Behandlungsfehler: Ärzte brechen ihr Schweigen

Täglich passieren hunderte Behandlungsfehler in deutschen Arztpraxen und Kliniken - doch keiner spricht darüber. Jetzt reden erstmals 17 mutige Mediziner öffentlich über ihr Versagen.

Das Kind, neun Monate alt, ist unruhig, es weint oft, die Mutter ist besorgt. Die junge Ärztin hört Herz und Lunge ab, findet nichts Auffälliges, sieht nur einen geröteten Hals - es ist Grippezeit. Sie diagnostiziert einen beginnenden grippalen Infekt. Tatsächlich hat der Kleine einen Leistenbruch.

"Noch heute spüre ich den Luftzug des Damokles-Schwertes über mir", sagt Vittoria Braun, die einst als junge Ärztin die falsche Diagnose stellte. Heute ist sie Professorin an der Berliner Charité - und eine von 17 mutigen Ärzten, Krankenschwestern und Therapeuten, die in der Broschüre "Aus Fehlern lernen" des Aktionsbündnisses Patientensicherheit offen über eigene Behandlungsfehler reden.

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Die meisten Vorfälle werden verschwiegen

Rund 17 Millionen Klinikbehandlungen führen deutsche Ärzte jedes Jahr durch. In bis zu 560.000 dieser Fälle unterlaufe einem Mediziner bei der Behandlung ein Fehler, schätzt das Aktionsbündnis Patientensicherheit. Doch meist werden die Vorfälle verschwiegen - die Mediziner fürchten Klagen und das Vertrauen der Patienten zu verlieren. Und noch immer wollen sich viele Ärzte nicht eingestehen, dass sie nicht unfehlbar sind.

"Wo Menschen arbeiten, sind Fehler nicht zu vermeiden, gerade wenn man die komplexen und schnellen Abläufe in der modernen Medizin und Pflege berücksichtigt", schreiben im Vorwort der Broschüre der Ärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe und Matthias Schrappe, Vorsitzender des Aktionsbündnisses. Sie wollen Ärzte und Pflegekräfte ermutigen, Fehler einzugestehen. "Hohe Qualität und Sicherheit der gesundheitlichen Versorgung lassen sich längerfristig nur erhalten, wenn jeder konsequent versucht, aus vermeidbaren Fehlern, Schäden und Beinahe-Schäden zu lernen."

Zeitmangel und Missverständnisse

Die Fälle machen deutlich, dass keineswegs Unfähigkeit der Mediziner für die Fehler verantwortlich ist. Vielmehr stecken oft Zeitmangel und Missverständnisse dahinter. So erzählt ein Chirurg, wie er eine junge Weitspringerin am falschen Knie operierte - auf der Operationseinwilligung war die falsche Seite vermerkt worden. Eine Krankenschwester schildert, wie sie eine Kanüle bei einer unruhigen Patientin mit Luftröhrenschnitt fixiert. Sie muss ihre Arbeit aber unterbrechen, um zum nächsten Patienten zu hetzen. Als sie zu der Frau zurückkehrt, hat diese selbst versucht, die Kanüle zu befestigen, und ist dabei erstickt.

"Seit jenem Ereignis reagiere ich immer auf den ganzen Menschen, nehme ihn und seine Bedürfnisse ernst. Und ich lasse mich nicht mehr unter Druck setzen", schreibt die Krankenschwester. Und auch der Chirurg hat aus dem Vorfall mit dem falschen Knie gelernt. Vor der Operation markiert er nun das zu operierende Knie stets mit einem nicht abwischbaren Stift - bevor der Patient seine Narkose bekommt.

Text: Angelika Unger

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