Bestenfalls unwirksam

Alternative Heilmethoden können gefährlich sein: Professor Walter Dorsch warnt vor Bioresonanz und Co..

Viele Allergiker fragen Ihren Arzt nach alternativen Heilmethoden. Die meisten dieser Methoden sind jedoch bei Schulmedizinern in ihrer Wirksamkeit umstritten, viele gelten sogar als vollkommen wirkungslos. Dabei gibt es Patienten, denen durch alternative Heilmethoden geholfen werden konnte. Dem gegenüber stehen die Bedenken von anerkannten Allergologen, die vor alternativer Medizin warnen. Zu ihnen gehört Professor Walter Dorsch, Leiter der Arbeitsgruppe "Komplementärmedizin" der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI). Brigitte.de hat ihn gefragt, vor welchen Methoden sich Patienten besser hüten sollten und warum.

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Brigitte.de: Herr Professor Dorsch, Sie haben sich umfassend mit alternativen und ergänzenden Methoden zur Diagnostik und Heilung von Allergien befasst. Welche Methoden sind Ihrer Meinung nach für Allergie-Patienten nicht nur wenig geeignet, sondern sogar schädlich?

Professor Walter Dorsch: In erster Linie ist hier die Bioresonanz zu nennen. Hier werden Diagnosen gestellt, die oft falsch sind. Zudem können sie nicht reproduziert werden, das heißt bei einer Wiederholung des gleichen Tests kommen immer andere Ergebnisse zustande. Aufgrund dieser Fehldiagnosen werden Therapien verordnet, die im schlimmsten Fall das Leben der Patienten gefährden.

Brigitte.de: Mit welcher Technik arbeitet die Bioresonanz?

Professor Walter Dorsch: Der Patient sitzt oder liegt, stellt die Füße auf eine Metallplatte und nimmt Kupferteile in die Hände. Das elektrische Rauschen des Körpers wird in dem so genannten Biocom-Gerät aufgezeichnet. Einer obskuren internen Logik folgend, werden gewisse Wellen als Störwellen identifiziert. Auf Grundlage dieser Untersuchung werden Diagnosen erstellt, etwa, dass der Patient ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht verträgt. Zur Behandlung des Patienten schließlich werden diese negativen Wellen umgepolt und ihm als positive Welle zurückgegeben, was dann als "Löschung" der Allergie oder Krankheit bezeichnet wird. Aus der unseriösen Diagnostik resultieren diverse therapeutische Empfehlungen...

Brigitte.de: Die schlimme Folgen haben können...

Professor Walter Dorsch: In der Tat. Zum Beispiel werden Kleinkindern bestimmte Lebensmittel wie Milch oder Weizenprodukte verboten, weil sie angeblich dagegen allergisch sind. Das sind aber Nahrungsmittel, die Kinder dringend benötigen. Diese Art der Therapie hilft ihnen also nicht, sondern gefährdet im Gegenteil ihre Gesundheit. Ein anderes Beispiel sind Patienten, die allergisch auf Bienengift reagieren: Bienengiftallergiker, die sich einer Bioresonanztherapie unterzogen haben, riskieren ihr Leben, wenn sie sich im Vertrauen auf die versprochene Heilung nicht weiter gegen Bienenstiche schützen.

Brigitte.de: Wie kommt es dann, dass es überhaupt Patienten gibt, die sich dieser Methode anvertrauen?

Professor Walter Dorsch: Bioresonanz funktioniert im besten Fall, also wenn der Patient nicht zu Schaden kommt, wie ein simples Betrugsmanöver: Nicht existente Allergien werden "wegbehandelt". Der Patient wähnt sich geheilt von einer Krankheit, die er nie hatte. Auf diesem vorgeblichen Heilungserfolg gründet sein Vertrauen. Bei existenten Allergien allerdings ist der spezifische Heilungserfolg der Bioresonanz gleich Null.

Brigitte.de: Aber es gibt Patienten, die unter einer Allergie litten und angeben, durch eine Behandlung mit alternativen Methoden wie der Bioresonanz geheilt worden zu sein.

Professor Walter Dorsch: Eine Umfrage unter stark an Alternativmethoden interessierten Allergiepatienten des Deutschen Allergie- und Asthmabundes hat ergeben, dass etwa ein Viertel von ihnen eine kurzfristige Besserung ihrer Beschwerden nach bloßem Handauflegen spürten. Bei 75 Prozent trat allerdings keine Wirkung ein. Bei der Bioresonanz registrierten 22,9 Prozent der Befragten eine kurzzeitige Wirksamkeit, zwei Drittel der Patienten überhaupt keinen Effekt. Nur jeder Zehnte gab an, geheilt worden zu sein. Wir alle wissen, dass die menschliche Zuwendung des Behandelnden, der Glaube des Patienten an seine Heilung Mut macht und Erleichterung schafft, die allerdings oft nur von kurzer Dauer ist. Ein Lump, wer teures Geld dafür verlangt. Leider spielt manchmal auch die Höhe der Rechnung eine wichtige Rolle: Meist müssen die Patienten eine Menge Geld für die Behandlung hinlegen - da liegt es näher, an einen Heilungserfolg zu glauben.

Brigitte.de: Gibt es weitere Verfahren, vor denen man sich hüten sollte?

Professor Walter Dorsch: Ja, beispielsweise Diagnoseverfahren, die den Nachweis von so genannten IgG-Antikörpern gegen Nahrungsmittel zur Identifikation von Allergien heranzieht. Diese Antikörper werden von jedem Menschen gebildet, manche haben sogar eine Schutzfunktion. Privatlabors lassen sich den Antikörper-Nachweis und eine daraus erstellte Liste mit zu vermeidenden Nahrungsmitteln, die dem Patienten suggerieren, er könne auf diese Weise allergische Reaktionen vermeiden, teuer bezahlen. Dieses Verfahren ist jedoch reine Beutelschneiderei. Auch die kinesiologische Allergiediagnostik ist unseriös: Kinesiologische Allergie-Diagnosen, die in einer Studie der Hamburger Universitätshautklinik untersucht wurden, waren untereinander widersprüchlich und darüber hinaus fast nie deckungsgleich mit klinisch erhobenen allergologischen Diagnosen.

Brigitte.de: Dennoch gibt es einige Naturheilverfahren, die auch von Ihnen als sinnvolle Ergänzung zu herkömmlicher Allergologie eingestuft werden. Welche sind das?

Professor Walter Dorsch: Einfach, kostengünstig und wirksam sind Kneippsche Methoden, die sich zum Beispiel positiv auf Infektionsasthma bei Kindern auswirken. Auch funktionelle Entspannung, Pflanzenheilkunde und pflanzliche Arzneimittel können eine sinnvolle Ergänzung sein. Nachgewiesene Wirksamkeit hat auch die Akupunktur. Allerdings steht hier der kostenmäßige Aufwand in schlechtem Verhältnis zum Nutzen: Die Kosten für eine einzige Akupunktur-Sitzung entsprechen dem Arzneimittelbudget eines Kassenpatienten für zwei Quartale. Außerdem ist die Langzeitwirkung von Akupunktur umstritten. Für alle komplementären Verfahren gilt im Übrigen, dass sie die klassische Allergologie nur ergänzen, nicht aber ersetzen können.

Interview: Wiebke Peters Stand: März 2003
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