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Die verschnupfte Seele: Erkältung und Depression

Erkältung und Depression: Die verschnupfte Seele: Frau liegt krank im Bett
© Nico Traut / Shutterstock
In der dunklen Jahreszeit gibt es sowohl mehr Erkältungen als auch mehr seelische Durchhänger. Wissenschaftler behaupten: Beides könnte miteinander zusammenhängen. 

Wer sich krank fühlt, ist auch schlecht drauf. So weit, so bekannt. Doch seit ein paar Jahren gibt es dazu eine radikal neue Theorie: Das Stimmungstief, sagen Forscher, liegt daran, dass bei jedem noch so banalen Infekt auch entzündliche Prozesse ablaufen. Und Entzündungen stehen inzwischen im Verdacht, Mitschuld an der Entstehung von Depressionen zu haben. Eine These, die die medikamentöse Behandlung von Depressionen in den nächsten Jahren komplett auf den Kopf stellen könnte. Wir fragten den Neurowissenschaftler Edward Bullmore: Was bedeuten die aktuellen Erkenntnisse für banale Infekte? Und was für Depressionen?

BRIGITTE WOMAN: Mr. Bullmore, Sie fordern ein Umdenken: Ein Großteil aller Depressionen entsteht vermutlich aufgrund von Entzündungen im Körper und nicht durch einen Serotoninmangel im Gehirn, wie heute immer noch häufig angenommen wird.

Edward Bullmore: Noch vor 30 Jahren, als ich ein junger Psychiatriestudent war, galt es in der Medizin als ausgeschlossen, dass der Körper und das Gehirn miteinander kommunizieren können.

Ganz im Sinne des Philosophen Descartes, der Leib und Seele als zwei voneinander getrennte Systeme sah.

Ja, genau. Bis vor Kurzem ging man davon aus, dass keinerlei Signale die sogenannte Blut-Hirn-Schranke passieren können. Heute weiß man aber durch bildgebende Verfahren, dass Entzündungen im Körper sehr wohl eine direkte Wirkung auf das Gehirn und die Stimmungslage haben. Zytokine, Entzündungsproteine im Körper, geben ihren Alarm bis ins Gehirn weiter. Das wiederum beeinflusst dort die Nervenzellen, die die Emotionen regeln und die Laune auf "low" runterdimmen. Ich halte das, was wir heute über Entzündung und Depression wissen, für bahnbrechend.

Wenn ich mich jetzt erkälte, geht das also zwangsläufig mit einer kleinen Depression einher?

Genau. Bei einer Virusinfektion springt das Immunsystem sofort in den Alarmmodus, setzt unter anderem die Zytokine frei, und am Ende der Reaktion sind wir ziemlich down.

In Ihrem Buch "Die entzündete Seele" (20 Euro, Goldmann) fragen Sie, welchen evolutionären Sinn eine Depression für den Menschen hat.

Das Immunsystem steht ja eigentlich auf unserer Seite, aber Depressionen sind natürlich eine grauenhafte Sache. Warum also schubst uns eine Infektion in dieses schlechte Gefühl? Eine Theorie legt nahe, dass vor Zigtausenden von Jahren der depressive Rückzug eines kranken Menschen ihm das Leben rettete, weil er sich aus dem Alltag herausnahm. Ein Jäger mit gedrückter Stimmung musste nicht auf die Jagd. Und auch der Genpool des Stammes wird geschützt, wenn sich der ansteckende Mensch von seinen Genossen entfernt, weil er sich so elend fühlt. Aus Tierversuchen weiß man, dass mit Erregern infizierte Lebewesen sofort ihre Stimmungslage verändern. Es ist ein Mechanismus, der schon vor Millionen Jahren entstanden ist.

Im Falle einer Erkältung könnte uns aber die depressive Stimmungslage den wichtigen Hinweis geben: Schone dich!

Auf jeden Fall. Bei leichten oder mittelschweren Infekten hilft uns das dabei, wieder zu Kräften zu kommen. Aber nicht bei einer Depression. Sie verkürzt das Leben, mindert unseren sozioökonomischen Status. Eines unserer größten Rätsel ist: Warum sind die Gene, die Depression begünstigen, nicht ausgestorben?

