Diagnose Lipödem: "25 Jahre dachten alle, ich sei dick"

Schon als Kind war Maranda Kirk anders als der Rest ihrer Familie sehr dick. Alle Ärzte setzten sie einfach auf Diät – dabei lag das Problem ganz woanders.

Dass sie anders war als der Rest ihrer Familie, wusste Maranda Kirk aus Maryland schon zu Grundschulzeiten: Als sie in der dritten Klasse war und einmal von ihrer schlanken Mutter zur Schule gebracht wurde, fragte ihre Freundin sie, warum Maranda dick sei und ihre Eltern nicht. "Es tat so weh, auch, weil ich keine Antwort für sie hatte", so Maranda, die ihre Geschichte dem Portal "lovewhatmatters" erzählt hat. Wenn sie an ihre Kindheit denkt, denkt sie bis heute als erstes an das Mobbing, das sie wegen ihres Gewichts ertragen musste.

"Sie muss einfach abnehmen"

Tatsächlich wussten weder Marandas Eltern noch sie selbst, warum das Mädchen schon frühzeitig stark übergewichtig war. Ihre Familie kontrollierte was sie aß und sie war eigentlich ein aktives Kind. Sie wurde von mehreren Ärzten untersucht, zum Beispiel auf eine mögliche Schilddrüsenunterfunktion, die häufig mit einer Gewichtszunahme einhergeht. Doch die Ärzte fanden nichts – also war ihr Ratschlag an Marandas Eltern immer derselbe: Das Mädchen sollte mit einer festgelegten Diät einfach ein paar Kilos abnehmen.

Was folgte, waren frustrierende Jahre für Maranda. Kurzfristig brachten die Diäten ein wenig Erfolg, aber sie nahm jedes Mal früher oder später das doppelte der ursprünglichen Abnahme wieder zu. Dennoch wollte sie sich bewegen: In der High School fing Maranda mit dem Hockeyspielen an, litt aber kurz darauf unter wiederkehrenden Schmerzen in den Waden und Schienbeinen. Mehrere Ärzte vermuteten, dass der Schmerz von ihrem Übergewicht kam und rieten ihr, einfach weiterzutrainieren, um die Beschwerden loszuwerden. Doch Marandas Schmerzen wurden beim Training immer stärker und so gab sie das Hockeyspielen nach einem knappen Jahr auf.

Nicht einmal Marandas beste Freundin stand hinter ihr

Über die Jahre ging Marandas Gewicht immer weiter nach oben, wobei sie bemerkte, dass sich das Fett fast ausschließlich an Hüften, Po und Oberschenkeln festsetzte. Doch alle Ärzte, die sie aufsuchte, blieben dabei: Sie ernähre sich offensichtlich nicht gut und solle Diät halten. Maranda schämte sich für ihr Aussehen – und bekam nicht einmal Unterstützung aus ihrem Freundeskreis. Als sie für eine Hochzeit mit ein paar anderen Freundinnen Kleider kaufen wollte, landete sie in einem Geschäft, in dem es in den Umkleidekabinen keine Spiegel gab. Und keine Kleider in ihrer Größe. Die Verkäuferin quetschte Maranda in ein viel zu enges Kleid und schob sie nach draußen vor den Spiegel, wo ihre Freundinnen saßen.

Ich sah die Blicke der anderen Mädchen und fühlte mich wie in einer Episode von "Mean Girls". Meine angeblich beste Freundin drehte sich zu ihrer Kollegin, die einen traumhaften Modelkörper hatte, und sagte: "Ich wünschte, jeder hätte einen Körper wie du."

Maranda zwängte sich aus dem Kleid, verließ weinend das Geschäft und beendete die Freundschaft augenblicklich.

Im Laufe der Zeit wurden Marandas Beschwerden an den Beinen und Füßen immer schlimmer. Jeder Schritt schmerzte, es zeichneten sich deutliche Krampfadern an ihren Oberschenkeln ab. Doch diese seien nur oberflächlich und kein Problem, behauptete ein Venenarzt. Nach einem Autounfall, bei dem ihre Beine eingeklemmt wurden, litt Maranda für Jahre zusätzlich an wiederkehrenden schmerzenden Schwellungen an den Knöcheln, Füßen und Waden, die sich niemand erklären konnte.

Die richtige Diagnose – mit 25

Erst als sie 25 wurde, geriet Maranda schließlich an einen Experten für Fußbeschwerden, von dem sie sich ernstgenommen fühlte. Der Arzt vermutete, dass sie unter einem Lipödem litt und verwies sie an eine Spezialistin. Diese bestätigte mithilfe eines anderen Venenexperten den Verdacht. 

Experte deckt auf: So ungesund ist fettiges Essen wirklich!

Bei einem Lipödem handelt es sich um eine chronische Fettverteilungsstörung: Das Fettgewebe vermehrt sich dabei ungehemmt, vor allem in der unteren Körperhälfte. Die genauen Ursachen dafür sind bis heute nicht bekannt, eine genetische Veranlagung und hormonelle Umstellungen scheinen bei der Entstehung aber eine Rolle zu spielen. Bei Maranda kam erschwerend hinzu, dass sich durch den Autounfall viel Narbengewebe in ihren Beinen befand, das von der Flüssigkeit, die das Lymphsystem produziert, geflutet wird und so die schmerzhaften Schwellungen auslöst.

Neuer Lebensmut nach jahrelanger Ungewissheit

Heute fühlt Maranda sich wesentlich wohler in ihrer Haut und zeigt das auch auf Instagram

Anfangs war die junge Frau von der Diagnose schockiert, denn Lipödeme sind bisher nicht heilbar. Dann aber wurde ihr etwas klar. "Ich hatte endlich Antworten! Und die größte Erleichterung war die Erkenntnis, dass nichts von all dem meine Schuld ist." Seit der Diagnose fühlt sich Maranda wesentlich befreiter: Ihr Selbstbewusstsein ist deutlich gewachsen, sie hat gelernt, die Krankheit zu akzeptieren.

 Mithilfe einer speziellen Therapie kämpft sie gegen die Fetteinlagerungen in ihren Beinen an und konnte einen Großteil ihrer Schmerzen lindern. Als nächstes will sie mit einem Lipödemspezialisten über eine mögliche Fettabsaugung an den Beinen sprechen, die derzeit die einzige Möglichkeit ist, das Fett dauerhaft loszuwerden. Parallel berichtet Maranda auf Instagram über das Leben mit Lipödem und klärt über die Krankheit auf. Ihre Botschaft: Sie weiß, wie es ist, den eigenen Körper nicht zu lieben – dass es aber Mittel und Wege gibt, etwas dagegen zu tun.

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