Der Beruhigungsmittel-Skandal

Schlaf- und Beruhigungsmittel werden oft leichtfertig verschrieben - und machen süchtig. Die Geschichte eines Skandals. Plus Test: Schlucke ich zu viele Tabletten?

Ängste, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen - damit haben viele Frauen zu kämpfen, gerade jetzt, in der Wirtschaftskrise. Neue Studien zeigen: Beim Arzt wird ihnen oft nicht geholfen, im Gegenteil. Viel zu oft verlassen sie die Praxis mit einem Rezept in der Hand.

Doch die Schlaf- und Beruhigungsmittel, die leichtfertig verschrieben werden, machen süchtig. Den Betroffenen geht es dann oft schlechter als vorher - aber sie ahnen nicht, dass das an ihren Medikamenten liegt.

Blähungen, Gas

Schlucke ich zu viele Tabletten? Nehmen auch Sie Schlaf- und Beruhigungsmittel? Dann testen Sie mit dem Lippstädter Benzo-Check, ob die Mittel bei Ihnen womöglich unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen und ob das auf Medikamentenabhängigkeit hindeutet.

Abhängig von Beruhigungsmitteln - eine Betroffene erzählt

Nina Pohlmann (Name geändert), Chefsekretärin, 41 Jahre alt, hielt ihre Sucht lange geheim und schämt sich heute noch für ihre Tricksereien.

"Ich habe immer für meine Arbeit gelebt, und plötzlich saß ich mit Herzrasen am Schreibtisch, dachte, ich müsste sterben. Ich ging zum Arzt, und der verschrieb mir ein Benzodiazepin - für den Notfall. Für mich war jeden Morgen Notfall, ich schluckte immer mehr Tabletten. Die Panikattacken waren damit erst einmal weg, doch nach einem halben Jahr brach die Angst wieder durch - stärker denn je.

Ich fing an, Leute auszutricksen. Ich machte ständig die Runde bei vier Ärzten, erfand Schmerzen und Wehwehchen und gab jedem das Gefühl, er sei meine einzige Rettung. Irgendwann sagte meine beste Freundin: "Ich weiß nicht genau, was los ist, aber ich würde dich gern in eine Klinik fahren." Nach einigem Zögern stimmte ich zu. Ich schämte mich so vor meiner Freundin, fühlte mich schwach, eine Versagerin, die nicht ohne Pillen leben kann und andere hinters Licht führt.

Eigentlich ist es komisch, dass Freunde und Kollegen nicht schon vorher etwas gemerkt haben. Bei der Arbeit habe ich immer gesessen und gedacht: Gleich spricht mich jemand an, gleich werfen sie mich raus, gleich sagen sie mir, dass ich unfähig bin. Auch heute, nach dem Entzug, schäme ich mich immer noch vor fremden Leuten - obwohl ich vom Kopf her weiß, dass diese Menschen gar nichts von mir wissen."

Text: Irene Stratenwerth Protokoll: Anne Otto Fotos: iStockphoto.com

Wer hier schreibt:

Irene Stratenwerth Anne Otto
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