Zuckerkrank: Warum Diabetes als Epidemie gilt

Diabetes ist eine Epidemie unserer Zeit und gilt als Folge von zu viel Essen und zu wenig Bewegung. Doch zuckerkrank sind längst nicht mehr nur Menschen mit Übergewicht. Auch erbliche Vorbelastung kann die Krankheit auslösen.

Tatjana Patti war gerade mal 45 Jahre alt und schlank. "Ich bin jeden Tag joggen gegangen", sagt sie. "Ein gesundes Leben war mir wichtig." Ihre Mutter hatte seit acht Jahren Diabetes, ihr Vater seit fünf. Tatjana Patti las Bücher über die Krankheit, kümmerte sich um die Therapie der Eltern. Trotzdem hätte sie nie gedacht, dass es auch sie selbst erwischen würde: "Wir haben immer noch darüber gescherzt, dass ich so viel von meiner Mutter habe, ihr so ähnlich bin - und deswegen bestimmt auch noch die Krankheit erbe." Vielleicht hatte sie eine Ahnung, aber wer weiß schon, dass auch diese Form der Zuckerkrankheit erblich sein kann. Nur zufällig brachte es 2011 dann ein Bluttest ans Licht: Tatjana hatte tatsächlich Diabetes Typ 2.

Diabetes mellitus ist eine Volkskrankheit, die weltweit und auch in Deutschland stetig zunimmt. Vor sieben Jahren wurde sie von den Vereinten Nationen als Epidemie eingestuft - als erste nicht durch eine Infektion verursachte Krankheit. Nach einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts haben 7,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland bereits diese Diagnose erhalten, weitere zwei Prozent sollen unwissentlich erkrankt sein. Heißt: Etwa jeder Zehnte ist hierzulande diabeteskrank, fast acht Millionen Menschen insgesamt.

Rund 95 Prozent der Erwachsenen leiden an Typ-2-Diabetes

Allen Betroffenen gemeinsam ist ein aus dem Lot geratener Zuckerhaushalt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und Zucker (Glukose) in die Körperzellen schleust. Beim selteneren Typ-1-Diabetes, einer Autoimmunerkrankung, produziert der Körper gar kein Insulin mehr. Beim Typ-2-Diabetes, an dem rund 95 Prozent der erwachsenen Diabetiker leiden, reagieren dagegen meist die Zellen nicht mehr angemessen auf das Hormon: Der Zucker bleibt im Blut und schädigt dort die Gefäßwände. Weil der Körper außerdem mehr Wasser ausscheidet, kommt es zur Austrocknung, im Extremfall zum Koma.

Zunächst produziert die Bauchspeicheldrüse daraufhin mehr Insulin. Über die Zeit erschöpft sich jedoch ihre Leistung. Altersdiabetes hieß der Typ-2-Diabetes früher, denn mit den Lebensjahren steigt das Risiko. Bei den 50- bis 60-Jährigen ist jeder Zehnte betroffen, bei den über 70-Jährigen jeder Dritte - weil die Fähigkeit, Insulin zu bilden, mit dem Alter sinkt. Mittlerweile aber sind Patienten immer jünger, oftmals erst 40 Jahre alt, und selbst Kinder und Jugendliche sind bereits Typ-2-Diabetiker.

Früher sprach man von Altersdiabetes - heute sind schon Kinder krank.

Die Hauptursache liegt in unserer modernen Lebensweise: Ungesunde Ernährung, wenig Bewegung, zu hohes Körpergewicht sind die gängigsten Risikofaktoren. "Besonders gefährlich ist Fett am Bauch und in der Leber", sagt Professor Karsten Müssig, Leiter des Klinischen Studienzentrums des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf. "Es produziert Botenstoffe, die den Zucker- und Fetthaushalt stören."

Etwa 20 Prozent der Erkrankten jedoch passen nicht in das gängige Bild der übergewichtigen Diabetiker. Sie sind normalgewichtig - wie Tatjana Patti. "Sie haben meist eine hohe genetische Veranlagung für die Krankheit", sagt Andreas Fritsche, Professor für Diabetologie am Universitätklinikum Tübingen. Ist ein Elternteil betroffen, liegt das Risiko, im Laufe des Lebens an Diabetes zu erkranken, bei etwa 40 Prozent, sind es beide, bei rund 80 Prozent. Und wenn jemand wie Tatjana Patti erblich vorbelastet ist, weil beide Eltern Diabetiker sind, genügen bereits wenige andere Faktoren, um die Krankheit auszulösen.

