Der Kuscheltier-Komplex

Wieso nehmen manche Erwachsene immer noch ihr Kuscheltier mit ins Bett? Das fragten wir Psychotherapeutin und Wissenschaftsjournalistin Dr. Barbara Knab.

Von ihr erfuhren wir, was das Geheimnis der Kuscheltiere ist, und welche Tricks den Schlaf sonst noch fördern können: Ein Plädoyer für schöner Schlafen.

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Dr. Barbara Knab

Brigitte.de: Kuscheltiere gelten als Kinderkram. Trotzdem gibt es viele Erwachsene, die nicht ohne ihr Kuscheltier ins Bett gehen. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Barbara Knab: Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema, deshalb wissen wir nicht, wie viele Menschen das tatsächlich machen. Über die Gründe kann ich hier nur spekulieren. Ein erster wäre das Kuscheltier als Ritual: Ein ruhiges Ritual vor dem Einschlafen nützt dem Schlaf, wenn es mich entspannt und glücklich macht. Wiederhole ich das jeden Abend, koppelt mein Kopf es fest mit Schlaf. Ein zweiter Grund: Wer gerne mit Kuscheltier im Arm schläft, empfindet das als angenehm. Diese zwei Aspekte, das Ritual und das haptisch Angenehme, könnten dazu führen, dass diese Menschen tatsächlich mit dem Kuscheltier besser einschlafen.

Brigitte.de: Heißt das, wenn ich so jemandem das Stofftier wegnehme, dass er nicht mehr gut schläft?

Barbara Knab: Das könnte passieren, ja.

Brigitte.de: Was raten Sie einem Kuscheltier-abhängigen Erwachsenen?

Barbara Knab: Hier stellt sich zunächst die Frage: Steht er zu seiner Angewohnheit, oder will er sie loswerden? Im ersten Fall gibt es kein Problem. Im zweiten Fall ist es sinnvoll, sich ein Ersatzritual zu überlegen, zum Beispiel ruhige, kaum noch hörbare Musik aufzulegen, und sich darauf zu konzentrieren. Und richten Sie sich ein wunderschönes Schlafzimmer ein! Das klassische deutsche Schlafzimmer ist klein, kalt und hässlich, und damit schlecht für den Schlaf.

Brigitte.de: Wie definieren Sie ein schönes Schlafzimmer?

Barbara Knab: Angenehme Farben, also am besten Gelb- oder Orangetöne, kein Blau oder Grün, nichts Aufregendes. Es sollte der eigenen Ästhetik entsprechen, Sie sollten sich richtig wohl darin fühlen. Schauen Sie auch, dass Ihr Bett möglichst angenehm ist, das heißt weder zu weich noch zu hart. Je jünger man ist, desto härter darf das Bett in der Regel sein. Die Schultern und die Hüfte beziehungsweise der Po sollten gerade so weit in die Matratze einsinken können, dass die Wirbelsäule beim Liegen ihre richtige, leicht geschwungene Form behält. Auf keinen Fall sollte das Bett durchhängen. Auch wichtig: schöne Bettwäsche, die angenehm ist auf der Haut! Und die Schlafzimmertemperatur sollte bei ungefähr 18 Grad liegen.

Brigitte.de: Noch mal zurück zu den Kuscheltieren: Angenommen, ich schlafe schlecht, trotz eines schönen Schlafzimmers. Kann es da nicht doch sinnvoll sein, die Kuscheltiere wieder hervorzukramen, in der Hoffnung auf eine bessere Nachtruhe?

Barbara Knab: Ich halte es für nicht wahrscheinlich, dass das hilft. Sie haben sich schließlich verändert über die Jahre. Mit 30 oder 40 hat man ein komisches Gefühl im Hinterkopf, plötzlich wieder so ein altes Kinderritual durchzuführen. Man fragt sich dann beim Einschlafen 'bin ich normal?', was wiederum ungünstig ist für den Schlaf. Deswegen würde ich nicht auf das Stofftier zurückgreifen; da sind Erwachsenen-Rituale sinnvoller. Dazu gehören kleine Entspannungstricks, zum Beispiel bewusst auf den Atem achten, oder bekannte Rituale wie Schäfchenzählen. Wer aber ein paar Wochen schlecht schläft, sollte sich ein wenig intensiver mit dem Thema beschäftigen; mit dem Schlaf selbst, aber auch damit, wie er oder sie den Tag verbringt. Das spielt nämlich eine viel größere Rolle, als man glaubt. (Mehr Informationen zu Schlafproblemen und ihren Ursachen in unserer Schlafserie, siehe Kasten, Hinweis d. Red.)

Brigitte.de: Und wenn ich ein kleines, ungemütliches Schlafzimmer habe: Wie kann ich trotzdem entspannter einschlafen?

Barbara Knab: Vielleicht können Sie sich wenigstens etwas Schönes hineinstellen, Blumen oder so etwas. Wo gar nichts geht, etwa weil der einzig ruhige Raum nur ein Kammerl ist, kann man zum Beispiel direkt vor dem Schlafengehen eine schöne Ecke in der Wohnung aufsuchen. Das könnte dann ein Ritual werden, das Sie mit dem Schlafengehen koppeln. In jedem Fall gilt: Stellen Sie sich nicht selbst aufs Abstellgleis in Ihrem Schlafzimmer! Schlafen ist keine Zumutung, sondern ein wichtiger Teil des Lebens.

Brigitte.de: Sie meinen, wir haben eine falsche Einstellung zum Schlaf?

Barbara Knab: Ein bisschen schon. Gönnen Sie es sich, Ihren Schlaf angenehm zu finden. Wir neigen dazu, den Schlaf zu verachten. Nicht nur, dass wir das Schlafzimmer lieblos behandeln, es gilt auch als modern, wenig zu schlafen. Aber Menschen benötigen im Schnitt sieben bis acht Stunden Schlaf. Kaum jemand braucht weniger als fünf Stunden, auch wenn Sabine Christiansen behauptet, mit vier Stunden auszukommen.

Buchtipp

"Die kleine Schlafschule"

Umfassende, hilfreiche und leicht verständliche Informationen für einen besseren Schlaf finden Sie im Ratgeber "Die kleine Schlafschule - Wege zum guten Schlaf" von Barbara Knab und Jürgen Zulley. Das Buch ist 2002 bei Herder spektrum erschienen und kostet 8,90 Euro. ISBN: 3451052598

Hier geht's zur Homepage von Barbara Knab: www.barbara-knab.de

Interview: Wiebke Peters Foto: privat
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