Chemo ja oder nein?

Die Diagnose Krebs ist nicht nur ein Schock, sie zwingt auch dazu, den eigenen Weg zu finden. Besonders oft geht es um die Frage: Chemotherapie ja oder nein? Das Protokoll einer Entscheidung

Die Hoffnung verpufft mit einem Satz. "Harmlose Sachen sehen anders aus", sagt der Arzt, die Aufnahmen von Lisas* Brust auf dem Bildschirm vor sich. Vor 14 Tagen hat sie den Knubbel das erste Mal gefühlt, etwas oberhalb der rechten Brustwarze. Fest und ziemlich groß, wie ein Kirschkern.

Es ist Krebs. Und jetzt?

Kann sich nicht auch eine Zyste so anfühlen, hat sie sich gefragt und war dann doch zum Frauenarzt gegangen. Und von dort zur Mammografie ins Krankenhaus. Zur Abklärung. Sie hat sich gezwungen, ruhig zu bleiben. Nur manchmal sind diese Gedanken gekommen. Als sie keine Lust hatte zum Dorffest zum Beispiel. Und wenn es das letzte Mal wäre, ist es ihr durch den Kopf geschossen. Schluss damit, hat sie sich ermahnt. Sie ist doch erst 42, Hinweise auf ein familiäres Risiko gibt es nicht. Und nun? Harmlose Sachen sehen anders aus. Fehlt nur noch die Biopsie, um den Verdacht zu bestätigen.

Als die Kinder abends im Bett sind, ruft Lisa Martina* an. Vor Jahren haben sie sich über einen gemeinsamen Freund kennengelernt und normalerweise keinen Kontakt. Aber sie will einfach mit jemandem sprechen, dem sie nicht erklären muss, wie sie sich jetzt fühlt. Sie muss etwas tun. Martina hatte vor zehn Jahren Brustkrebs, mit 46 Jahren, und gilt heute als geheilt.

"Was du jetzt brauchst, ist ein Arzt, bei dem du dich gut aufgehoben fühlst", sagt Martina. Sie empfiehlt den Radiologen Dr. Berger, bei dem auch sie in Behandlung war. Er hat seine Praxis in einer als Brustzentrum zertifizierten Klinik. Martina will einen Termin für Lisa vereinbaren. Wie gut es tut, dass sie sich kümmert. Als sich Martina am nächsten Tag meldet, sie könne schon übermorgen zu Dr. Berger, ist Lisa fast schon wieder zuversichtlich. Vielleicht wird ja doch noch alles gut ...

Sie kümmern sich gut um sich selbst und 'entknoten' sich ein bisschen

Wird es nicht. Fünfmal schießt das Röhrchen in Lisas Brust und entnimmt Gewebe. Ein Geräusch, als wenn Jeansstoff reißt. Vier Tage später steht das Ergebnis der Biopsie fest: Der Knubbel ist bösartig. Lisa wird flau im Magen. Sie versucht, sich auf das zu konzentrieren, was Dr. Berger sagt. Er sei zu 99 Prozent sicher, dass der Tumor nicht gestreut hat. Den Termin zum Szintigramm, bei dem ein radioaktiv markierter Stoff eventuell vorhandene Metastasen in Lisas Körper zum Leuchten bringen soll, will er kurzfristig dazwischen quetschen. "Dann können Sie beruhigt in den Urlaub fahren", sagt er und lächelt.

Frag dich, was dir nicht gut tut

Sie solle sich Martina zum Vorbild nehmen. Er zeigt auf einen Stapel Akten neben sich: "Das sind alles Frauen, denen es heute gut geht. Die haben aussortiert, was in ihrem Leben nicht gesund war. Und genau das machen Sie jetzt auch: Sie kümmern sich gut um sich selbst und ‚entknoten‘ sich ein bisschen."

Was denn entknoten? Gerade läuft es doch so gut. Bereits vor einer Weile hat sie sich gefragt, was sie wirklich will im Leben. Eine Antwort war der neue Job. Eine Freundin lässt die Bemerkung fallen, wonach Brustkrebs ein Hinweis auf Probleme mit der eigenen Weiblichkeit oder "Themen" mit der Mutter ist. Ja, danke, hab ich, denkt Lisa - und Vaterthemen auch. Und wie hilft das jetzt?

