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Jennifer Wrona über Vorurteile "Borderliner sind keine manipulativen Monster"

Jennifer Wrona über Vorurteile: "Borderliner sind keine manipulativen Monster"
© Dan Trautwein
Wie ist es, an Borderline zu leiden? Jennifer Wrona beschreibt es auf ihrem Buchcover als "Konfettiregen im Kopf". Im "Mental Talk"-Gespräch erklärt die Autorin, was sie damit meint. Mit der Interviewreihe will BRIGITTE psychische Erkrankungen entstigmatisieren. +++ TW: Im Interview wird das Thema Suizid behandelt. +++

Jennifer Wronas Leben sollte am Tag ihres Abiturs enden. Heute ist sie 26 Jahre alt. Mit 16 Jahren wurde bei der Studentin eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Zwei Klinikaufenthalte und etliche ambulante Therapiestunden später hat sie ein Buch über ihre psychische Erkrankung geschrieben, das "Konfetti im Kopf" heißt. Im "Mental Talk"-Interview spricht sie nun über ihre dunkelsten Lebensphasen. Sie will aufklären, Vorurteile abschaffen und ein Ratgeber für andere Betroffene sein.

Wieso sie mit ihrer psychischen Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen ist? "Das war alles eher ein Zufall", erzählt sie im Interview. Sie habe damals spontan bei der Reportage "Die Frage" mitgemacht. Das YouTube-Video wurde mittlerweile knapp eine Million Mal angeschaut. Eine Wahnsinnszahl! Jennifer hat gemerkt, wie groß der Redebedarf sei. Mit ihrer Geschichte will sie nun helfen, die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu enttabuisieren.

"Manche Therapeut*innen wollen grundsätzlich keine Borderline-Erkrankten behandeln"

BRIGITTE: Psychisch Kranken wird häufig vorgeworfen, dass sie nur Aufmerksamkeit wollen. Welchen Vorurteilen bist du noch begegnet?
Jennifer Wrona: Ich habe schon oft gehört, dass Borderline-Betroffene manipulative, instabile Monster seien, mit denen man sich am besten gar nicht abgibt. Das stimmt natürlich nicht. Manche Psychotherapeut*innen wollten sogar grundsätzlich keine Borderline-Erkrankten behandeln, weil sie zu kompliziert und anstrengend seien.

Jennifer Wronas Buch "Konfettiregen im Kopf - Leben mit Borderline" ist am 10. Februar 2021 im Trias-Verlag erschienen und behandelt ihre persönlichen Erfahrungen mit der Erkrankung.
Jennifer Wronas Buch "Konfettiregen im Kopf - Leben mit Borderline" ist am 10. Februar 2021 im Trias-Verlag erschienen und behandelt ihre persönlichen Erfahrungen mit der Erkrankung.
© Dan Trautwein / PR Trias Verlag

Ich wurde deswegen auch schon mal abgewiesen. Meine Haupt-Motivation für das Buch war es daher, über die Persönlichkeitsstörung aufzuklären. Es gibt viel zu wenige Bücher für Betroffene, sondern meist nur Ratgeber für Angehörige.

Wie war es für dich, mit 16 Jahren die Diagnose zu bekommen?
Es war niederschmetternd zu hören, dass das nun mein Leben sein soll. Irgendwann war ich erleichtert, dass es eine Erklärung für meine Gefühle gab, die ich nicht in Worte fassen konnte. Erst habe ich mich mit der Diagnose identifiziert, dann aber davon gelöst, denn die Krankheit ist nicht meine Identität, sondern ich bin ich.

Jennifer war sich sicher, nach ihrem Abitur tot zu sein

Du hast in der Reportage "Die Frage" von 2017 erzählt, dass du dir ziemlich sicher warst, nach deinem Abitur tot zu sein. Wieso?
Mir ging es damals so schlecht, dass ich hauptsächlich damit beschäftigt war, den Tag zu überleben. Alles, was weiter in der Zukunft lag als das Abitur, war für mich daher unvorstellbar. Das Abitur war ein konkretes Ziel, weil ich einen Schulzwang hatte und besessen davon war, gute Noten zu schreiben.

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Das ist aber krass, weil eigentlich musstest du dann ja nicht mehr gut sein …
Ja, und eigentlich muss man auch kein Abitur mehr schreiben. Aber das ist genau der Punkt. Ich glaube, kein Mensch möchte prinzipiell sterben. Ich glaube auch, dass selbst wenn man schwer suizidal ist, so wie ich es war, es immer irgendetwas gibt, woran man sich klammert. Bei mir war es die Hoffnung auf Besserung – vielleicht bis zum Abitur.

Du warst dann in stationärer Therapie und bist heute zum Glück noch da. Wie war es für dich, dein berufliches Leben anzugehen, dass du eigentlich gar nicht eingeplant hattest?  
Ich finde es sehr gut, dass du das fragst, weil das selten besprochen wird. Nach dem Abitur hat es sich sehr einsam angefühlt, weil es niemanden gab, der mich verstehen konnte. Ich habe mich gefragt: Warum bin ich jetzt noch hier? Jetzt muss ich mich ja irgendwie beschäftigen. Ich war aufgeschmissen und es war sehr schwer für mich, das auszuhalten. Ich musste schauen, was ich aus meinem Leben machen möchte.

Ich habe erst mal eine Weile gejobbt, wohnte in einer WG und brauchte Geld. Mir hat ein Ziel gefehlt (wie mein Abitur) und ein geregelter Alltag. Das war nicht förderlich für meine emotionale Instabilität. Während meines zweiten Klinikaufenthalts habe ich mich intensiv mit meinem weitergehenden Leben auseinandergesetzt. Ich habe mich danach für ein Studium im Bereich Medien entschieden und bin aus meiner Heimat weggezogen. Das war ein guter Schritt.

