Bluthochdruck-Behandlung: Das hat sich geändert

Er ist ein stiller Killer: Bluthochdruck. Welche Werte nicht überschritten werden sollten, wie sie sich erreichen lassen und worauf sich europäische Experten geeinigt haben, sagt der Kardiologe Joachim Weil.

BRIGITTE WOMAN: Seit letztem Jahr gibt es neue Empfehlungen der ärztlichen Fachgesellschaften für die Behandlung von Bluthochdruck, in den USA gab es sie schon davor. Was ist damit für Patient*Innen in Deutschland anders geworden?

Joachim Weil: Die Amerikaner haben 2017 den Wert, ab dem ein erhöhter Blutdruck behandelt werden muss, auf 130/80 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) heruntergesetzt. Dadurch bekamen deutlich mehr Erwachsene die Diagnose "Bluthochdruck". Der Grund dafür waren die Ergebnisse einer großen Studie, der SPRINT-Studie. Allerdings wurde dabei der Blutdruck in Abwesenheit von ärztlichem Personal automatisch gemessen, also ganz anders als bei uns üblich. Die Werte fielen daher vermutlich niedriger aus.

Wir Europäer halten deshalb im Gegensatz zu den Amerikanern an der bisherigen Definition fest. Für uns ist alles, was über 140/90 mmHg liegt, eine Hypertonie mit den entsprechenden Abstufungen und Schweregraden. Neu ist jedoch, dass auch wir in der Behandlung einen niedrigeren Wert anstreben, nämlich 130/80 mmHg.

Also gibt es letztendlich doch eine Absenkung der Werte. Müssen Patient*Innen jetzt früher Medikamente nehmen?

Nein, behandelt werden muss genau wie zuvor, wenn der Blutdruck bei mehrfachem Messen über 140/90 mmHg liegt. Der Unterschied ist: Wenn der Wert durch ein Arzneimittel auf 135/80 mmHg gesenkt werden konnte, war der Arzt bisher damit zufrieden. Jetzt empfehlen unsere neuen Leitlinien, mit einem Kombinationspräparat aus zwei unterschiedlichen Substanzen zu beginnen, um dem Zielwert von 130/80 mmHg näher zu kommen.

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Was ist der Vorteil daran?

Das größte Problem bei der Behandlung von Bluthochdruck ist die fehlende Therapietreue. Die Erkrankung tut nicht weh, man merkt sie nicht, soll aber trotzdem Tabletten schlucken. Das gefällt vielen Patienten nicht. Und je mehr verschiedene Mittel verordnet werden, desto weniger werden sie auch eingenommen. Nach einem Jahr nehmen etwa 60 Prozent der Betroffenen ihre Medikamente nicht mehr regelmäßig. So ist es oft schon schwierig, den Blutdruck auf 140/90 mmHg zu senken. Das verursacht nicht nur viele tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch hohe Kosten.

Deshalb empfiehlt die neue Leitlinie, frühzeitig mit einem Kombinationspräparat zu behandeln. Denn dann müssen die einzelnen Substanzen nicht so hoch dosiert werden. Das hat den Vorteil, dass die blutdrucksenkende Wirkung stärker und der Anteil der Nebenwirkungen geringer ist als bei einer hochdosierten Einzeltherapie.

Gerade die Nebenwirkungen sind ja oft der Hauptgrund, warum die Therapie abgebrochen wird ...

Nebenwirkungen, die durch die Wirkstoffe der Tabletten verursacht werden, sind in der Tat bei dieser Vorgehensweise seltener zu erwarten. Oft ist die subjektive Befindlichkeit jedoch durch die Absenkung des Blutdrucks per se gestört. Wenn der Körper über viele Jahre oder Jahrzehnte an einen Blutdruck von 160/100 mmHg gewöhnt ist, fühlt er sich mit 130/80 mmHg vermutlich nicht wohl, zumindest anfangs nicht. Aber das ist nur ein vorübergehender Effekt. Der Organismus muss sich erst an den niedrigeren Blutdruck gewöhnen.

Auch wenn man schon bei vergleichsweise niedrigen Werten behandelt, schützt das nicht notwendigerweise vor tödlichen Herzerkrankungen – aber es wirkt sich negativ auf die Psyche der Patienten aus: Wer das Etikett "krank" aufgedrückt bekommt, leidet vermutlich eher unter depressiver Stimmung. Wie lässt sich so ein "Labeling-Effekt" verhindern?

Generell sollten Patienten während der frühen Phase der Medikamenteneinstellung regelmäßig von ihrem behandelnden Arzt gesehen werden, um etwaige Probleme rechtzeitig zu erkennen. Sollte am Anfang einer Therapie der Blutdruck massiv sinken und so das Wohlbefinden drastisch beeinträchtigen, sollten Patienten sofort mit ihrem Arzt sprechen. Eventuell ist es sinnvoll, die Medikation zunächst zu halbieren oder den Blutdruck für drei Monate bei 140/90 mmHg zu belassen, bevor eine weitere Senkung angestrebt wird.

Erst wenn jemand die Behandlung gut verträgt, kann man versuchen, ihn auf 130/80 mmHg einzustellen. Ist das nicht zu schaffen, muss man wieder zurückgehen. Ziel sollte immer eine langsame Absenkung des Blutdrucks sein. Dadurch kann auch die Therapietreue erhöht werden. Außerdem sollte der Arzt bei jedem Unwohlsein abklären, ob nicht doch eine "echte" Nebenwirkung des Medikaments vorliegt. Selten kann es mal zu einem akuten Nierenversagen kommen. Entsprechende Laborkontrollen können hier Klarheit schaffen.

