Wie Sie mit einer schweren Diagnose umgehen

Den Königsweg, mit einem schwerwiegenden Befund umzugehen, gibt es nicht, sagt Psychologin Christel Salewski. Doch eine Diagnose kann auch erleichtern.

BRIGITTE: "Sie werden nie wieder gesund." Wenn man diese Worte vom Arzt hört, kann es einem oft erst einmal den Boden unter den Füßen wegziehen. Wie geht es danach weiter?

CHRISTEL SALEWSKI: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt keine Art der Verarbeitung, die für alle gilt. Das haben verschiedene Studien gezeigt, die Stadien oder Phasen nach der Diagnose untersucht haben. Es gibt Menschen, die sich nach einer Diagnose sehr schlecht fühlen, es gibt aber auch andere, die relativ wenig beeinträchtigt sind.

Oder sich sogar besser fühlen?

Ja, tatsächlich, eine Diagnose kann auch eine Erleichterung sein. Denn durch den Befund wird das, was man erlebt oder am eigenen Körper wahrnimmt, verstehbarer. Man hat etwas, womit man sich auseinandersetzen kann. Das führt bei manchen Betroffenen auch zu einem Gefühl von subjektiver Kontrolle über die Erkrankung. Denn wenn ich weiß, was es ist, kann ich mir auch Gedanken darüber machen, was ich jetzt tun kann und womit ich rechnen muss.

Wovon hängt es ab, wie gut chronisch Kranke auf Dauer mit Beschwerden und Einschränkungen weiterleben?

Zum einen von der Persönlichkeit: Wenn jemand schon vor der Diagnose ein Optimist war und grundsätzlich davon ausging, dass sich alles irgendwie zurechtrüttelt, wird er auch mit der Erkrankung ähnlich umgehen. Ein anderer wichtiger Punkt ist Bildung. Sie entscheidet mit darüber, wie gut ich mich informieren kann, wie ich mit den Ärzten spreche und ob ich mich im medizinischen System durchsetzen kann. Aber auch äußere Faktoren sind wichtig: Welche materiellen Möglichkeiten habe ich? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Kann ich da, wo ich lebe, therapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen, oder ist dies mit sehr viel Aufwand verbunden? Und schließlich entscheidet der persönliche Bereich: Habe ich ein Umfeld, das mich stützt, in dem ich aufgefangen werde, nicht nur emotional, sondern auch ganz lebenspraktisch?

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Christel Salewski, 50, ist Professorin für Gesundheitspsychologie an der Fernuniversität Hagen. Sie beschäftigt sich unter anderem damit, welche Strategien und Angebote Betroffenen und ihrem Umfeld beim Umgang mit Krankheit helfen.

Wie schaffe ich es denn als Freundin, Kollegin, Schwester oder Partnerin, den anderen aufzufangen?

Am besten fragen Sie ganz direkt, was Sie jetzt tun können. Sonst orakeln Sie möglicherweise nur herum und machen vielleicht Angebote, die nicht helfen, sondern eher entmündigen.

Mitleid ist also nicht angebracht.

Nein. Wenn einem die Person am Herzen liegt, dann empfindet man ohnehin Mitgefühl. Aber das ist etwas anderes als Mitleid und heißt: Ich halte es aus, dass du mal ganz schlecht drauf bist. Ich höre dir zu und bin da, wenn du mich brauchst. Was man auf keinen Fall tun sollte, ist dieses "Kopf hoch, du schaffst das schon". Solche Sprüche helfen überhaupt nicht weiter.

Was raten Sie Betroffenen, denen Mitleid und Umsorgtwerden zu weit gehen?

Offen ansprechen. Sonst schaukelt sich das am Ende noch hoch und beeinträchtigt die Beziehung. Gespräche sind ohnehin sehr wichtig. Betroffene müssen lernen, über die Krankheit zu reden - sie sollte allerdings nicht alle Gespräche beherrschen. Aber wenn man über Schwierigkeiten und Ängste gar nicht redet, können sich die anderen ja auch nicht darauf einstellen.

Wie verändert sich eine Beziehung, wenn einer der Partner erkrankt?

Das ist ähnlich individuell wie bei Einzelpersonen. Was man eindeutig sagen kann: Eine schlechte Beziehung wird durch eine Krankheit nicht besser. Das gilt eigentlich für alle negativen Ereignisse, wie etwa auch den Verlust des Arbeitsplatzes. Wenn sich die beiden dagegen unterstützen, wenn der Austausch darüber, wie es einem geht und wie man sich eben auch gegenseitig helfen kann, in Ordnung ist, dann kann die Krankheit ihren Platz in der Beziehung finden. Es kann sein, dass Rollen neu verteilt werden müssen: Wer verdient jetzt eigentlich wie viel für den gemeinsamen Lebensunterhalt? Oder wer übernimmt welche Aufgaben? Was können wir miteinander machen, wie können wir unsere Freizeit gestalten? Paare, die schon Erfahrung damit haben, wie man solche Veränderungen positiv bewältigen kann, sind im Fall einer Erkrankung gut gerüstet, um damit klarzukommen.

Was können Betroffene tun, die nach der Diagnose in ein tiefes Loch fallen?

Es gibt erfolgreiche Patienten-Schulungen, die zum Beispiel während Reha-Maßnahmen angeboten werden. Dort erhält man viele Informationen darüber, was man selbst tun kann, um sich auf die Erkrankung einzustellen, also zum Beispiel Ernährung oder Bewegungsverhalten zu ändern. Und dort wird vermittelt, wie man sich selbst bei der Stange hält, wenn diese Lebensveränderungen manchmal mühselig scheinen. Das stärkt die eigene Kompetenz, dadurch gewinnen die Betroffenen Kontrolle über die eigene Situation zurück. Auch Selbsthilfegruppen können für den Austausch wichtig sein, weil das Thema Krankheit dort für alle gleich ist.

Sollte man eigentlich möglichst offen mit der Erkrankung umgehen und zum Beispiel auch den Vorgesetzten und den Kollegen Bescheid sagen?

Wenn es für einen selbst wichtig ist, dass die Kollegen oder Mitarbeiter nachvollziehen können, was man hat und empfindet, sollte man mit anderen darüber sprechen - auch bei der Arbeit. Die Vorgesetzten muss man übrigens nicht informieren, auch bei Bewerbungsgesprächen braucht man eine chronische Erkrankung nicht zu erwähnen, es sei denn, sie ist ansteckend oder beeinträchtigt die Ausübung des Berufs.

Manchmal heißt es, jemand sei an seiner Krankheit gewachsen. Können Gesunde etwas von Kranken lernen?

Nicht mehr als von Gesunden. "Die Kranken" sind ja keine Wundertüte, aus der wir irgendetwas für uns rausziehen können. Natürlich gibt es viele Menschen, für die eine Erkrankung oder ein schwerer Unfall Anlass ist, innezuhalten, Dinge zu überdenken, Prioritäten anders zu setzen. Aber für andere ist die Krankheit oft einfach eine Last. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Nicht in jeder Krankheit liegt eine Chance, genauso wenig wie in jedem anderen negativen Lebensereignis. Chronisch krank zu sein heißt nicht, seine Integrität als Person und seinen Lebensmut zu verlieren - diese Botschaft finde ich wichtig. Aber eine chronische Erkrankung ist ein langer Prozess, und dazu können immer mal wieder Phasen gehören, in denen man sagt: "Es ist eine große Ungerechtigkeit, dass ich krank bin, und ich finde es einfach nur schrecklich."

Interview: Antje Kunstmann BRIGITTE 25/2013

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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