"Borderliner haben oft panische Angst, alleine zu sein"

Noch mal zurück zur Borderline-Erkrankung: Wie würdest du sie Außenstehenden erklären?
Das ist immer die schwierigste Frage, weil es eine wahnsinnig komplexe Erkrankung ist. Deswegen gibt es, glaube ich, auch so viele Vorurteile. Die drei Kernpunkte der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (wie es korrekt heißt) sind: emotionale Instabilität, das chronische Gefühl von innerer Leere und die Angst vor dem Verlassen werden. Man geht davon aus, dass Betroffene in ihrer Kindheit das Nähe-Distanz-Verhältnis nicht beigebracht bekommen und erlernt haben. Sie haben später daher oft panische Angst, alleine zu sein. Die große innere Leere versuchen Betroffene häufig durch selbstverletzendes Verhalten zu füllen wie Ritzen, Essstörungen oder Depressionen.

Würdest du sagen, dass sich die Erkrankung bei dir auch so äußert?
Auf jeden Fall, meine emotionale Regulation war absolut gestört. Es gab für mich immer nur zwei Extreme. Entweder war alles, was ich gefühlt habe, intensiv und anstrengend. Auf banale Kleinigkeiten habe ich heftig reagiert. Und plötzlich habe ich das genaue Gegenteil gefühlt: eine innere Leere. Ich konnte mich dann kaum bewegen und lag tagelang im Bett – eine Art Kontrollverlust setzte ein. Um dem entgegenzuwirken und die Kontrolle wiederzuerlangen, habe ich mich selbst verletzt und eine Essstörung entwickelt.

Jennifer Wrona
Jennifer Wrona
© Dan Trautwein

Der Klinikaufenthalt hat Jennifer das Leben gerettet

In deinem Buch schreibst du treffend: "Der schwerste Weg ist der Weg durch den Schmerz, aber er ist auch der Weg, der zur Wärme führt." Wie hast du geschafft, dein emotionales Tief zu überwinden?
Es gab nie nur den einen Weg. Meine Heilung war geprägt von ganz viel Gesprächstherapie und zwei Klinikaufenthalten (als Teenager und vor Beginn des Studiums, Anm. d. Red.). Es war wichtig, mir gegenüber ehrlich zu sein, nicht die Augen vor der Erkrankung zu verschließen, sondern sie anzuerkennen und mich ihr zu stellen. Das konnte ich nur durch viel Gesprächstherapien schaffen und weil ich meinen Therapeuten voll und ganz vertraut habe.

Wie denkst du rückblickend über deine Klinikaufenthalte? Waren sie die richtige Entscheidung?
Mein erster Klinikaufenthalt hat mir auf jeden Fall das Leben gerettet. Die zwei stationären Therapien waren absolut notwendig, weil es mir so schlecht ging. Egal welche psychische Erkrankung man hat: Es ist oft sehr hilfreich, komplett aus seinem alltäglichen Umfeld rausgerissen zu werden, um die krankhaften Muster überhaupt erst mal durchbrechen zu können.

Eine Psychiatrie ist aber kein Ort, an dem du eingesperrt und mit Medikamenten vollgepumpt wirst. Es liegt in deiner Verantwortung und aktiven Mitarbeit, wie erfolgreich die stationäre Therapie verläuft. Doch wenn man bereit dazu ist und sich darauf einlässt, kann es dir sehr helfen.

Welche Strategien hast du für dich entwickelt, um mit der Erkrankung besser umzugehen?
Ich habe gelernt, dass nichts in meinem Leben funktionieren kann, wenn ich nicht meine Grundbedürfnisse erfülle. Ich achte sehr penibel auf meinen Schlafrhythmus und dass ich regelmäßig gesund esse. Ich muss meinem Körper liebevoll und nicht zerstörerisch entgegentreten. Das kann ich nur, wenn ich genug Kraft habe. Es ist auch nicht schlimm, Medikamente zu nehmen, wenn es hilft. Das hat ebenfalls etwas mit Selbstfürsorge zu tun.

"Ich habe oft Angst, dass es wieder schlimmer wird"

Hast du Angst davor, dass es dir noch einmal so schlecht gehen könnte?
Ich habe oft Angst, dass es wieder schlimmer wird. Aber hauptsächlich, weil ich so hart dafür gearbeitet habe, dass es mir besser geht. Meine Therapeutin hat mir gesagt, dass alles, was ich bis jetzt erreicht habe, nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Ich habe ein Fundament geschaffen und kann gar nicht mehr so tief zurückfallen. Das gibt mir Sicherheit.

Das ist sehr schön. Wie geht es dir heute?
Ich bin inzwischen gut belastbar. Die Angst vor dem Verlassenwerden ist tief in mir verankert und ich habe weiterhin eine fehlende Objektpermanenz, also das Gefühl, wenn eine Person nicht physisch anwesend ist, dass sie dann nicht mehr ein Teil meines Lebens ist. Doch mittlerweile kann ich ganz gut damit umgehen. Das liegt an der jahrelangen Therapie und der positiven Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Es lohnt sich also sehr, am Ball zu bleiben und schlimme Phasen durchzustehen.

Wichtiger Hinweis für Betroffene:
Leidest du unter Depressionen, hast du Selbstmordgedanken oder kennst du jemanden, der solche schon einmal geäußert hat? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar.
Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Verwendete Quellen: eigenes Interview

Brigitteonline

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