Stress zum Beispiel. Tatjana Patti musste im Jahr vor der Diagnose ihr Geschäft aufgeben, ein Todesfall in der Familie kam dazu. Ihre beiden Geschwister dagegen sind bis heute gesund. Doch auch andere Formen von Belastung begünstigen Diabetes. Etwa Depressionen, Rauchen oder Schlafmangel. Die amerikanische Forscherin Eve Van Cauter zeigte, dass bereits nach drei Nächten mit wenig Schlaf Körperzellen schlechter auf Insulin reagieren. Schlafmangel beeinflusst auch die Hormone, die Hunger und Sättigung regulieren: Der Mensch isst mehr und nimmt auf Dauer zu, was dann wieder das Diabetes-Risiko erhöht - ein Teufelskreis.

Entdeckt wird die Krankheit meist zufällig. Tatjana Patti etwa ging wegen einer Sehstörung zum Augenarzt, der in einem Bluttest zufällig auf den erhöhten Langzeit-Blutzuckerwert stieß. Spürbare Symptome verursacht ein erhöhter Blutzuckerspiegel nämlich lange Zeit nicht. Oft sind erste Anzeichen schwer zuzuordnen: starkes Durstgefühl, Schwäche, Müdigkeit, Harnwegsinfektionen - hat ja jeder Mal. Immer wieder wird deshalb diskutiert, ob ein Screening sinnvoll wäre, um mehr Fälle früher zu diagnostizieren.

Aus kleinen Verletzungen werden schnell größere Infektionen

Denn oft hat der hohe Blutzuckerspiegel zum Zeitpunkt der Diagnose schon Schaden angerichtet: Er schädigt Blutgefäße, Nerven, Organe, die Durchblutung in den Füßen stockt, aus kleinen Verletzungen werden schnell größere Infektionen. Derzeit werden Biomarker erforscht, die die Krankheit schon Jahre im Voraus ankündigen können, aber konkrete Tests fehlen bisher noch.

Je länger Menschen an Diabetes leiden, desto häufiger kommt es zu weiteren Erkrankungen: Nach 25 Jahren ist bei 80 Prozent der Betroffenen die Netzhaut der Augen geschädigt. Die Nieren können versagen, jeder dritte Herzinfarkt und jeder zweite tödliche Schlaganfall sind Folgen einer Diabetes-Erkrankung. Das Risiko für Demenz und Krebs wächst. Im Schnitt verkürzt Diabetes die Lebenserwartung um zehn Jahre.

Sowohl Vorbeugung als auch Behandlung der Stoffwechselerkrankung setzen vor allem auf zwei Faktoren: Ernährung und Bewegung. Große Präventionsstudien zeigen, dass der richtige Lebensstil häufig einen positiven Einfluss hat. "Selbst bei schon erhöhten Blutzuckerwerten kann der Diabetes ganz zurückgedrängt werden", weiß Experte Karsten Müssig.

Durch Bewegung gelangt Glukose besser in die Muskelzellen

Wer zu viel wiegt (Body-Mass-Index über 30), sollte fünf bis zehn Prozent seines Körpergewichts abnehmen und das Richtige essen. Denn nicht nur die Menge an Kalorien, auch bestimmte Nahrungsmittel nehmen Einfluss (siehe Kasten). Auch Sport sollte in den Alltag integriert werden. Denn durch Bewegung gelangt Glukose besser in die Muskelzellen - das gefährliche Leberfett schwindet. Bereits moderate Bewegung hat einen Schutzeffekt, doch je mehr man sich bewegt, umso mehr sinkt das Diabetes-Risiko. Selbst nach Beginn der Krankheit hilft Sport, Medikamente und Insulin zu sparen.