Drei Tage später dann die erste gute Nachricht: Der Krebs hat nicht gestreut. "Das kriegen wir ohne Chemo hin", sagt Dr. Berger. "Operation, Bestrahlung, Hormontherapie." Lisa hat ihre Freundin mit zum Arzt genommen, sie fallen sich lachend in die Arme. Lisa denkt an Martina. Der Krebs als eine Episode, schmerzhaft, aber Vergangenheit, abgehakt. So wird es auch für sie in ein paar Jahren sein.

Muss es wirklich immer eine Chemo sein?

Zur weiteren Besprechung geht es in die Gynäkologie. Eine der leitenden Ärztinnen erklärt Lisa, dass der Tumor 1,2 Zentimeter groß ist, ein sogenanntes G2-Stadium - das ist in Sachen Bösartigkeit so mittel. Er kann brusterhaltend entfernt werden. Könnte also schlimmer sein, sagt sich Lisa. Dann hört sie: "Vielleicht eine Chemo vor der OP ..." 

Sie grätscht dazwischen: "Wie, Chemo?" Die Ärztin rudert zurück: "Muss ja nicht unbedingt." Lisa ist verwirrt. Was jetzt? Ist sie bei der Autovermietung, wo man Zusatzpakete buchen kann? "Ich dachte, ich brauche gar keine Chemo", sagt sie. Das könne man dann ja noch nach der OP besprechen, erwidert die Ärztin und ist weg. Hat der Radiologe sich vielleicht doch zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Noch am gleichen Tag fährt Lisa zu Martina. Sie war vor zehn Jahren in einer ähnlichen Situation. Zwei Tumore in der Brust, die Ärzte rieten dringend zur Chemo, sie entschied sich dagegen. Fünf Prozent habe ihr Rückfallrisiko nach der OP betragen.

"Statistisch gesehen sah es so aus: Nur 2,5 von 100 Frauen in meiner damaligen Situation hätten von einer Chemo profitiert", sagt Martina. Für 97,5 hätte sie keinerlei Vorteil gehabt, nur Nebenwirkungen. "Das war mir für so eine heftige Behandlung einfach zu wenig Nutzen." In Lisas Kopf schwirren Zahlen.

Überlegen Sie gut, schließlich haben Sie Kinder

Zwei Wochen später zur OP steht in ihren Unterlagen "hat die Chemo verweigert". "Was haben wir denn hier?" kommt der Chefarzt bei der Voruntersuchung in den Raum gerauscht, ohne Lisa anzusehen. "Brustkrebs G2", sagt seine Kollegin, die sie gerade untersucht. "Nein, ich bin die Frau Scheller", sagt Lisa fest. Aber der Arzt hört gar nicht zu. Stattdessen beginnt er einen Vortrag, dass sie mit einer Chemo eine höhere Lebenserwartung habe: "Schließlich haben Sie Kinder ..."

Als wenn sie das nicht wüsste! Dass ihr nun ein Arzt Angst machen will, macht sie fassungslos. Das Gespräch dauert nur wenige Minuten, aber sie wird misstrauisch. "Geht es denen wirklich um mich?", fragt sie sich. "Oder wollen sie an einer teuren Therapie verdienen?" 

Nach der OP ist sie so gut wie sicher: Sie wird keine Chemo machen. Der Tumor ist raus, die Lymphknoten - die fünf nächstliegenden wurden ebenfalls entfernt und untersucht - sind frei. Und nun soll sie ihren Körper mit Giften fluten, nur weil vielleicht doch noch irgendwo Krebszellen sein könnten? Lisa denkt an die Nebenwirkungen, an Erbrechen, Kopfschmerzen, Erschöpfung. Sie denkt an die Kinder, die sie brauchen.

Und Lisa denkt auch an die langfristigen Folgen: Zehn Prozent der Behandelnden erleiden Schäden am Herzen, vier bis zehn Prozent an den Nieren und in seltenen Fällen kann eine Chemotherapie irgendwann später selbst Krebs auslösen. Vielleicht wäre ihr das egal, wenn sie älter wäre, aber sie hat doch noch die Hälfte ihres Lebens vor sich. Und nun soll sie gegen den Krebs, der doch längst herausgeschnitten wurde, Medikamente nehmen, die sie vielleicht wieder krank machen? Das macht doch keinen Sinn, findet Lisa.

