Alternative Krebsbehandlung: Eine gute Alternative?

Wer Krebs hat, möchte neben der schulmedizinischen Behandlung oft noch mehr tun, um gesund zu werden. Das ist gut - aber nicht alle diese Therapien helfen. Und manche schaden sogar. Was man bis heute weiß, sagt die Onkologin Prof. Jutta Hübner.


Brigitte WOMAN 04/2018

Alternative Krebsbehandlungen sind mit Vorsicht zu geniessen

Fast eine halbe Million Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Krebs. Eine richtige Massenerkrankung also, und die Diagnose ist für jeden Einzelnen ein Schock. Viele machen sich dann auf die Suche nach ergänzenden Therapien, um Nebenwirkungen zu mildern oder womöglich sogar die Heilungschancen zu steigern. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena, kann manche der komplementären Methoden durchaus empfehlen, doch vor anderen warnt sie ausdrücklich.

Brigitte Woman: Frau Prof. Hübner, wieso interessieren sich ausgerechnet Krebspatienten so sehr für Komplementär- oder Alternativmedizin? Dieses Bedürfnis ist ja zum Beispiel bei Herzinfarktpatienten oft viel geringer.

Prof. Hübner: Ich vermute, dass komplementäre Therapien bei Krebspatienten so gefragt sind, weil die Krankheit immer noch Todesangst auslöst. Man möchte einfach sicher sein, wirklich alles fürs Überleben getan zu haben. Hinzu kommt: Der Krebs ist ein schwer greifbares Phänomen mit seiner als unheimlich empfundenen "feindlichen Übernahme" des Körpers. Und diese Unsicherheit führt dazu, dass man sich zusätzliche Hilfe sucht.

Mir ist dabei ganz wichtig, eines klarzustellen: Eine Alternativtherapie ist eine Behandlung anstatt einer leitliniengerechten Therapie. Das ist grundsätzlich nie zu empfehlen. Eine Komplementärtherapie dagegen ergänzt die übliche Behandlung, und da gibt es gute Methoden, gerade auch zur Abmilderung von unter Umständen sehr belastenden Nebenwirkungen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Ingwer gegen Übelkeit infolge einer Chemotherapie, am besten als Ingwertee.

Wieso können die Schulmediziner diesem Bedürfnis offenbar so schlecht gerecht werden?

Leider wird mit den Patienten nach wie vor viel zu wenig geredet, es ist zu wenig Zeit, um auf ihre Ängste und Bedürfnisse wirklich einzugehen. Da sind die sogenannten Alternativmediziner oft viel besser. Dadurch gewinnen sie Vertrauen - und zwar auch für Behandlungsmethoden, die tatsächlich haarsträubend und gefährlich sind.

Einige der komplementären Therapien sind aber sinnvoll.

Auf jeden Fall! Zwar ist die Datenlage für viele Substanzen nach wie vor nicht sehr gut, aber es kristallisieren sich inzwischen doch ein paar Kandidaten heraus, die man empfehlen kann. Vitamin D zum Beispiel hat eine regulierende Wirkung auf das Zellwachstum. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass Krebspatienten damit ihre Prognose verbessern können. Und tendenziell sind die Menschen in Deutschland ja eher nicht so gut mit Vitamin D versorgt, gerade in der dunklen Jahreszeit und direkt danach.

Selen ist auch so ein Kandidat. Die Selenversorgung kann man ganz leicht selbst verbessern, ohne die Gefahr einer Überdosierung: einfach zwei Paranüsse pro Tag essen. Vorsichtig sein sollte man mit Folsäure und B-Vitaminen, das sind eher Wachstumsfaktoren für Tumorzellen, und es gibt auch wenige zuverlässige Daten.

Aber manche Patienten sollen doch ausdrücklich B-Vitamine oder Folsäure einnehmen?

Ja, das sind aber Ausnahmefälle. Es gibt Medikamente wie das Zytostatikum Pemetrexed gegen Lungenkrebs, da sind B-Vitamine begleitend notwendig, um Nebenwirkungen abzumildern. An diesem Beispiel sieht man, wie differenziert man das sehen muss. Niemand sollte einfach irgendwelche Vitamine nehmen oder andere komplementäre Therapien anfangen, ohne mit dem behandelnden Onkologen darüber zu sprechen.

Und was ist mit Antioxidantien, also zum Beispiel den Vitaminen A, C und E?

Davon bekommt man mit einer ausgewogenen Ernährung eigentlich genug. Und hoch dosierte Antioxidantien können auch schaden, denn sie schwächen die Wirkung einer Chemotherapie ab, weil sie nicht nur gesunde, sondern auch Krebszellen widerstandsfähiger machen.


Viele Krebspatienten möchten ihr Immunsystem stimulieren, damit es die Krebszellen besser bekämpfen kann. Hier sind ja Mistelpräparate sehr beliebt.