Was wissen wir heute über Gene, die Depression weitergeben könnten?

Wir stehen erst ganz am Anfang. Man geht davon aus, dass es Tausende von Genen sein könnten, die etwas damit zu tun haben. Im Moment kennen wir 44, und die auch erst seit ein, zwei Jahren.

Sie zielen im Kampf gegen Depression vor allem auf entzündliche Prozesse, die aufgrund von sozialem Stress entstehen. Sind das zwei unterschiedliche Wege zu einer Depression: genetische Disposition oder Stress?

Nein, ich glaube, das hängt zusammen. Nehmen wir das Gen, das sich um die Reaktionen des Immunsystems kümmert. Wenn wir beide nun einen Infekt bekommen, werden unsere Immunsysteme völlig unterschiedlich darauf reagieren. Mein Immunsystem könnte Signale ins Gehirn schicken und sagen: Werde depressiv! Ihres nicht. Das ist das Zusammenspiel unseres genetischen Erbes und von Umwelteinflüssen wie Stress, Keimen, Viren.

Sollten wir uns in den kalten Monaten also gut vor Viren schützen, um nicht depressiv zu werden?

Es ist fast unvermeidbar, von Zeit zu Zeit einen Infekt zu erleiden. Viren sind wahnsinnig clever. Sie konstruieren ständig neue Wege, um unser Immunsystem zu entern. Manchmal schützt es uns, weil ihm die Viren bekannt sind. Aber Viren mutieren rasend schnell und tricksen unsere Streitkräfte immer wieder aus.

Hilft es, das Immunsystem irgendwie zu stärken? Mit Immun-Boostern?

Es gibt kaum Hinweise, dass das hilft. Egal ob spezielle Ernährung oder ein rigides Sportprogramm. Es wird viel über antientzündliche Diäten geredet, die vor Infekten schützen sollen, mit Kurkuma, fettem Fisch und so weiter. Ich will da nicht ignorant sein, aber letztlich ist nicht genug davon nachgewiesen.

Sie zitieren eine große englische Studie aus dem Jahr 2014: Neunjährige, die eine leichte Entzündung hatten, litten mit 18 signifikant häufiger an einer Depression. Heißt das: Wenn ich als Kind oft krank war, werde ich später im Leben eher depressiv?

Entzündliche Erkrankungen erhöhen im Allgemeinen das Risiko einer Depression. Autoimmunerkrankungen wie Arthritis steigern auf jeden Fall die Gefahr. Ich wäre nicht überrascht, wenn jemand, der früher sehr oft erkältet war, eher depressiv werden könnte als jemand, der selten krank war. Aber wir wissen das noch nicht.

Das Immunsystem hat ein unglaubliches Gedächtnis, was Infekte angeht. Ist das nun gut oder schlecht?

Dieses Gedächtnis ist überlebenswichtig. Es weiß, dass ich mit sechs Masern hatte und wie es mich heute bei einem erneuten Angriff verteidigen muss: Ich bin immun. Problematischer ist, dass es sich ebenfalls merkt, wenn wir eine schwierige oder stressvolle Kindheit hatten. Weil es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass wir später psychische Probleme entwickeln. Bei betroffenen Erwachsenen finden sich immer auch erhöhte Entzündungswerte. Das heißt, dass speziell sozialer Stress, oft viel mehr noch als Infekte, das Immunsystem auf Entzündungsstatus stellt und dass es sich das über einen sehr langen Zeitraum merkt.

Wie löst sozialer Stress Entzündungen aus? Da ist ja kein Virus.

Wenn man ein Tier unter Stress setzt, antwortet zuerst das sympathische Nervensystem, und das Gehirn sendet Alarmsignale in den Körper. Es ist dasselbe Prinzip wie bei einer Verletzung, nur wird bei einer Wunde der Prozess lokal initiiert. Bei seelischen Verletzungen brauchen wir das Gehirn, um sie überhaupt wahrzunehmen. Die Wahrnehmung aktiviert dann den Körper, und der reagiert identisch wie nach einer physischen Attacke und flutet das Gehirn.

Wie könnten wir uns besser vor Depression schützen?

