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Chronobiologie: Die Kraft der inneren Uhr


Nach einer inneren Uhr richtet sich sogar der Darm. Ein Problem aber sind lange Flüge.

Weit gefehlt, in unserem Körper tickt nicht nur eine innere Uhr. "Es laufen Milliarden innere Uhren, so viele, wie es Zellen im Organismus gibt", erklärt Professor Maximilian Moser, der an der Medizinischen Universität Graz lehrt und als Leiter des „Human Research Instituts“ im österreichischen Weiz die Chronobiologie erforscht - jene Wissenschaft, die sich mit biologischen Rhythmen und Prozessen beschäftigt.

"Durch Tageslicht werden all diese Uhren aufeinander abgestimmt"

Aus dem Takt geraten kann dieses gigantische innere Uhrwerk, wenn wir die Nacht zum Tag machen oder Schichtarbeit leisten. Auch ein Langstreckenflug in die USA oder nach Asien kann unseren Organismus gehörig durcheinanderbringen. Die Rhythmusverschiebungen, die dadurch entstehen, können eine Vielzahl von Beschwerden zur Folge haben: Schlaf-, Hor- mon- oder Kreislaufstörungen, oft auch heftige Verdauungsprobleme.

Warum das so ist?

Nachts arbeitet der Darmtrakt langsamer als am Tag. Ändern sich Tag-und-Nacht-Gewohnheiten oder Schlafzyklen, produziert der Magen eventuell zu viel oder zu wenig Magensäure. Die Folgen: Bei einem Überschuss an Säure kommt es oft zu Sodbrennen, die Schleimhaut kann sich entzünden, sogar Geschwüre können entstehen. Umgekehrt werden Speisen, wenn nicht genügend Säure zur Verfügung steht, nur schlecht verdaut und Nährstoffe nur unzureichend aufgenommen. Gärungsprozesse, Blähungen, gar ein Reizdarmsyndrom können dann peinigen. Ein gestörter Rhythmus kann ebenso die Ausschüttung von regulierenden "Hunger-Hormonen" verändern, was zu Übergewicht und Diabetes Typ 2 führen kann.

Chronobiologe Moser rät daher, auch "bei einem rhythmusgestörten Umfeld regelmäßig und abends wenig zu essen" 

Das kommt auch dem Mikrobiom zugute. Inzwischen wissen Forscher, dass die Billionen Bakterien im Darm ebenfalls von Rhythmen gesteuert sind. "Darmbakterien schwingen mit dem Ernährungs- und dem Tag-Nacht-Rhythmus des Körpers mit. Werden diese Mikroorganismen nicht zu gewohnten Zeiten gefüttert, geben sie Substanzen ins Blut ab, die auf Nervensystem und Gehirn wirken und so Verhalten und Stimmung beeinflussen."
Viele Arten gehen sogar verloren. "Bakterielle Dystrophie", Fehlernährung, nennt Moser das. "Statt Artenvielfalt, wie sie in der Darmflora von Naturvölkern vorkommt, haben viele von uns nur noch 500. Ein derart verarmtes Mikrobiom gilt als Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen." 

Brigitte MOM 02/2018

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