VG-Wort Pixel

Bruxismus Was wirklich hilft

Bruxismus: Frau mit Schlafmaske
© GBALLGIGGSPHOTO / Shutterstock
Millionen von Menschen beißen sich nachts durch ihre Probleme und leiden deswegen an Kopfschmerzen, Nackenbeschwerden oder Tinnitus. Auch BRIGITTE-Autor Markus Brügge gehört dazu – und hat sich auf die Suche nach Lösungen gemacht.

Eines kann ich wenigstens sagen: Ich teile mein Leiden nicht nur mit 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland – mein Problem reicht auch weit, weit zurück. Schon im Matthäus-Evangelium heißt es: "Dann werden Sie heulen und mit den Zähnen knirschen." Und bei Goethe knirscht der liebeskranke Werther heimlich vor sich hin. Vermutlich lag schon ein vom Mammutjagen gestresster Neandertaler auf seinem Fell und rieb seine Zähne aneinander.

Einen Namen hat das Leiden übrigens auch und der klingt ziemlich martialisch: Bruxismus, abgeleitet vom griechischen Wort fürs Knirschen. Wir "Bruxer" (so nennen Zahnärzt:innen uns tatsächlich) haben fast alle eines gemein – wir sind gestresst. Zwar können auch Alkohol, Kaffee, Zigaretten, Drogen und sogar Psychopharmaka die Knirscherei befördern, aber das zermürbte Nervenkostüm bleibt doch der Hauptfaktor. Eine finnische Studie bescheinigt Menschen mit negativem Stress eine fünf Mal so hohe Chance, sich durch ihre Probleme zu beißen.

Die Folgen des Knirschens

So weit, so blöd. Blöder ist nur, dass man nicht einfach nachts (80 Prozent bruxen im Schlaf) ein bisschen seine Beißerchen aufeinanderpresst oder aneinanderreibt, und gut ist. Bevor der Zahnschmelz leidet, haben die Betroffenen meist schon Beschwerden. "Das reicht von einer verkürzten Tiefschlafphase über eine erhöhte Adrenalinausschüttung bis zu einem wesentlich höheren Muskeltonus im Kiefer" erklärt Physiotherapeutin Beate Kürz-Weiß von der Celenus Klinik Kinzigtal. Die Fachklinik für Psychosomatik im Schwarzwald bietet speziell Kurse für Bruxismus-Patientinnen und -Patienten an.

Oft fühlen die Betroffenen sich nach einer durchknirschten Nacht völlig zerschlagen. Dazu kommen oft zahlreiche weitere Probleme: Nackenverspannung, Kopfschmerzen, Tinnitus, Schmerzen im Gesicht oder Kaubeschwerden. Für alle, die akademische Genauigkeit schätzen: Wenn Bruxismus zu Beschwerden führt, redet man von Craniomandibulärer Dysfunktion (CMD), was heißt, dass es funktionelle oder strukturelle Störungen in Kiefer­gelenk oder -muskulatur gibt.

Der "Masseter" – stärker, als man denkt

Was sich nämlich sonst als recht praktisch erweist, ist hier ein großer Nachteil. Der sogenannte Masseter ist mit einer Beißkraft von bis zu 80 Kilo der stärkste Muskel des Körpers. Dementsprechend kann er auch ziemlich viel Schaden anrichten, wenn man ihn nächtens überanstrengt. "Viele Betroffene wissen anfangs natürlich nicht, dass das Pressen oder Knirschen für ihre Probleme verantwortlich ist", sagt Tobias Klur von der Kölner Poliklinik für Kieferorthopädie im Vorgespräch am Telefon. Man knirscht ja im Schlaf, und damit unbewusst.

Ob mein Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule also vom Bruxen kommt? So weit will der Fachzahnarzt nicht gehen – aber mein permanent verspannter Nacken könne sehr wohl aufs Pressen zurückzuführen sein. "Die Kiefermuskeln sind mit der Nackenmuskulatur verknüpft", so Klur.

Bei mir war es mein Zahnarzt, dem als Erstes auffiel, dass ich zur Spezies der Beißer gehöre. Weil ich presse und nicht knirsche, zeigten meine Zähne keinen Abrieb, sondern winzige Risse im Zahnschmelz. Ich bekam eine dieser Aufbiss- oder Knirscherschienen, die in den letzten Jahren immer häufiger verschrieben wurden. Und vermutlich geht es damit nicht wenigen wie mir: Ich setzte die weiche Schiene abends brav ein und fand sie jeden Morgen irgendwo in meinem Bett wieder. Nach drei Wochen gab ich genervt auf.

