweisen, dass eine Kindheit auf einem traditionell bewirtschafteten Bauernhof mit einem 50 bis 70 Prozent geringerem Allergierisiko einhergeht. "Und in diesem Sinne die besten Bauernhöfe sind eben die der Amishen."

Die Kinderärztin sagt aber auch: "Allergien sind komplexe Erkrankungen. Zu ihrem Entstehen tragen viele Faktoren bei." Eine große Rolle spielt die Veranlagung – null bis 15 Prozent beträgt das Allergierisiko eines Kindes in bisher unbelasteten Familien, 50 bis 60 Prozent, wenn die Eltern betroffen sind. Auch zahlreiche Umweltaspekte nehmen Einfluss. Und anders als oft behauptet, macht Dreck nicht per se toleranter: Rauchen etwa ist ein Allergiebeschleuniger, wirkt bereits auf das Ungeborene und Studien zufolge bis in die Enkelgeneration. Ebenso Autoabgase – auch deswegen haben Stadtkinder häufiger Allergien.

Länger und heftiger – Warum Beschwerden zunehmen 

"Epidemie des 21. Jahrhunderts" werden Allergien oft genannt, auch wenn die Zahl der Betroffenen bei uns aktuell nicht mehr steigt. "Etwa seit der Jahrtausendwende haben wir ein hohes, stabiles Plateau erreicht", sagt Erika von Mutius. Bei fast der Hälfte der Bevölkerung lassen sich gegen mindestens ein Allergen, also einen Auslöser, Antikörper nachweisen, so eine Studie des Robert Koch-Instituts – man spricht von Sensibilisierung.

Etwa 20 Prozent haben auch Beschwerden, die leider auch jetzt noch zunehmen: Bei Erwachsenen ist Heuschnupfen am häufigsten, bei Kindern Neurodermitis; viele leiden von Jahr zu Jahr stärker. Rußpartikel und Stickoxide, zum Beispiel aus Verbrennungsmotoren, machen Pollen nämlich aggressiver. Zudem bilden Pflanzen bei Stress, etwa durch höhere Temperaturen, Trockenheit oder Luftschadstoffe, mehr Allergene. Und nicht zuletzt macht der Klimawandel Heuschnupfen immer mehr zum Ganzjahresproblem – Hasel und bestimmte Erle-Arten blühen mittlerweile oft schon zu Weihnachten.

Es ist nie zu spät – Wieso Allergien keine Frage des Alters sind  

Wenn Erika Jensen-Jarolim, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie, bei über 70-Jährigen eine Allergie diagnostiziert, ist sie manchmal selbst überrascht – "das Thema wird bei älteren Menschen immer noch unterschätzt." Aber weil unser Immunsystem lebenslang anpassungsfähig bleiben muss, kann es eben auch genauso lang irren und auf eigentlich Harmloses reagieren. "Oft sieht man aber schon früh im Leben, ob es in eine allergische Richtung geht", sagt Erika von Mutius. "Kleinkinder weisen häufig bereits Sensibilisierungen auf, selbst wenn der Heuschnupfen vielleicht erst mit 17 oder 18, das ist dafür ein ganz typisches Alter, ausbricht." Doch in der Pubertät stehen die Chancen auch gut, dass Beschwerden wieder verschwinden – bei fast vier von fünf Kindern wächst sich dann das allergische Asthma aus.

Sogar später kann man noch Glück haben. "Das lässt sich allerdings nicht vorhersagen", so von Mutius. "Es können im Gegenteil auch immer mehr Allergien dazukommen, etwa erst Nahrungsmittel, dann Hausstaub, dann Tiere und irgendwann Pollen." Erika Jensen-Jarolim rät: "Es ist nie zu spät für eine Allergie-Diagnose, selbst wenn im Alter oft andere chronische Erkrankungen im Vordergrund stehen. Wer weiß, was er hat, kann besser damit umgehen und zum Beispiel Allergene vermeiden."

Corona und Allergien – Welchen Einfluss die Pandemie hat

"Vor allem Kinder im Vorschulalter leiden weniger unter ihrem Asthma, weil sie durch die Corona-Maßnahmen insgesamt seltener Infekte haben", sagt Erika von Mutius. Vielen ihrer kleinen Patient*innen gehe es gerade so gut wie noch nie. Aber könnte es nicht auch sein, dass dem Immunsystem ein bisschen das Training fehlt? "Bei Kindern hat das sicher einen Effekt. Er ist umso größer, je jünger sie sind,", so Professor Monika Brunner-Weinzierl von der Universitätskinderklinik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. "Bei einem Kita-Kind sind bis zu 17 Infekte im Jahr normal. Natürlich muss man die nicht alle mitnehmen, aber sie sind schon auch gut für das Immunsystem. Wir wissen, dass Kinder, die in die Kita gehen, später weniger Allergien haben." Ob die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie tatsächlich langfristig immunologische Weichen verstellen, bleibt abzuwarten. "Es wird auf jeden Fall spannend, das in den nächsten Jahren zu beobachten", sagt von Mutius.

Was man in Bezug auf Covid-19 schon weiß: Anders als zunächst befürchtet, scheinen Menschen mit Asthma kein höheres Risiko für einen schweren Verlauf zu haben. Und: Pollenflug macht eine Ansteckung mit dem Virus wahrscheinlicher, so eine Studie der TU München – und zwar auch bei Nicht-Allergiker*innen. Wirksamer Schutz: Staubfiltermasken, die Pollen und Viren abhalten.

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BRIGITTE 10/2021 Brigitte

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