Diagnose Alzheimer - es trifft auch junge Menschen

Mit nur 36 Jahren bekam Jason Manthe die Diagnose Alzheimer. In einem bewegenden Bericht blickt seine Frau Kamara auf seine Krankengeschichte zurück.

Jason Manthe war ein liebevoller Vater, der sich viel Zeit für seine Kinder nahm.

"Hätte ich gewusst, dass ich jeden Tag einen Teil von Jason verliere, wären viele unserer Tage anders verlaufen. Vielleicht hätte ich mich nicht so sehr mit Kleinigkeiten aufgehalten. Jeden Moment genossen. Ihn mehr geliebt. Aber ich wusste es einfach nicht." Schon die ersten Zeilen von Kamara Manthes Geschichte sorgen für einen Kloß im Hals. Und der wächst mit jedem Absatz des Textes, der in der Januar-Ausgabe des US-Magazins Good Housekeeping erschienen ist.

Jason und Kamara Manthe lernten sich in der Uni kennen und lieben.

Darin erzählt die vierfache Mutter von der Liebe zu ihrem Ehemann Jason, der im Alter von 36 Jahren die Diagnose Alzheimer bekam. Sie lernten sich im College kennen - und verliebten sich sofort. Nach einem gemeinsamen Gruppenausflug schrieb Kamara in ihr Tagebuch: "Ich glaube, ich habe den Mann getroffen, den ich heiraten möchte." Ein Jahr später, an Weihnachten, ging ihr Wunsch in Erfüllung. Mit einem selbstgeschriebenen Song hielt Jason um ihre Hand an. "Es gibt niemanden, mit dem ich lieber mein Leben verbringen würde", sagte er.

Im Uhrzeigersinn von links: Jason mit Mya, mit Matthew, singend mit beiden Kindern.

Bald darauf war die damals 25-jährige Kamara schwanger - mit den Zwillingen Mya and Matthew. Während der Schwangerschaft kümmerte sich Jason rührend um seine Frau, übernahm alle Einkäufe, kochte und spielte Brettspiele mit ihr, als sie das Bett nicht mehr verlassen durfte. Nach der Geburt war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, die Windeln der Babys zu wechseln und sie ins Bett zu bringen. Als sie älter wurden, las er ihnen vor, tobte und sang mit ihnen.

Nach der Geburt ihres dritten gemeinsamen Kindes, Noah, bemerkte Kamara erste Veränderungen im Verhalten ihres Mannes. Er verlor das Interesse an seinem Job: "Acht Jahre lang zählte er zu den beliebtesten Lehrern an unserer Schule. Er liebte es, dort zu arbeiten. Und plötzlich wollte er kündigen. Seine Kollegen waren schockiert. Ich auch", schreibt Kamara. Weil sie ihn glücklich sehen wollte, unterstützte sie ihn. Zunächst heuerte er bei einer Fast-Food-Kette an, dann bewarb er sich bei der Polizei.

Die Arbeit dort überforderte ihn bald. Er verlor Gewicht, wurde ängstlich, zweifelte an seinen Fähigkeiten und weinte sogar oft vor seiner Schicht. Nach elf Monaten kündigte er. Kurz darauf musste Jason wegen einer Hautinfektion ins Krankenhaus. "Dort fiel mir zum ersten Mal auf, dass er wirre Dinge von sich gab", erinnert sich Kamara. Auch sein Gedächtnis setzte nun öfter aus. "Als er uns zu einem Baseballspiel fuhr, bog er in falscher Richtung in eine Einbahnstraße ab. Ein anderes Mal brachte er Mya zu einer Freundin, die gegenüber von uns wohnt - und verirrte sich auf dem Weg zurück. Die Polizei brachte ihn dann heim."

Weihnachten 2012 versuchte Jason vier Stunden lang vergeblich, die Lichter am Haus anzubringen - eine Aufgabe, die er früher binnen einer Stunde erledigt hatte. "Ich erinnere mich, wie er sein Gesicht in den Händen vergrub und fragte 'Warum passiert mir das?'. Er sah so verzweifelt aus", schreibt Kamara.

Familie Manthe an Weihnachten 2013.

"Ich habe unsere Ehe nie in Frage gestellt, aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung ist." Jason gab Kamara an vielem die Schuld, warf ihr vor, zu hart mit ihm zu sein. Sie redeten kaum noch miteinander. Seinen Kindern gegenüber wurde er gleichgültig. Kamara dachte zum ersten Mal über eine Scheidung nach. Sie begannen eine Paartherapie. Unter vier Augen erzählte Kamara dem Therapeuten von Jasons Veränderungen. Er empfahl ihr, einen Neuropsychologen aufzusuchen. Der wiederum schickte sie zu einem Neurologen. Nach vielen weiteren Terminen und Tests kam im Oktober schließlich die Diagnose: Alzheimer. "Jason sagte nichts. Er nickte nur und weinte."

Kurz nach der Diagnose verlernte Jason, für sich selbst zu sorgen. Kamara wusch ihn. "Ich erinnere mich an den ersten Tag, an dem er meinen Namen nicht mehr wusste - und an den Tag, als wir gemeinsam Bilder anschauten und er sich nicht an die Namen unserer Kinder erinnerte. Das war einer der schlimmsten Tage."

Kamara und Jason Manthe im September 2014.

Auf Empfehlung der Ärzte brachte Kamara Jason in eine Tagespflege, weil er nicht mehr allein sein konnte. Abends fiel sie erschöpft neben ihm ins Bett und weinte sich in den Schlaf. Mit ihrem Lehrergehalt konnte Kamara die Tagespflege ihres Mannes bald nicht mehr finanzieren. "Unsere Nachbarn haben uns gerettet", schreibt Kamara. Sie sammelten mehrere tausend Dollar an Spenden und kümmerten sich um Jason, um Kamara zu entlasten. "Immer, wenn ich traurig war, tat jemand etwas Großartiges."

Im April 2013 brachte Kamara ihren Mann in eine Langzeitpflege. Kurz darauf zog seine Mutter bei den Manthes ein. "Wenn ich ihn besuchte, erzählte ich ihm vom Leben zu Hause. Ich konnte ihn noch immer zum Lachen bringen", schreibt Kamara. Ihren Kindern gegenüber versucht sie, die Erinnerung wachzuhalten an ihren Vater, wie er einmal war. "Ich habe so viele Briefe von Menschen bekommen, denen Jason geholfen oder deren Leben er positiv beeinflusst hat. Sein Leben war zwar kurz, aber er hat Spuren hinterlassen."

Jason Manthe starb am 28. Oktober 2014 an Alzheimer, im Alter von 37 Jahren. "Jason war ein liebevoller Vater und ein fürsorglicher Ehemann - mein bester Freund", schreibt Kamara am Ende ihres Berichts. "Ich werde ihn für immer lieben."

Übrigens: Welche Alzheimer Symptome es gibt, erfährst du hier.


Wenn Sie Kamara helfen wollen, die medizinischen Kosten für die Pflege ihres Mannes zurückzuzahlen, können Sie auf youcaring.com spenden. Weiterführende Informationen über Alzheimer und Demenz gibt es auf der Website der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V.

nw
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