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Dysmorphophobie Wenn dein Spiegelbild dich krank macht

Eine körperdysmorphe Störung kann ernsthafte Folgen für die Betroffenen haben.
Eine körperdysmorphe Störung kann ernsthafte Folgen für die Betroffenen haben.
© InesBazdar / Shutterstock
Wenn dein Spiegelbild dich regelmäßig unglücklich macht, kann eine körperdismorphe Störung die Ursache sein. Was sich hinter dieser ernst zu nehmenden Erkrankung verbirgt – die sogar im Suizid enden kann – hat BRIGITTE mit einem Experten geklärt.

Ist deine Laune direkt im Keller, wenn deine Haare morgens nicht liegen? Willst du dich dann am liebsten auf der Arbeit krankmelden, sodass dich keiner sieht? Dann könntest du ein ernsthaftes Problem haben. Dysmorphophobie oder auch körperdysmorphe Störung (neue Bezeichnung) nennt sich dieses Krankheitsphänomen, das besonders junge Frauen betrifft.

Betroffene beschäftigen sich zu viel mit ihrem Spiegelbild. Im ersten Augenblick hört sich diese Störung recht harmlos an. Ist sie aber nicht. Sie kann sogar ganz schön gefährlich werden.

Studien zufolge haben über dreiviertel der Betroffenen Suizidgedanken.

"Je nach Studie haben zwischen drei und 27 Prozent auch einen Suizidversuch begangen", erzählt Diplom-Psychotherapeut Stefan Brunhoeber im Gespräch mit BRIGITTE. Der Experte hat sich in seiner Bonner Praxis auf die Behandlung körperdysmorpher Störungen spezialisiert.

Dysmorphophobie und der Zwang, schön zu sein

Hierzulande ist die Dysmorphophobie noch wenig bekannt, doch die Anzahl der Betroffenen steigt. Rund eine Million Menschen – also circa 1,8 Prozent der deutschen Bevölkerung – leiden laut Brunhoeber an einer körperdysmorphen Störung. Eine erschreckend hohe Zahl.

Doch was kennzeichnet diese Störung genau, was sehen die Patient*innen, wenn sie in den Spiegel blicken und ist eine Schönheits-OP der letzte Ausweg? Diese und weitere Fragen klärt Stefan Brunhoeber für uns im Interview.

BRIGITTE: Was ist eine körperdysmorphe Störung?
Stefan Brunhoeber: Das ist eine Form der Körperakzeptanzstörung, die überwiegend im Pubertätsalter ausgelöst wird. Betroffene beschäftigen sich mehr als eine Stunde täglich mit ihrem äußeren Erscheinungsbild und leiden gleichzeitig darunter. Sie denken, dass ihr Körper so wie er aussieht, nicht ausreicht, also nicht schön genug ist. Durch eine erhöhte Beschäftigung mit dem Äußeren wird dann versucht, das Problem in den Griff zu bekommen – wodurch aber alles nur noch schlimmer wird.

Das gesamte Leben dreht sich irgendwann nur noch um das eigene Aussehen?
Im Extremfall ja.

Bei manchen kann es sogar so weit kommen, dass sie sich jede freie Minute – sogar in ihren Träumen – mit ihrem Aussehen beschäftigen.

Wie nehmen die Betroffenen ihr Spiegelbild wahr?
Schätzungsweise haben 95 Prozent der Patient*innen eine Körperschemastörung. Sie nehmen sich selbst verzerrt wahr.

Woran erkenne ich, dass ich an einer körperdysmorphen Störung leide?
Wenn man mehr als eine Stunde täglich über sein Aussehen nachdenkt. Gesunde Menschen beschäftigen sich zwar morgens im Bad auch mit ihrem Äußeren, aber ihre Gedanken sind dann schnell beim weiteren Tagesablauf. Die Gedanken Betroffener drehen sich intensiver um das eigene Erscheinungsbild. Weitere Symptome sind:

  • zwanghaftes Vergleichen mit dem Äußeren anderer Personen
  • zwanghaftes Überprüfen des eigenen Spiegelbilds
  • wiederholtes Berührendes körperlichen Makels
  • Erstellen von Fotos/Videos, um zu schauen, wie man von allen Seiten (nicht nur frontal) aussieht
  • Rückversicherung bei anderen einholen, wie man aussieht
  • Verstecken von ungeliebten Körperteilen durch Mützen, Perücken oder Kleidung
  • Einholen von Informationen, wie man besser aussehen kann – zum Beispiel durch Schönheits-OPs
  • Durchführung von plastischen OPs oder dermatologischen / kieferorthopädischen Eingriffen

Kann eine Schönheits-OP helfen?
Die derzeitige einheitliche Meinung ist nein. Meine klinische Erfahrung ist auch, dass eine solche OP nicht helfen kann, weil sie nicht die Auslöser und Ursachen behebt, die zu einer körperdysmorphen Störung führen.