Vielen Menschen fällt es jedoch schwer, einen Lebensstil zu ändern, an den sie sich über Jahre gewöhnt haben. "Manche schaffen es nicht", so Diabetologe Fritsche. "Und manche schaffen es, und der Diabetes bleibt trotzdem." Diese Menschen machen alles richtig - ernähren sich besser, bewegen sich mehr - und profitieren dennoch nicht davon. Zur Belastung durch die Krankheit kommt dann häufig noch das Gefühl, versagt zu haben. Dabei weiß man mittlerweile, dass nicht jeder gleich gut auf Lebensstilveränderungen anspricht.

Gelingen diese nicht oder lässt sich der Blutzucker nicht dauerhaft senken, verordnen Ärzte Tabletten. Knapp die Hälfte aller Typ-2-Diabetiker schluckt Blutzuckersenker. Viele dieser Mittel können jedoch zu Gewichtszunahme oder gefährlichen Unterzuckerungen führen. Und leider ist die Therapie mit Antidiabetika keine Dauerlösung. Eine Tatsache, die viele am Anfang unterschätzen.

Diabetes ist eine lebenslange Herausforderung

"Sie denken: Dann nehme ich eben eine Tablette, und das reicht dann", sagt Bernhard Kulzer, Psychologe am Diabetes Zentrum in Bad Mergentheim. "Aber Diabetes ist eine lebenslange Herausforderung." Wenn die Bauchspeicheldrüse ganz die Fähigkeit verliert, Insulin zu bilden, muss das Hormon von außen zugeführt werden. Dabei gilt es immer, den schmalen Grat zwischen zu geringem Blutzucker und zu hohem zu finden.

Fast logisch klingt da, was Studien belegen: Die Lebensqualität von Diabetikern ist niedriger als die von Menschen ohne Diabetes. Viele Betroffene entwickeln Ängste, etwa vor einer lebensgefährlichen Unterzuckerung oder möglichen Folgekrankheiten. "Diabetes gilt außerdem oft als eine Krankheit, die selbst verursacht ist, als Quittung für ein ungesundes Leben. Viele fühlen sich deshalb schuldig", sagt Kulzer. 30 bis 35 Prozent der Diabetiker leiden unter depressiven Verstimmungen, doppelt so viele wie der Durchschnitt der Bevölkerung.

Davon sieht sich Tatjana Patti weit entfernt. Zwar denkt auch sie oft daran, dass sie plötzlich ein Schlaganfall treffen könne. Doch solche Ängste bekämpft sie mit Aktivität. Sie nimmt ihre Tabletten, hat Schokolade, die sie früher gern mal naschte, gegen Tomaten- und Gurken-Happen ersetzt, geht täglich lange mit ihrem Hund raus und sagt: "Ich will das Beste aus der Situation machen."

Diabetes vorbeugen und erkennen

Richtig testen:

Der Hausarzt prüft den Blutzucker etwa beim Gesundheitscheck 35+, den gesetzliche Krankenkassen alle zwei Jahre ab dem Alter von 35 bezahlen. Einen Fragebogen, um das eigene Diabetes-Risiko einzuschätzen, bietet das Deutsche Institut für Ernährungsforschung auf seiner Homepage.

Richtig essen:

Gesunde Ernährung beugt Diabetes vor. Am effektivsten reduzieren vermutlich Ballaststoffe das Risiko. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 30 Gramm täglich. Vier Scheiben Vollkornbrot enthalten 15 Gramm Ballaststoffe. In 100 Gramm Hülsenfrüchten stecken etwa sieben Gramm. Empfehlenswert sind auch Getreide und Gemüse, Pflanzenöle statt Butter. Weitgehend meiden sollte man dagegen rotes Fleisch und Lebensmittel, die den Blutzucker schnell ansteigen lassen, wie Süßigkeiten und Obstsaft. Besonders schädlich sind gezuckerte Softdrinks, weil sie die Verfettung der Leber begünstigen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung zeigte außerdem, dass Menschen, die täglich mehr als vier Tassen Kaffee trinken, seltener an Diabetes erkranken.

Richtig bewegen:

Wichtig ist außerdem regelmäßige Bewegung. Ideal sind 150 Minuten Sport, die sich auf mindestens drei Tage in der Woche verteilen. Am besten ist dabei ein Mix aus Alltagsbewegung, leichtem Ausdauer- und Krafttraining.

Text: Natalie Rösner BRIGITTE 05/2013

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