Wichtig ist, dass man auf sich und seine Entscheidung vertraut

Mit ihrem Mann sitzt sie bald darauf bei ihrem Hausarzt, um zu besprechen, wie es weitergehen soll. "Was muss Lisa machen, damit der Krebs auf keinen Fall zurückkommt?", fragt Kai*. Der Mediziner schüttelt den Kopf, 100-prozentige Sicherheit gebe es mit keiner Behandlung. Und die Chemo? "In dieser Situation ist die so, als gäbe es den Verdacht, dass in einer europäischen Hauptstadt ein paar Terroristen versteckt sind - und um die zu erwischen, wird gleich der ganze Kontinent bombardiert", sagt der Arzt. "Zumindest hätte man sie dann erledigt", erwidert Kai, mehr aus Trotz als aus Überzeugung. Auf dem Heimweg nimmt er Lisas Hand. Sie versteht: Er trägt ihre Entscheidung mit.

Eine Woche später bezieht Lisa ein Zimmer in einer anthroposophischen Klinik. Sie wird eine Behandlung mit einem Mistelpräparat beginnen. Viele Patientinnen profitieren davon, sie schlafen besser, haben mehr Energie für ihren Alltag. Aber Belege, dass die Misteltherapie das Leben von Brustkrebskranken wie Lisa verlängert, gibt es nicht. Sie ist trotzdem davon überzeugt, dass das Mittel ihre Abwehr anregen wird, mit letzten Krebszellen selbst fertigzuwerden.

Vielleicht hätte sie sich anders entschieden, wenn sie nicht Martina als Vorbild gehabt hätte. "Womöglich hätte ich dann weniger Mut und weniger Vertrauen in meinen Körper", sagt Lisa. Vielleicht hätte sie sich anders entschieden, wenn sie den Onkologen in der Klinik so hätte vertrauen können wie Dr. Berger und jetzt den anthroposophischen Ärzten. "Aber das ist Spekulation. Wichtig ist, dass ich meiner Sache ganz sicher bin." 

Und was, wenn sie sich irrt? Wenn der Tumor doch zurückkommt? "Spätere Vorwürfe lassen sich doch nur so ausschließen, wie ich es jetzt gemacht habe: Indem man Entscheidungen so bewusst fällt, dass man wirklich dazu stehen kann", sagt Lisa. Sicher sei ihr Weg nicht für jede der richtige: "Aber es ist eben meiner."

*Name von der Redaktion geändert

Chemotherapie - ja oder nein?

Ist der Tumor entfernt und hat nicht gestreut, kann er dennoch wiederkommen. Eine Chemothe­rapie soll dieses Risiko verringern und eventuell noch vorhandene Krebszellen vernichten. Doch sie hat heftige Nebenwirkungen. Diese wirken umso schwe­rer, weil 70 Prozent der betroffe­nen Frauen auch ohne sie geheilt worden wären.

"Seit Kurzem können wir in sehr vielen Fällen endlich klar sagen, wann eine Chemo sinnvoll ist", erklärt Professor Ulrike Nitz, Chef­ärztin des Brustzentrums in Mönchengladbach. Und zwar indem genetische Eigenschaften des Tumors bestimmt werden. Der am gründlichsten erforschte Test "Oncotype" kann bei hormonsen­siblem Brustkrebs eingesetzt wer­den, sofern sich keine Metastasen gebildet haben und maximal drei Lymphknoten befallen sind. Das betrifft 45 Prozent der etwa 70 000 Brustkrebsneuerkrankungen pro Jahr.

Die Genanalyse liefert einen Score zwischen 0 und 100, Werte über 25 kennzeichnen ein hohes Rückfallrisiko. Unter elf ist es dagegen so gering, dass eine Chemotherapie überflüssig ist. Und die TAILORx­Studie liefert seit Kurzem auch Erkenntnisse für den mittleren Bereich: Für die meisten Patientinnen mit Scores unter 25 sind die Heilungschancen mit oder ohne Chemotherapie gleich gut.

Nur Frauen unter 50 haben statis­tisch gesehen schon ab Scores von 15 einen leichten Vorteil mit dieser Behandlung. "Insgesamt könnten pro Jahr rund 25 000 Frauen auf die belastende Proze­dur verzichten, ohne damit ein Risiko einzugehen", so die Ärztin. "Für die Beratung können wir das Risiko und den Vorteil durch eine Chemotherapie jetzt präziser ver­mitteln und so dem individuellen Sicherheitsbedürfnis der Patientin entgegenkommen."

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Brigitte 24/2018

Wer hier schreibt:

Carina Redener
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