Körperdysmorphe Störung: Hänseleien und Social Media als Auslöser

Wodurch wird die Krankheit ausgelöst?
Über 60 Prozent sagen, dass Hänseleien oder blöde Kommentare über ihr Äußeres die Erkrankung ausgelöst haben. Der Vergleich mit sozial erfolgreichen Menschen kann dazu führen, dass man hofft, durch ein gutes Aussehen ähnlich erfolgreich zu sein. Auch positive Lernerfahrungen können Auslöser sein.

Wenn man zum Beispiel anfängt, sich zu schminken oder abzunehmen und andere einem ein Kompliment machen, kann das die Erkrankung begünstigen. Betroffene denken dann oft, dass sie vorher nicht gut ausgesehen haben und dass sie nun noch mehr an ihrem Aussehen arbeiten und verändern müssen. All diese Auslöser fußen auf einem angeknacksten Selbstwertgefühl.

Verstärken soziale Medien und Instagram-Schönheitsideale eine körperdysmorphe Störung?
Viele meiner Patient*innen kommen beruflich oft mit sozialen Medien in Kontakt. Das stresst sie unglaublich, da sie sich permanent mit anderen – oft scheinbar perfekt aussehenden Menschen – vergleichen müssen und immer das Gefühl haben, schlechter abzuschneiden. Also ja, soziale Medien können ein weiterer Auslöser für eine körperdysmorphe Störung sein.

Wie kann man sich den Krankheitsverlauf vorstellen?
Stellen Sie sich vor, sie haben zwei Männer mit demselben Auto. Der eine fährt sein Auto alle zwei Monate in die Waschstraße, der andere verbringt täglich mehrere Stunden damit, das Auto zu pflegen. Für den zweiten Mann ist es viel schlimmer, wenn das Auto einen Kratzer hat, weil er viel mehr in sein Auto investiert hat. Es ist zu einem immer wichtigeren Teil seiner Identität geworden.

Die Betroffenen werden verletzlicher, müssen infolgedessen noch mehr für ihr Aussehen tun, um sich sicher zu fühlen. Das Aussehen wird zur Identität. Man beginnt, soziale Kontakte und andere Aktivitäten schleifen zu lassen. Betroffene brauchen professionelle Hilfe, sonst verläuft die Erkrankung chronisch.

Was sind die Folgen?
Einige greifen zu Alkohol und Drogen, um sich sicherer zu fühlen.

Manche ziehen sich immer mehr sozial zurück und haben seit Jahren kaum das Haus verlassen, weil sie sich so schämen.

Es entstehen partnerschaftliche oder sexuelle Probleme, weil sich die Betroffenen unattraktiv fühlen und denken, dass der Partner sie bald verlässt. Viele haben auch häufige Fehlzeiten in der Schule oder dem Beruf, weil sie sich nicht trauen, sich vor Ort zu zeigen. 

Wie wird die die Erkrankung behandelt?
Nach gemeinsamer Anamnese und Ursachenforschung wird ein individuelles Störungsbild entwickelt (Psychoedukation), damit die Betroffenen ihre Erkrankung besser verstehen. Die Patient*innen müssen lernen, dass nicht ihr Aussehen das Problem ist, sondern ihr Denken und Handeln. Weitere Therapieschritte sind:

  • Änderung der Gedanken und Wahrnehmung in Bezug auf das eigene Aussehen, den eigenen Körper
  • Reduktion der übermäßigen Beschäftigung auf ein normales Maß (unter einer Stunde) sowie Reduktion des damit verbundenen Perfektionismus
  • Stärkung des allgemeinen Selbstwertgefühls

Außerdem muss daseigens antrainierte Sicherheits- und Vermeidungsverhalten reduziert werden, damit Betroffene die korrigierende Erfahrung machen, das andere nicht so schlimm über ihr Äußeres denken. Dafür gehe ich oft mit den Patient*innen in die Stadt und mache Umfragen, wie andere ihr Aussehen empfinden. Dabei müssen Betroffene auch lernen, mit Negativaussagen umzugehen und sich diesbezüglich zu Wehr zu setzen.

Wichtiger Hinweis für Betroffene:
Leidest du unter Depressionen, hast du Selbstmordgedanken oder kennst du jemanden, der solche schon einmal geäußert hat? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar.
Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Verwendete Quellen: eigenes Experteninterview

Brigitteonline

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