Indem wir lernen zu verstehen, wie das Immunsystem seelische Widrigkeiten speichert. Wir können messen, ob ein Kind mit seelischen Problemen erhöhte Entzündungswerte hat. Und dann vorbeugende Maßnahmen ergreifen.

Zum Beispiel mit einem Medikament, das gegen Entzündungen wirkt und die alte Information überschreibt?

Genau. Es scheint sich zu erhärten, dass Entzündungshemmer Menschen weniger depressiv machen. Bei Menschen, die an Arthritis leiden, erhellt sich das Gemüt signifikant, wenn die Entzündung behandelt wird. Wir müssen testen, ob sich eine Depression allein mit Entzündungshemmern wie Ibuprofen mindern lässt. Und wir müssen vorhandene Arzneistoffe dahingehend weiterentwickeln. Aber es gibt auch andere Wege. Etwa über die Stimulation des Vagusnervs, der Entzündungen im Körper nachweislich herunterfährt. Dafür reicht es schon, die Ohrmuschel zu massieren. Und auch Ernährung, Bewegung oder Meditation können positive Effekte haben.

Was ist mit Antidepressiva?

Früher hieß es, es gibt nur einen einzigen Grund für Depression: zu wenig Serotonin. Wer gesund werden will, nimmt einfach einen SSRI, einen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, der für mehr von diesem Botenstoff am Ort des Geschehens sorgt. Obwohl es für diesen Zusammenhang nie einen Beweis gab.

Sie kritisieren, dass ein Patient, der sich depressiv fühlt, auf einem Fragebogen Stimmungen ankreuzen muss, statt medizinisch untersucht zu werden – etwa mit einem Bluttest, der Aufschluss über Entzündungswerte geben kann.

Wenn Sie heute zum Arzt gehen und sagen, mir ist total heiß, so als würde ich brennen, dann hoffe ich mal, dass er nicht sagt: "Ich denke, Sie haben Fieber, hier ist ein Medikament." Sondern dass er einen Test macht, um herauszufinden, was es mit dem Fieber auf sich hat. In der Regel bringt der Patient seine Symptome an, und der Arzt versucht, die Ursache herauszufinden. Die muss er dann bekämpfen, nicht die Symptome. So sollten wir auch mit Depression umgehen.

Sie fordern, Depression mehr dem Körper zuzuordnen als der Psyche. Dann wären wir weniger peinlich berührt, an ihr zu leiden.

Viele Menschen mit seelischen Problemen denken, es sei ihr Fehler. Wenn wir uns die Medizingeschichte anschauen, dann haben wir Krankheiten immer dann stigmatisiert, wenn wir sie nicht verstanden haben. Lepra, Tuberkulose, Krebs, Epilepsie. Wurden alle abgelehnt und gebannt. Kann man aber die Symptome erklären und behandeln, dann nimmt die Stigmatisierung ab. Wenn wir eine gewöhnlichere Erklärung für Depression finden, wie bei einer anderen Krankheit auch, dann würde man sie nicht mehr als persönliches Scheitern ansehen.

Sondern als eine körperliche Erkrankung?

Ja, Depression hat nichts mit einem schwachen Gemüt oder etwa mangelnder Willensstärke zu tun.

Was sagen Sie einem depressiven Patienten?

Dass er nicht allein ist. Depression isoliert enorm. Man fängt sofort an, den Kontakt zu anderen zu verlieren. Dabei kommt sie so unglaublich oft vor. An einer Depression erkrankt im Laufe eines Lebens vermutlich jeder Vierte. Also jede Familie auf dem Planeten kommt mit ihr in Berührung. Deshalb ist es auch so absurd, sich für diese Erkrankung zu schämen. Wir müssten über sie sprechen wie über Schmerzen im Fuß. Umgekehrt würde ich einen Patienten mit einer Entzündung sofort nach seinen Emotionen fragen. Um herauszufinden, ob sich bereits eine Depression eingeschlichen hat.

Prof. Edward Bullmore studierte in Oxford Medizin und leitet heute die psychiatrische Abteilung der University of Cambridge. Sein Spezialgebiet ist die relativ junge Wissenschaft der Immunpsychiatrie, die sich auf das Zusammenspiel von Immunsystem und Vorgängen im Gehirn konzentriert.

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