Viele schwören auf Mistel, und etliche Patienten fühlen sich damit besser. Aber es gibt nach wie vor keinen Beweis, dass Mistelpräparate zur Heilung beitragen und das Leben verlängern. Und seitdem es die neuen Immuntherapeutika in der Krebsbehandlung gibt, die ebenfalls das Immunsystem gegen den Krebs in Stellung bringen, sollte man mit Mistel noch vorsichtiger sein. Es könnte sein, dass beide Mittel sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken und das Immunsystem überstimulieren, sodass die Gefahr einer Autoimmunerkrankung steigt. Grundsätzlich kann es aber bei allen komplementären Mitteln zu einer Wechselwirkung mit Krebsmedikamenten kommen, die deren Wirkung entweder abschwächt oder verstärkt.

Und was halten Sie von Enzympräparaten, mit Wirkstoffen z. B. aus der Ananas?

Da gibt es auch wenige verlässliche Studien, doch möglicherweise hilft beispielsweise das Enzym Bromelain gegen Muskel- und Gelenkschmerzen bei einer antihormonellen Brustkrebstherapie. Das könnte man also probieren, wenn Vitamin D und Sport nichts bewirken. Kann man Sport ebenfalls als eine solche komplementäre Therapie bezeichnen? Körperliche Aktivität - ob als Sport oder auch bei der Gartenarbeit oder beim Spielen mit den Kindern oder Enkeln - ist extrem wichtig, nicht nur fürs Wohlbefinden. Sie verbessert zugleich die Heilungschancen.
 

Und von welchen komplementären Mitteln raten Sie eindeutig ab?

Richtig gefährlich sind z. B. Aprikosenkernextrakte (Vitamin B17). Da hat es in der Vergangenheit schon tödliche Blausäurevergiftungen gegeben.

Und das darf trotzdem weiterhin verordnet werden?

Das gibt es sogar als Infusionen, die von Ärzten verabreicht werden. Wenn ein Patient aufgeklärt wurde, dass die Behandlung nicht leitliniengerecht ist und schwere Nebenwirkungen haben kann, er aber einverstanden ist und unterschreibt, dann dürfen Sie als Therapeut fast alles - da können Sie jemandem auch Gift in die Venen jagen!

Es kommt immer wieder vor, dass gutgläubige Patienten von unseriösen Heilern nicht nur finanziell ruiniert werden, sondern durch eine ungeeignete alternative Therapie jede Heilungschance verlieren. Wieso halten Patienten solchen Therapeuten so lange die Treue, obwohl sie merken, dass es ihnen immer schlechter geht?

Das ist ein bisschen wie an der Börse. Selbst wenn der Kurs in den Keller geht, hat man schon zu viel investiert und will nicht mit Verlusten aussteigen. Patienten denken dann, jetzt hab ich schon so viel Geld ausgegeben - bestimmt muss ich nur noch ein bisschen Geduld haben, dann geht es wieder aufwärts. Oft schämen sie sich auch, ihren Fehler zuzugeben, und trauen sich nicht, zu den Schulmedizinern zurückzukehren. Und manche alternative Heiler sind auch Meister darin, Patienten ein schlechtes Gewissen zu machen. Wenn es ihnen trotz der Therapie schlechter geht, sind sie selbst schuld: weil sie nicht positiv genug denken oder weil sie sich nicht gut genug an die Anweisungen des Therapeuten gehalten haben.

Aber wie erkennt man denn als Laie im Vorfeld, dass ein Therapeut nicht seriös ist?


Es gibt ein paar Warnsignale: Wenn jemand verlangt, dass man alle schulmedizinischen Mittel absetzt und dass der behandelnde Onkologe nicht informiert wird, ist das verdächtig. Auch wenn der Therapeut behauptet, sein Mittel helfe gegen jede Art von Krebs und dass er Patienten heilen kann, die von der Schulmedizin "aufgegeben" wurden oder wenn die Methode keine Krankenkasse bezahlt, sollte man sich lieber näher informieren.

Bloß wo? Der behandelnde Arzt kennt ja vermutlich auch nicht jede alternativmedizinische Methode. Oder er lehnt eine Komplementärtherapie von vornherein ab.


Ja, es gibt noch viel zu wenige kompetente Beratungsstellen. Gut ist der Krebsinformationsdienst am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Auch die Deutsche Krebshilfe hat ein Informationsangebot. Und meine Stiftung Perspektiven bietet ebenfalls seriöse Beratung.  

Dr. Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena, hat eine Stiftung gegründet für Menschen mit Krebs und deren Angehörige, die selbst aktiv werden wollen. 

Webadressen und Telefonnummern:  
www.krebsinformationsdienst.de, kostenlose telefonische Beratung unter 0800/420 30 40. 
www.infonetz-krebs.de, kostenlose telefonische Beratung unter Tel. 0800/80 70 88 77.
Auf www.stiftung-perspektiven.de gibt es ein Wissensportal mit zahlreichen Faktenblättern,
 die in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie entstehen. 

Buchtipp:
"Aloe, Ginko, Mistel & Co." von Jutta Hübner, 295 S., 24,99 Euro, Schattauer Verlag.
"Krebszellen mögen keine Himbeeren. Nahrungsmittel gegen Krebs" von Richard Béliveau und Denis Gingras, 213 S., 22,99 Euro, Kösel Verlag. 

Wer hier schreibt:

Sabine Thor-Wiedemann
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