Blutvergiftung: Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Sepsis

Eine Blutvergiftung ist gefährlicher als Darmkrebs oder Herzinfarkt. Zumindest kann sie schwere Schäden hinterlassen. Das Fatale: Sie wird oft erst spät erkannt.

Justina hatte Glück. Unterhalb des Knies sind ihre Beine amputiert, zwischen Hosensaum und Sneakern glänzen metallene Prothesen. Der Händedruck der 21-Jährigen ist weich wie der eines Kindes, denn auch ihre Finger sind nur noch kurze Stumpen. Und trotzdem: Justina hatte Glück. Mit 19 erlitt sie nach einer Infektion eine schwere Sepsis, umgangssprachlich Blutvergiftung genannt. Acht Tage lag sie im künstlichen Koma, danach einen Monat auf der Intensivstation, eine Zeit, die sie nur vage als eine Mischung aus Albträumen, Realität und Halluzinationen erinnert. Erst in den Wochen danach begann sie zu begreifen, wie knapp sie mit dem Leben davongekommen war.

Unser Immunsystem bekämpft auch körpereigenes Gewebe: Ein septischer Schock führt in 40 bis 60 Prozent der Fälle zum Tod

Weltweit stirbt alle vier Sekunden ein Mensch an einer Sepsis. Damit ist es die führende infektionsbedingte Todesursache. Allein hierzulande erkranken jedes Jahr etwa 280 000 Menschen, fast 75 000 versterben. Sepsis ist häufiger als Brust- oder Darmkrebs; an ihr versterben mehr Menschen als an einem Herzinfarkt. Und auch in anderen Industrienationen ist die Sepsis-Rate in den vergangenen Jahren gestiegen – unter anderem wegen der höheren Lebenserwartung.

Trotzdem taucht der Begriff in den Todesstatistiken häufig nicht auf, weil dort meist nur die Grunderkrankung aufgeführt wird. Weltweit setzen sich Expertinnen und Experten wie Prof. Konrad Reinhart, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung und Seniorprofessor an der Uniklinik Jena, für mehr Aufklärung und Forschung ein. Denn nach wie vor wissen die meisten von uns nur wenig über diese Krankheit. Eine Sepsis kann sich aus nahezu jeder akuten Infektion plötzlich und unerwartet entwickeln.

Die häufigsten Auslöser sind Bakterien, seltener stoßen Viren, Pilze oder Parasiten den lebensbedrohlichen Prozess an. Gelingt es unserer körpereigenen Abwehr nämlich nicht, die Infektion am Entzündungsherd einzudämmen, vermehren sich die Erreger und breiten sich über Lymph- und Blutgefäßsystem aus. "Das löst im ganzen Körper schwere generalisierte Abwehrreaktionen aus", sagt Reinhart. "Es werden Botenstoffe ausgeschüttet, die eigentlich den Erreger im Blut abtöten sollen. Sie können aber auch weitere Botenstoffe aktivieren, die noch mehr Reaktionen im Körper auslösen. So kommt im ungünstigen Fall eine nur schwer zu stoppende Kettenreaktion in Gang."

Unser Immunsystem läuft Amok und bekämpft auch körpereigenes Gewebe. Zu spät erkannt und behandelt, führen Organversagen und ein sogenannter septischer Schock in 40 bis 60 Prozent der Fälle zum Tod. Dieser Prozess kann in rasendem Tempo voranschreiten, innerhalb weniger Stunden kann der Zustand der Patient*innen lebensbedrohlich werden.

Senioren und Frühgeborene sind besonders anfällig für eine Sepsis: Oft ist eine Lungenentzündung der Auslöser

Bei Justina waren es Meningokokken. Bakterien, von denen sie bis dahin nie gehört hatte und die meist zu einer (ebenfalls gefährlichen) Hirnhautentzündung führen, in etwa einem Drittel der Fälle aber eben auch zu einer Sepsis. Bei zehn Prozent der Infizierten entwickelt sich daraus das, was Justina hatte: ein schwerer septischer Schock, das Waterhouse-Friedrichsen-Syndrom. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA gibt es pro Jahr in Deutschland nur etwa vier Meningokokken-Infektionen auf eine Million Menschen, die Erkrankten sind meistens Kleinkinder oder Jugendliche über 15 Jahren. Justinas Fall ist also äußerst selten. Wie ein Sechser im Lotto, nur umgekehrt – so haben die Ärzte erklärt, warum es gerade sie traf.

