Brustzentren mit Gütesiegel

Noch immer werden viele Patientinnen falsch behandelt. Brustzentren mit Gütesiegel sollen das bald ändern. Was Frauen jetzt schon davon haben.

Die Ärztinnen dort sind echt nett. Und schöne Zimmer und gutes Essen hat das kleine Krankenhaus in Ihrer Stadt auch. Prima. Aber ist es auch fachlich gut? Das zeigt sich erst, wenn's ernst wird. Zum Beispiel, wenn abgeklärt werden muss, ob ein Knoten in der Brust gut- oder bösartig ist. Und man schlimmstenfalls eine vernünftige Strategie gegen den Krebs braucht. Spätestens dann überlegen viele Frauen, ob sie in einem spezialisierten Brustzentrum besser aufgehoben sind. Schließlich zeigen Studien, dass in Deutschland teilweise noch immer schlichtweg falsch behandelt wird.

Das sollen Brustzentren jetzt ändern. Viele Kliniken und Praxen werben bereits mit der Bezeichnung. Auch auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie (Senologen sind Spezialisten für Brusterkrankungen) in München waren Brustzentren ein ganz wichtiges Thema. Klingt ja auch überzeugend: An einem zertifizierten Brustzentrum arbeiten Gynäkologen, onkologische Internisten, plastische Chirurgen, Radiologen, Strahlentherapeuten, Pathologen und Psychologen eng zusammen. Patientinnen können sicher sein, nach dem neuesten Stand der Wissenschaft und menschlich fair behandelt zu werden. Denn eine unabhängige Kommission prüft, ob gute Arbeit geleistet wird. Nur dann bekommt das Zentrum ein Gütesiegel, verliehen vom TÜV, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Senologie.

So weit die Vision. Noch sieht es aber anders aus: Im Moment darf sich jede Klitsche Brustzentrum nennen, denn der Begriff ist nicht geschützt. Und zertifizierte Zentren gibt es bisher kaum. Das erste Siegel ist gerade mal ein paar Wochen alt und ging an das Brustzentrum Stuttgart am Marienhospital. Immerhin haben sich bereits über 150 Zentren um das Prüfsiegel beworben. In rund fünf Jahren soll es - in Deutschland wie europaweit - pro 300000 Einwohner ein geprüftes Brustzentrum geben.

Bis dahin müssen viele Betroffene noch selbst nach einer guten Klinik suchen. Das heißt vor allem, die richtigen Leute fragen. Zum Beispiel die Frauen von der Frauenselbsthilfe nach Krebs. Sie wissen, welche Ärzte und Kliniken in der Region einen guten Ruf haben und wo man lieber nicht hingehen sollte. Auch der Hausarzt oder die Gynäkologin können ihre Kollegen oft gut beurteilen. Ebenfalls nützlich: im Internet die Qualitätsanforderungen an Brustzentren anschauen (unter www.senologie.org). Außerdem spricht für eine Klinik, wenn sie sich bereits um ein Prüfsiegel beworben hat. Denn schon für die Bewerbung muss man eine hohe Qualität bieten.

