"Was ich vor meiner Krebs-Diagnose gerne gewusst hätte"

Susanne Reinker hatte Brustkrebs. In einem Buch hat die Autorin ihre Erfahrungen verarbeitet – und will anderen Betroffenen damit helfen. BRIGITTE.de hat sie verraten, was sie vor ihrer Krebs-Diagnose gerne erfahren hätte.

Der Oktober ist Brustkrebs-Monat. In dieser Zeit soll dem Krebs die Aufmerksamkeit gewidmet werden, die er eigentlich stetig nötig hätte. Denn laut Informationen der Krebsgesellschaft erkrankt aktuell jede achte Frau in Deutschland an Brustkrebs. Susanne Reinker ist eine von ihnen.

Die Autorin bekam die Diagnose, dass sich ein bösartiger Tumor in ihrer Brust eingenistet hatte, vor 12 Jahren. Sie kämpfte und siegte. In ihrem Buch "Kopf hoch, Brust raus" geht es aber nicht um ihr Überlebensrezept. Denn eine Lösung für alle Betroffenen gibt es bislang – leider – nicht. So individuell die Menschen sind, so unterschiedlich reagieren sie und ihre Körper auf den Krebs und seine Behandlung. Deswegen hat Susanne Reinker sich für einen anderen Weg entschieden: Sie möchte Krebs-Patienten auf ihre Weise helfen. An der Diagnose kann die Autorin nichts ändern – aber an unserem Umgang mit ihr.

Im Interview mit BRIGITTE.de spricht Susanne Reinker offen und ehrlich darüber, was sie selbst vor ihrer Diagnose gerne erfahren hätte.

Susanne Reinker: 3 Dinge, die ich vor meiner Krebs-Diagnose gerne gewusst hätte

Überlebensprognosen sind fragwürdig 

"'Wieviel Zeit bleibt mir noch?', das fragt sich jeder Krebsneuling. Die Onkologen antworten in Prozentangaben. Aber: Das sind nur Prognosen! Keine amtlich beglaubigten Urteile. Denn Prognosen beruhen auf Statistiken. Und mit denen lassen sich viele genesungsrelevante Lebensfakten höchstens ansatzweise erfassen, z. B. Familienhintergrund, Freundeskreis, finanzielle und seelische Großwetterlage, Hobbys und Lebensweise, genetische und epigenetische Veranlagungen.

Prognosen in Sachen Überlebenswahrscheinlichkeit sind ungefähr so zuverlässig wie der Wetterbericht für die kommende Woche.  

Genau das könnten die Ärzte uns ersparen. Indem sie uns routinemäßig über die beschränkte Aussagekraft jeder Prognose und Statistik aufklären. Ich habe mir meine heutige Abgeklärtheit in Sachen "Fünfjahresüberlebenswahrscheinlichkeit“ erst aneignen können, nachdem mir ein Freund geduldig erklärt hatte, was statistische Standardabweichungen sind. Die bedeuten nämlich: Es kann so kommen, wie prognostiziert. Es muss aber nicht so kommen, wie prognostiziert.

Seit ich das begriffen habe, schalte ich in Sachen Restlebenserwartung grundsätzlich die Ohren auf Durchzug. Auszug aus dem Rheinischen Grundgesetz: Et kütt, wie et kütt."

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Es gibt einen Nachwirkungsblues

 "Der Nachwirkungsblues. Das ist die Phase nach dem Ende der Behandlung. Die hat Monate gedauert, aber irgendwann ist sie abgeschlossen, die medizinische Maschinerie spuckt uns wieder aus. "Kommen Sie in drei Monaten zur Nachsorge“, und das wars. Das ist eigentlich der Moment, auf den wir so sehnsüchtig gewartet haben: erstmal alles überstanden, endlich wieder back to normal!

Das hatte auch ich gehofft. Dass ich jetzt wieder durchstarten kann, okay, ein bisschen Erholung noch, wie nach einer Reise mit Jetlag, aber dann zügig wieder in mein altes Powerfrau-Leben. Meine Lieben erwarteten Ähnliches, sie hatten mich schließlich fast ein Jahr lang behandelt wie ein rohes Ei, das wird auf Dauer auch den fürsorglichsten Zeitgenossen allmählich zu anstrengend.

Tja, wenn mir damals schon irgendjemand verkündet hätte, dass es gefühlt EWIG dauert, bis ich wirklich wieder zu meiner alten Form zurückfinde, wäre ich wenigstens vorgewarnt gewesen.

Und hätte auch meine Lieben vorwarnen können. Zur groben Orientierung: Bei mir hat es locker zwei Jahre gedauert. Jahre, in denen ich mühsam lernen musste, mich damit abzufinden, immer noch nicht wieder völlig auf dem Damm zu sein. Mich deswegen nicht zu schämen, weil dieser Nachwirkungsblues halt offenbar dazugehört. Und auf meinen Körper zu hören, anstatt ihm stur 100% Leistung abzuverlangen. 

Heute weiß ich: Nach überstandenem Behandlungsparcours ist das größte Problem der allgemeine Erwartungsdruck. Selbstgemachter und der, der von unseren Lieben ausgeht.Aber wer das von vornherein weiß, kann ihm ziemlich einfach den Stecker ziehen."

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Krebs ist vor allem teuer

"Das ist eine richtig bittere Pille, wenn's einen einmal erwischt hat: die Tatsache, dass der Behandlungsparcours noch nicht mal umsonst ist.

Sogar diese knallbunt-giftigen Chemo-Infusionsbeutel sind 'zuzahlungspflichtig' 

Genau wie die Medikamente gegen die Nebenwirkungen. Von komplementärmedizinischen Mitteln zur Stärkung des Immunsystems und anderen 'Extras' mal ganz zu schweigen. Da kommen im Laufe der monatelangen Behandlung echt heftige Kosten zusammen. Und das in einer Lebenssituation, in der unsereins obendrein nur begrenzt verdienstfähig ist und reichlich krankheitsbedingte Zusatzkosten hat, von Frischobst bis Putzhilfe.

Ich für mein Teil hatte immer geglaubt, dass die Krankenkassen bei so richtig üblen Erkrankungen großmütig auf Zuzahlungen verzichten. In Frankreich ist das so. Aber in Deutschland nicht. Klar, wer superknapp bei Kasse ist, kann einen Antrag auf Zuzahlungsbefreiung stellen. Aber die Energie für den Papierkrieg mit der Kasse muss unsereins auch erstmal aufbringen…

Seit damals weiß ich: Krebsbedingte Geldsorgen sind ein echtes Problem, besonders für Rentner, alleinerziehende Mütter, Arbeitslose oder prekär Beschäftigte, finanzschwache Selbständige. Aber kein Mensch redet drüber! Die Betroffenen aus Scham, ihr Umfeld aus Taktgefühl, die Krankenkassen aus Sparwut."

Danke für das spannenden und vor allem wichtige Gespräch! 

Du möchtest dich zum Thema Krebs austauschen? Schau doch mal in unserer Community vorbei. Dazu erfährst du bei uns, was Betroffene nicht auf ihre Diagnose hören wollen und wie du Brustkrebs frühzeitig erkennen kannst. In unserer Galerie "True Cancer Bodies" geben Frauen der Krebs-Erkrankung ein Gesicht.


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