Demenz: Tipps für Angehörige

Wie verhält man sich am besten, wenn der Nachbar, die Freundin oder Kollegin zunehmend vergesslich und verwirrt erscheint? Und wie kann man helfen? Fragen an Helga Schneider-Schelte, Projektleiterin des Alzheimer-Telefons und zuständig für die Schulungsreihe "Hilfe beim Helfen" der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. 

Wir verschusseln alle mal was – ab wann muss man sich Sorgen machen?

Bei zunehmender Vergesslichkeit denken viele schnell an Demenz. Aber mit dem Alter werden wir einfach vergesslicher, da braucht man nicht gleich Angst zu haben. Ein Beispiel: Man geht in den Keller, um ein paar Schrauben zu holen, doch unten weiß man plötzlich nicht mehr, was man holen wollte. Meist fällt es einem wieder ein, wenn man zurückkommt. Menschen mit Demenz dagegen bringen etwa ein Marmeladenglas mit nach oben statt der Schrauben und sind fest davon überzeugt, dass sie tatsächlich auch wegen der Marmelade hinuntergegangen sind.

Auf eine beginnende Demenz kann auch Folgendes hindeuten: Es werden immer wieder die gleichen Ereignisse erzählt, die Nachbarin steht vor der falschen Haustür, die Kollegin vergisst plötzlich ihre Termine. Oft bereiten Tätigkeiten, die man immer gut beherrschte, plötzlich Schwierigkeiten, wie das Kochen eines Leibgerichtes.

Wird die Krankheit meistens früh entdeckt?

Nicht immer. Heute ist zwar das Wissen über Demenz größer, und man geht schneller zum Arzt. Doch manchmal weigern sich die Betroffenen, sich untersuchen zu lassen. Sie fürchten zum Beispiel, für verrückt erklärt zu werden. Schwieriger ist auch immer noch die Früherkennung bei jüngeren Betroffenen. Bei unter 60-Jährigen werden häufig erst mal andere Krankheiten vermutet, wie Depressionen oder Burn-out. Es gibt keinen einfachen Bluttest, durch den man Demenz feststellen kann. Die Diagnosestellung ist sehr komplex.

So kann man laut der WHO Demenz vorbeugen

Ist es typisch, dass Betroffene nicht offen über die Demenz reden?

In der Öffentlichkeit sprechen bislang nur wenige Erkrankte darüber. Und die wenigsten Menschen sagen: Ich glaube, ich bin dement, ich sollte zum Arzt gehen. Betroffene spüren aber, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie strengen sich oft sehr an, ihr Gesicht zu wahren, und geben sich Mühe, ihren Alltag wie gewohnt zu bewältigen.

Wie verhält man sich, wenn man bei jemandem entsprechende Veränderungen bemerkt?

Man kann versuchen, ins Gespräch zu kommen und Hilfestellung zu geben, wo es nötig ist. Wenn man nicht so vertraut ist, kann man auch die Angehörigen ansprechen, sagen, dass man sich Sorgen macht, und Unterstützung anbieten. Oder mal vorbeikommen und fragen, ob die betroffene Person Lust hat, gemeinsam spazieren zu gehen. Leider ziehen sich oft sogar enge Freunde zurück, weil sie nichts falsch machen wollen. Dabei wäre es gut, wenn sich alle mehr um die Betroffenen kümmern und die Familien nicht allein lassen würden. Demenz ist häufig, sie geht uns alle an.

Wie reagiert man, wenn jemand erzählt, dass bei ihm oder ihr Demenz diagnostiziert worden ist?

Ich würde raten, erst einmal tief durchzuatmen. Und sich bewusst zu machen: Hier ist jemand, der einem großes Vertrauen entgegenbringt. Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen und vielleicht zu fragen: Wie geht es dir damit? Daraus kann sich ein Gespräch entwickeln über die Wünsche und Ängste des anderen. Es ist gut, Mitgefühl zu zeigen. Mitleid dagegen hat oft etwas Distanzierendes. Ein Mann erzählte mir, dass alle nach der Diagnose zu ihm gesagt hätten: Oh, du Armer, und dass er das nicht mehr hören könne.

Verändert sich mit der Demenz die Persönlichkeit eines Menschen?

Ja. Manche Betroffenen werden apathisch, andere laut und wehren jede Unterstützung ab. Manchmal kommen Züge zum Tragen, die vorher mehr unter Kontrolle waren. Manchmal werden aber auch Seiten sichtbar, die man nicht vermutet hätte: viel mehr Gefühl, Kreativität, Humor und Dankbarkeit. Im Umgang mit Menschen mit Demenz ist es wichtig zu wissen, dass es keinen Sinn macht, mit ihnen zu streiten oder sich zu verteidigen, wenn man beschuldigt wird.

Menschen mit Demenz wollen nicht kränken. Sie wollen teilhaben, in Kontakt sein und auch etwas zurückgeben. Eine Ausnahme bilden die Frontotemporalen Demenzen. Tritt die Schädigung überwiegend im Frontalhirn auf, kann sich dies in Enthemmung und Distanzlosigkeit äußern. Meist sind es jüngere Menschen, die an dieser Demenzform leiden, die teilweise noch berufstätig sind. Das bringt besondere Herausforderungen mit sich.

Kann man im Gespräch mit Demenzkranken etwas falsch machen?

Man sollte auf keinen Fall in der Anwesenheit von Erkrankten über sie reden, als wären sie selbst nicht da. Generell ist es hilfreich, langsam in eher einfachen Sätzen zu sprechen. Beiläufig den eigenen Namen zu nennen und wer man ist, anstatt zu fragen: Kennst du mich noch? Man kann Betroffenen auch eine Auswahl erleichtern, etwa indem man nur zwei Gerichte von der Speisekarte vorschlägt, die der andere mögen könnte. Es geht immer darum, nicht zu bevormunden, sondern die Selbstständigkeit der Betroffenen zu erhalten. Es sind schließlich erwachsene Menschen.

Wie kann man den Kontakt weiter pflegen?

Indem man an das anknüpft, was man immer schon gern zusammen gemacht hat. Man kann weiter miteinander ins Kino gehen, aber vielleicht wählt man jetzt eine weniger besuchte Nachmittagsvorstellung. Man kann zusammen im Garten arbeiten, wandern und auch zusammen in den Urlaub fahren, wenn man die Unterkunft und das Programm anpasst.

Das hängt sicher davon ab, wie weit die Demenz fortgeschritten ist.

Ja. Manche verlieren sehr schnell die räumliche Orientierung. Dann muss man den anderen an die Hand nehmen. Man sollte aber immer darauf achten, welche Ressourcen noch da sind, und sie fördern. Wichtig ist es, die Menschen nicht allein zu lassen, sondern den Kontakt zu pflegen. Das müssen nicht ständig besondere Aktionen sein, sondern eine Mischung aus Alltag und Höhepunkten. Das stärkt einen Menschen, da kann er sich den Widrigkeiten besser stellen, die sonst noch da sind.

Rat und Hilfe 

...finden Demenzkranke und Angehörige bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (deutsche-alzheimer.de) und auf der Seite des Familienministeriums (wegweiser-demenz.de). Oder beim Alzheimer-Telefon unter Tel. 030-259 37 95 14.

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BRIGITTE WOMAN 10/2019

Wer hier schreibt:

Natalie Rösner
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