Die Leitlinien gelten als Rahmenempfehlung. Grundsätzlich sollte immer eine individualisierte Therapie durchgeführt werden. Was bedeutet das?

Das Wichtigste ist, den Patienten als Ganzes zu betrachten. Die meisten unserer Patienten haben Begleiterkrankungen wie Diabetes oder koronare Herzerkrankungen. Zu Beginn der Behandlung wählen wir die Medikamente anhand dieser individuellen Begleiterkrankungen aus. Hat ein Patient zum Beispiel erblich bedingt ein hohes Diabetesrisiko, würde man von der Therapie mit einem Betablocker absehen, da dieser das Risiko für das Auftreten eines Diabetes deutlich erhöht. Hat ein Patient dagegen Vorhofflimmern, ließe sich dies mit Betablockern behandeln und so gleichzeitig ein hoher Blutdruck senken.

Viele Betroffene möchten nicht gleich Medikamente nehmen, sondern es mit einer Veränderung des Lebensstils versuchen. Wie viel Zeit würden Sie einer Patientin dafür geben?

Das kommt auf den Wert an. Bei einem systolischen Blutdruck von 180 oder 190 mmHg würde ich mit einer Therapie nicht so lange warten wie bei 150/90 mmHg. Da kann man sich ein halbes Jahr Zeit lassen und erst einmal den Lebensstil verändern: mehr Bewegung, Übergewicht reduzieren, weniger Kochsalz, nicht rauchen, möglichst auf Alkohol verzichten. Damit lässt sich oft schon eine ganze Menge erreichen. Und natürlich wäre es ideal, ganz ohne Tabletten auszukommen. Zur Diagnostik eines hohen Blutdrucks gehört immer eine 24-Stunden-Messung, um zu sehen, wie sich der Blutdruck im Alltag und auch nachts verhält. Eine solche Messung kann man nach drei bis sechs Monaten wiederholen. Hat der veränderte Lebensstil keine Verbesserung gebracht, müssen doch Medikamente genommen werden, sonst steigen die bekannten Risiken.

Gibt es keine Alternative dazu?

Bisher nicht. In naher Zukunft könnte die sogenannte renale Denervation (RDN) eine Möglichkeit werden, Bluthochdruck ohne Medikamente zu behandeln. Das ist ein minimal-invasiver Eingriff, bei dem die Enden der Stressnerven in den Nierenarterien verödet werden. Auf diese Weise lässt sich der Blutdruck ähnlich senken wie mit Tabletten. Dass das therapeutische Prinzip wirkt, ist inzwischen nachgewiesen, allerdings muss das Verfahren noch genauer untersucht werden. Mit den Ergebnissen wird in zwei Jahren gerechnet.

Oft wird Bluthochdruck gar nicht bemerkt. Wie ließe sich die Früherkennung verbessern?

Bluthochdruck ist keine Befindlichkeitsstörung, sondern ein "stiller Killer". Die arterielle Hypertonie ist weltweit die führende Ursache für das Auftreten tödlicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch unbemerkt kann sie auf Dauer zu irreparablen Organschäden, zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Nierenversagen führen. Jeder sollte deshalb jede Gelegenheit nutzen, um seinen Blutdruck kontrollieren zu lassen – beim Haus- oder Betriebsarzt, in der Apotheke oder beim Gynäkologen.

Bluthochdruck und alle Folgeerkrankungen, die damit zusammenhängen, sind gerade für Frauen das größte Gesundheitsrisiko. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Eine rechtzeitig einsetzende Therapie kann das Auftreten dieser Organschäden minimieren.

Bluthochdruck: Gut zu wissen 

• In Deutschland haben 20 bis 30 Millionen Menschen einen zu hohen Blutdruck (Hypertonie). Hinzu kommen alle, die nichts davon wissen – ein zu hoher Blutdruck wird sehr oft zufällig entdeckt. Denn anders als ein zu niedriger Blutdruck bereitet er meist keine eindeutigen Beschwerden. Es gibt aber Warnsignale, darunter Kopfschmerzen, Sehstörungen, Flimmern vor den Augen, gerötete Gesichtshaut, starkes Herzklopfen oder das Gefühl, das Herz springt aus der Brust, Kurzatmigkeit, Schlafstörungen und Schlafapnoe (sie ist eine Ursache für Hypertonie).

• Ab fünfzig sind Frauen verstärkt betroffen, auch wenn ihr Blutdruck bis dahin immer zu niedrig war.

• Nach der aktuellen "Europäischen Leitlinie für die Behandlung von Bluthochdruck" der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardiology (ESC) gelten Werte über 140/90 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) als Bluthochdruck; bei 130 –139/ 85–89 mmHg spricht man von hochnormalem Blutdruck. Werte von 120–129/80–84 mmHg sind ein normaler Blutdruck. Als optimal gelten 120/80 mmHg oder darunter.

• Mehr Infos zu Blutdruck, Messgeräten und Adressen von zertifizierten Hypertonie-Zentren, spezialisierten Ärzten und Selbsthilfegruppen gibt die Deutsche Hochdruckliga e. V . DHL / Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention unter hochdruckliga.de

• Eine Broschüre zum Thema kann bei der Deutschen Herzstiftung e. V . heruntergeladen oder bestellt werden: herzstiftung.de/Bluthochdruck-Sonderband.html

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BRIGITTE WOMAN 11/2019

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt
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