Ausprobiert: Brustkrebsfrüherkennung – Blinde Frauen ertasten Tumore

Zu etwa 70 Prozent ertasten Frauen ihren Brustkrebs selbst. Meist ist der Tumor dann aber schon sehr groß. Mit blinden Helferinnen will eine Initiative die Brustkrebsfrüherkennung jetzt besser machen und nutzt dafür ihre hohe Sensibilität in den Fingerspitzen. Unsere Autorin berichtet von ihrem Termin.

Derzeit erkrankt eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Dabei steigt das Risiko nicht nur mit zunehmendem Alter, auch verschiedene andere Faktoren können aus einer Frau schon früh eine Risikopatientin machen.

Mein Großvater erkrankte mit 73 Jahren an Brustkrebs. Eine ungewöhnliche Diagnose bei Männern, die nur selten früh erkannt wird und außerdem wenig erforscht ist. Mein Opa hatte Glück – nach einer Operation besiegte er den Krebs. Jedoch gehören seit dieser Diagnose nicht nur meine Mutter, sondern auch meine Schwester und ich zu den Risikopatienten.

Blinde Frauen nutzen ihr Handicap

Zweimal im Jahr kann ich seitdem meine Brust bei meiner Frauenärztin untersuchen lassen – obwohl ich erst 25 Jahre alt bin. Neben dieser herkömmlichen Methode gibt es mittlerweile auch eine beeindruckende Zusatzmaßnahme – jedoch keine gängige. Denn Ineke Hovenkamp, die Frau, die sie durchführt, ist blind. Sie hat ihr Handicap genutzt und in ein Talent verwandelt. Als Medizinisch-Taktile Untersucherin (MTU), bei der Organisation "discovering hands", fühlt sie, ob sich in Brüsten Knoten gebildet haben.

Bei meinem ersten Termin bei ihr, in einer Arztpraxis in Salzgitter, zückt sie einen kleinen weißen Stoffbeutel. Das Band mit den sechs verschieden große Knoten darin hat sich verheddert – sie bittet mich um Hilfe. Meine Hände sind zwar nicht so geschickt wie ihre, doch den Knoten kann ich für sie lösen. Die kleinste der Kugeln am Band ist kaum größer als ein Stecknadelkopf. "Ich kann die zwei kleinsten Kugeln ertasten", betont sie. "Finde ich eine Auffälligkeit, rufe ich sofort den Arzt in meinen Behandlungsraum – er nimmt dann weitere Untersuchungen vor."

Die Brust wird in vier Zonen untersucht

Die Behandlung dauert etwa 45 Minuten – je nach Größe der Brust kann es länger oder kürzer dauern. Los geht es im Sitzen: Am Anfang streicht Ineke Hovenkamp vorsichtig vom Hals über meine Brust bis zur Höhe meines Bauchnabels, als wolle sie ein Gefühl für die Form meines Körpers bekommen. Ihre Hände sind angenehm warm: "Ich habe Glück, dass mir von Natur aus immer sehr warm ist", erklärt sie. "Aber ich achte darauf, dass meine Fingernägel immer kurz sind, damit es für die Patienten angenehm ist und ich sie nicht kratze."

Unwohl fühle ich mich – so halbnackt neben ihr – keineswegs. Irgendwie schafft sie es, die Stimmung mit jedem Satz noch etwas mehr zu lockern. Vielleicht hat auch ihr niedlicher Akzent – sie kommt aus den Niederlanden – etwas damit zu tun.

Brustkrebs erkennen: Dies sind verkannte Warnsignale

Jetzt darf ich mich hinlegen und die eigentliche Untersuchung beginnt. Ineke Hovenkamp untersucht meine Brust in vier Zonen und verteilt fünf weiß-rot-geringelte Streifen mit Blindenschrift auf meinem nackten Oberkörper. Jeweils ein Streifen kommt genau über die Mitte meiner Brust. Sie legt ein kleines Wattepad auf meine Brustwarze und beruhigt: "Dann tut es nachher beim Abziehen der Streifen nicht weh." Der letzte Streifen kommt in die Mitte. Etwa fünf Zentimeter unterhalb meines Kehlkopfes klebt sie ihn parallel zu meinen Brüsten auf.

"Die Klebestreifen dienen als Raster für das Gutachten. Wenn ich etwas finde, kann ich genau aufschreiben, an welcher Stelle die Auffälligkeit ist." Ist alles aufgeklebt, tastet sie los. Sie untersucht sorgfältig. Sie ist konzentriert, ganz bei der Sache. Es dauert. Immer wieder wechselt sie ihre Position – mal muss ich näher an sie heranrücken, mal finden ihre Finger auf Anhieb die richtige Stelle. Unangenehm ist es zu keinem Zeitpunkt – obwohl die Untersuchung so ausführlich ist.

Etwa 45 Minuten dauert eine Untersuchung

Zwischendurch überlege ich, ob ich es überhaupt merken würde, wenn Ineke Hovenkamp eine Auffälligkeit entdeckt. Sie ist so konzentriert, dass ihr Gesicht die ganze Zeit angespannt bleibt. Vermutlich nicht, lautet mein vernichtendes Urteil. Durch die Länge der Untersuchung schleicht sich dann aber doch irgendwann ein unwohles Gefühl ein. Dauert es tatsächlich immer so lange? Oder hat sie vielleicht doch etwas gefunden? Nach 45 Minuten erhalte ich das erlösende Ergebnis: Keine Auffälligkeiten.

Als ich mich wieder anziehe, will ich von ihr wissen, ob sie in der Lage sei, gezielt Krebs zu ertasten, aus dem Knoten schließen zu können, ob er gut- oder bösartig ist? "Nein", sagt sie. Das könne sie nicht. "Ich kann nur Auffälligkeiten ertasten. Aber die haben zum Glück selten etwas Schlimmes zu bedeuten."

Natürlich gehe ich weiter zu meiner Frauenärztin und verlasse mich nicht komplett auf diese eine Maßnahme – ein gutes Gefühl hat sie mir aber auf jeden Fall gegeben! 

wit
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