Obwohl eine Sepsis prinzipiell jeden ereilen kann, gibt es auch Menschen, die besonders gefährdet sind: Senioren und Frühgeborene zum Beispiel, denn bei ihnen ist das Immunsystem noch nicht oder nicht mehr stark genug. Oder solche, denen die Milz entfernt wurde oder die Medikamente nehmen, die ihre Abwehr schwächen.

Ein operativer Eingriff birgt ebenfalls ein erhöhtes Risiko, denn auf Beatmungsschläuchen, Harnwegskathetern oder Infusionsschläuchen können sich Bakterien ansiedeln. Und so ist die wachsende Zahl medizinischer Eingriffe ein weiterer Grund für den Anstieg der Sepsis-Statistiken.

Aber es lässt sich auch vorbeugen: "Die meisten Sepsis-Fälle sind Folge von Lungenentzündungen, und dagegen schützt die Pneumokokken-Impfung", sagt Reinhart. Der Experte empfiehlt diese vor allem älteren Menschen sowie solchen mit Diabetes, chronischen Lebererkrankungen oder ohne Milz. Und in Justinas Umfeld haben sich inzwischen alle Freundinnen und Bekannte gegen Meningokokken impfen lassen.

Wie erkennt man eine Blutvergiftung? Das sind die eindeutigsten Symptome

Aber wie erkennt man nun eine Blutvergiftung? Da denken die meisten von uns an einen roten Strich als untrügliches Zeichen, der an einer Wunde beginnt und richtig gefährlich wird, je näher er dem Herz kommt. "Dieses Symptom deutet allerdings auf eine Entzündung der Lymphgefäße hin", sagt Reinhart. "Es ist also kein eindeutiges Zeichen für eine Sepsis, sondern lediglich ein Hinweis auf eine örtliche Entzündung. Aus dieser kann sich allerdings unbehandelt im ungünstigen Fall eine Blutvergiftung entwickeln."

Typische, aber eben auch leider nicht spezifische Anzeichen sind dagegen hohes Fieber mit Schüttelfrost, schneller Herzschlag, beschleunigte, schwere Atmung, ein Abfall des Blutdrucks und Verwirrtheit. "Die meisten Patienten berichten, sie hätten sich plötzlich so krank gefühlt wie nie zuvor in ihrem Leben", sagt der Experte und rät, dann sofort ärztliche Hilfe zu suchen, denn Sepsis sei immer ein Notfall: "Mit jeder Stunde, in der sie nicht behandelt wird, sinkt die Überlebenschance."

Eine Sepsis zu überleben braucht Glück - aber vor allem auch neuen Lebensmut

Bei Justina begann es mit Kopfschmerzen, Fieber, Erbrechen am Mittwochabend. Bald hatte sie keine Kraft mehr aufzustehen. Als ihre Eltern sie am Freitag in die Klinik brachten, zeigten sich auf ihrer Haut bereits Einblutungen als dunkle Punkte. Um den Körper zu entlasten, versetzten die Ärzte sie kurz darauf ins künstliche Koma. Weil die Sepsis bei ihr schon so weit fortgeschritten war, ging es nicht mehr nur darum, so schnell wie möglich den Erreger ausfindig zu machen, sondern auch darum, ihren Kreislauf zu stabilisieren und Organe zu retten.

Das gelang, aber als sie endlich über den Berg war und wieder zu sich kam, waren Füße und Finger schwarz verfärbt und ohne Gefühl. Zu lange waren sie während des körperlichen Ausnahmezustands nicht richtig durchblutet worden. Ein paar Wochen später wurden die Körperteile amputiert. Heute, zwei Jahre später, sei mehr oder weniger alles wie vorher, sagt Justina. Sie hat mit viel Energie daran gearbeitet, auf ihren Prothesen das Laufen neu zu lernen, und studiert Psychologie. Sie wolle anderen Betroffenen Mut machen, sagt die junge Frau. Denn wer eine Sepsis überlebt, für den ist die körperliche Erholung nur das eine. Genauso braucht es Zeit, das traumatische Erlebnis seelisch zu verarbeiten. Auch bei Justina hat es gedauert, bis sie sagen konnte: Ich hatte Glück.

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BRIGITTE 13/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann Sabine Hoffmann
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