Wo lag das Problem?

Einige Jahre und tausend Tage Nackenschmerzen später sitze ich in Köln in der Poliklinik für Kieferorthopädie. Die Zahnarztstühle in dem hohen Raum sind durch weiße, luftige Vorhänge getrennt. Tobias Klur, Anfang 30, trägt weißes T-Shirt zu weißer Hose und weißen Turnschuhen und überrascht mich erst mal: "Die alte Schiene war zu weich." Aber war nicht genau das mein Problem: dass ich die Beißschiene als so störend empfunden habe, dass ich sie nachts im Halbschlaf wieder und wieder rausgenommen habe? "Das Bruxen ist eine Art Reflex. Ihr Körper hat sich daran gewöhnt, Stress und Sorgen über das Pressen zu verarbeiten", erklärt mir Klur. Die Schiene aber solle genau diesen Automatismus durchbrechen. Die weiche Schiene hat mich also nicht genug gestört, eine harte soll mir den Reflex austreiben. Aber ob ich dann noch schlafen kann?

Obwohl Menschen seit Generationen knirschen, ist die Forschung über die Ursachen und Auswirkungen des Bruxismus noch ziemlich jung. Weshalb Tobias Klurs Antworten auf manche meiner Fragen etwas vorsichtig ausfallen. "Wir lernen gerade erst, was da passiert und wie wir den Patienten helfen können." Neben Stress und Ängsten gebe es noch andere Risikofaktoren. So werde vermutet, dass das Knirschen durch eine Art Reflex im Hirnstamm ausgelöst werde, ähnlich wie beim "Restless Legs Syndrom".

Behandlung mit der Aufbissschiene

Als am wirksamsten gilt heute eine Aufbissschiene. Zwar gebe es inzwischen kleinere Studien mit Biofeedback (BFB), aber diese Behandlung sei beim Bruxen noch nicht sehr gut erforscht, so Klur. Beim Biofeedback werden Geräte eingesetzt, die einen erhöhten Muskeltonus anzeigen. Dadurch sollen dem oder der Betroffenen ungewollte Prozesse bewusst werden, damit er oder sie diese gezielt abtrainieren kann. Klingt logisch. Eine Studie der LMU München zeigt zwar deutliche Verbesserungen durch BFB, was Häufigkeit und Dauer des Bruxens angeht – allerdings nahmen nur 41 Personen teil.

Für Beate Kürz-Weiß ist das Biofeedback aber ein Hinweis darauf, dass es nicht nur einen Ansatz gibt, um das nächtliche Durchbeißen zu verringern. "Das ist ein interdisziplinäres Problem, bei dem am besten Fachleute aus Kieferorthopädie, Physiotherapie, eventuell auch Psychotherapie und Entspannungstraining zusammenarbeiten." Für Neu-Bruxer*innen hat die Schmerztherapeutin aber einfache Übungen zusammengestellt.

So übe ich täglich (okay, fast täglich) die Augen-Uhr und die Zwei-Minuten- Entspannung und kämpfe nachts mit meiner Schiene. Das mit dem Stören klappt nämlich leider immer noch etwas zu gut. Also rät mir Tobias Klur, die Schiene öfter auch tagsüber zu tragen. "Und falls das dann wirklich nicht klappt, wäre Botox noch eine Möglichkeit". Damit würde dann mein Kaumuskel gezielt geschwächt, damit er weniger Druck machen kann. Und ganz prinzipiell gilt natürlich für mich und alle, die bruxen: Wer sich tagsüber konstruktiv mit seinen Problemen auseinandersetzt, muss sie nachts weniger durchkauen.

Drei Übungen, die locker machen

AUGEN-UHR
Gerade hinsetzen, Augen schließen und auf einer imaginären Uhr auf die 9 richten, danach auf die 3. Dann auf die 12 und die 6, auf die 10 und die 4 und so weiter. Nach ein bis zwei Durchgängen die Augen öffnen und entspannen.

ZWEI-MINUTEN-ENTSPANNUNG
Gerade hinsetzen. Jetzt mit der Zunge kleinere und größere Kreise auf der Innenseite der Wangen malen, mit der Zunge die Innenseite der Zahnreihe abfahren, zwischendurch den Kiefer weit öffnen.

KIEFER GESCHMEIDIG MACHEN
Mehrmals täglich den Unterkiefer vorsichtig nach links und rechts schieben. Das Ziel ist, dass das "ruckelfrei" klappt.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Gesundheits-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE 09/2021 Brigitte

Mehr zum Thema