Dr. Sabine Thor-Wiedemann

Junge Frau will aufstehen, doch ihre Beine reagieren nicht mehr

Das gab es Neues auf dem Kongress

  • Kombipack: Mammografie plus Ultraschall erkennt Brusttumoren viel besser als jede Methode allein. Die Trefferquote steigt mit der Kombination von 75 auf 97 Prozent.
  • Mutterglück: Hauptursache für die Zunahme von Brustkrebs in den Industrieländern ist offenbar, dass Frauen immer häufiger kinderlos bleiben. Jede Schwangerschaft senkt das Brustkrebsrisiko um 7 Prozent, jedes Jahr Stillen um 4 Prozent.
  • Klarheit: Neue Leitlinien empfehlen bei Brustkrebsverdacht die Abklärung mittels Stanz- oder Vakuum-Biopsie schon vor der OP, nicht erst mit einem so genannten Schnellschnitt während des Eingriffs. Viele Operationen könnten so ganz vermieden werden.
  • Veraltet: Eine Feinnadelbiopsie, bei der mit einer Nadel ganz wenig Gewebe zur Untersuchung aus der Brust gesaugt wird, gilt heute als überholt. Die Trefferquote liegt insgesamt bei unter 60 Prozent.
  • Intensivkur: Brustkrebspatientinnen unter 35 haben schlechtere Heilungschancen. Ihr Tumor wird oft erst spät entdeckt, Mammografien sind bei ihnen schlechter zu beurteilen, und "junge" Tumoren wachsen schneller. Deshalb bei jungen Frauen besonders wichtig, aber immer noch zu selten angeboten: eine so genannte adjuvante Therapie (Chemo- oder Hormontherapie) zusätzlich zur Operation, auch wenn zunächst noch keine Metastasen nachweisbar sind.
  • Dreidimensional: Mit der neuen 3-D-Sonografie gelingt bei unklaren Befunden im normalen Ultraschall häufig doch noch die entscheidende Einschätzung: Krebs oder nicht?
  • Regellos: Wenn bei einer jungen Brustkrebspatientin durch die Chemotherapie die Regel ausbleibt, steigert das ihre Überlebenschancen (das Risiko, dass der Tumor wiederkommt, wird dadurch um 44 Prozent gesenkt). Denn wenn die Eierstöcke durch die Chemo stillgelegt werden, entstehen weniger Hormone, die den Tumor zum Wachsen anregen.

Was besser wird

Volle 33 Seiten hat der Anforderungskatalog für das Gütesiegel. Hier einige wichtige Kriterien:

  • In jedem Zentrum müssen mindestens 100 bis 150 neu diagnostizierte Brustkrebsfälle pro Jahr behandelt werden.
  • Jeder chirurgische Facharzt am Zentrum muss mindestens 50 Brustoperationen pro Jahr nachweisen.
  • An der Klinik müssen mindestens 800 Chemotherapien durchgeführt worden sein. Der internistische Onkologe (Krebsspezialist), der für jedes Zentrum vorgeschrieben ist, muss sogar die Erfahrung von 2000 Chemotherapien mitbringen.
  • Die behandelnden Ärzte müssen sich intensiv austauschen, zum Beispiel sollen möglichst viele Patientinnen in gemeinsamen wöchentlichen Tumorkonferenzen besprochen werden. Das gilt nicht nur, wenn alle unter einem Dach arbeiten, sondern auch, wenn sich kleinere Kliniken oder Praxen zu einem Verbund zusammenschließen.
  • Die Behandlungsergebnisse müssen dokumentiert werden. Hier kommen die Karten auf den Tisch: Wie viele Patientinnen leben nach fünf Jahren noch? Wie viele sind brusterhaltend operiert worden? Wie oft ist der Brustkrebs wiedergekommen? Die Anforderungen: nach einer Brustamputation bei weniger als 10 Prozent, nach einer brusterhaltenden Operation bei weniger als 15 Prozent der Patientinnen.
  • Wie zufrieden sind die Patientinnen? Eine der Vorgaben: Drei Jahre nach der OP sollen 70 Prozent mit dem kosmetischen Ergebnis zufrieden sein.
  • Niemand soll länger als zwei Wochen auf einen Termin warten.
  • Bei einem Verdacht auf Krebs muss spätestens nach einer Woche das endgültige Ergebnis feststehen und der Patientin vom Arzt persönlich mitgeteilt werden.
  • Im Brustzentrum muss ausdrücklich auf Selbsthilfegruppen hingewiesen werden. Außerdem muss der Patientin angeboten werden, dass sie eine Zweitmeinung einholen kann.

Mehr Informationen

Bücher und Internetadressen"Über-Lebensbuch Brustkrebs", Goldmann-Posch / Martin, Schattauer 2003, 29,95 Euro"Ärztlicher Ratgeber Brustkrebs", Kaufmann u.a., Wort und Bild Verlag 2002, 22,90 Euro (Apotheke)

Unter www.krebsgesellschaft.de erfährt man, welche Zentren bereits zertifiziert sind. Auf der Seite www.med-netconsult.de/mammamia/ können persönliche Fragen an Experten der Deutschen Gesellschaft für Senologie gestellt werden. Außerdem hilfreich: www.brustkrebs-web.de, www.frauenselbsthilfe.de, www.europadonna.de und www.senologie.org.

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