Soll ich meine Gebärmutter entfernen lassen?

Die Gebärmutter ist für viele Frauen mehr als nur ein Organ. Nicht nur deshalb ist das Entfernen umstritten. Doch was, wenn sie ständig Probleme macht? BRIGITTE-Autorin Katharina Schicht über eine schwierige Entscheidung.

Auch das ein Abschied: das letzte Mal im Leben ein Schwangerschaftstest. "Ein Baby - das wär's jetzt noch", lachte die Krankenschwester, die mir das Stäbchen gab, um es in den Urin zu tunken. Negativ, Gott sei Dank. Dann zog ich mein Krankenhaus-Flügelhemd und die Stützstrümpfe an, ließ mir eine Tablette gegen die Angst geben, legte mich ins Bett und wurde von der Schwester in den Operationssaal gerollt, um mir die Gebärmutter herausnehmen zu lassen.

Nie wieder schwanger. Nie wieder meine Periode haben. Nie wieder verhüten. Bin ich dann noch eine richtige Frau? Acht Jahre lang hatte ich um das kleine Organ in meiner Körpermitte gekämpft. Mit Ende 30 hatte die Gynäkologin bei mir drei Myome diagnostiziert. Nichts Ungewöhnliches, bis zu 50 Prozent der Frauen in Deutschland haben diese gutartigen Muskelknoten, schätzt die Universitätsfrauenklinik Kiel. Kein Grund zur Aufregung. Erst mal abwarten, schauen, was passiert.

Aber meine Myome wuchsen - und sorgten dafür, dass ich unter katastrophalen Blutungen litt. Die Gynäkologin riet damals schon zur Gebärmutter-Entfernung. Ich wechselte die Ärztin. Denn ich hatte noch ein bisschen mit dem Gedanken gespielt, ein drittes Kind zu bekommen, nachdem meine beiden Söhne groß waren. Die Vorstellung, diese Option nicht mehr zu haben, schnürte mir die Kehle zu.

Doch auch meine neue Ärztin war schonungslos. Noch ein Baby? Auf gar keinen Fall. Inzwischen hatten sich zu den drei Myomen noch ein paar mehr gesellt, und Schwangerschaftshormone würden sie erst recht sprießen lassen, erklärte sie. Aber diese Gynäkologin hatte wenigstens Verständnis für mein inniges Verhältnis zu meiner Gebärmutter. Sie riet mir zu einem Eingriff, der das Organ erhalten würde: eine so genannte Endometrium-Ablation. Dabei wird die Gebärmutterschleimhaut in einem ambulanten Eingriff unter Vollnarkose mit Hochfrequenzstrom verödet. Kinder kann man danach meist keine mehr bekommen. Aber die Gebärmutter, immerhin, durfte ich behalten. Vorerst.

Nur bei wenigen Frauen regeneriert sich die Gebärmutterschleimhaut nach dem Eingriff, hatte der Chirurg gesagt. Die meisten haben danach keine Regelblutung mehr. Ich gehörte offenbar zu den Ausnahmen. Anfangs war ich fast ein bisschen stolz auf meinen unbeugsamen Körper, der sich seine Fruchtbarkeit nicht so einfach abjagen ließ. Dann kam der nächste Vorsorgetermin.

"Sieht aus wie ein Sack Kartoffeln!"

Noch mehr Myome. Inzwischen bekam ich enge Hosen nicht mehr zu. Yoga-Übungen auf dem Bauch waren mir unangenehm, weil sich die Muskelknoten in meiner Gebärmutter breitgemacht hatten und drückten.

"Sieht aus wie ein Sack Kartoffeln", sagte der Röntgenarzt, zu dem meine Gynäkologin mich für ein MRT geschickt hatte. Ich war empört. So spricht man doch nicht über das Organ, in dem meine beiden Kinder herangewachsen sind! "Mein Nestchen" nennt meine Freundin Andrea ihre Gebärmutter. Als wäre es ein kleines, kuscheliges Zuhause für Embryos. Ein Nestchen kann man sich doch nicht einfach so herausnehmen lassen.

Die Gebärmutter-Entfernung ist einer der am häufigsten durchgeführten Eingriffe in Deutschland - und einer der sinnlosesten. 150.000 Mal greifen Chirurgen zum Messer, um das Organ zu entfernen, erklärt der Mainzer Gynäkologe Dr. Rüdiger Söder, der die Organisation "Rettet die Gebärmutter" unterstützt. In nur 6,1 Prozent der Fälle wird das Organ aufgrund einer bösartigen Erkrankung herausgenommen, stellte das Robert-Koch-Institut in Berlin fest. "Viele Operationen", so Söder, "sind absolut überflüssig. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Myome anders zu behandeln."

Wann ist der Punkt gekommen, sich für den Eingriff zu entscheiden?

Eine davon ist die Embolisation. Dabei werden, vereinfacht gesagt, über die Bauch-Aorta winzig kleine Kügelchen in die Gebärmutter eingebracht. Diese verschließen die Blutversorgung zu den Myomen, so dass sie absterben. Ein ambulanter Eingriff, den bislang nur wenige Kliniken anbieten. Ich entschied mich dafür, ich wollte nicht das Opfer operationswütiger Metzger werden. Doch leider stellte sich heraus, dass das Verfahren mir kaum was gebracht hatte. Nach wie vor hatte ich vor jeder Periode böses Bauchziehen, gelegentlich Schmerzen beim Sex, und nachts musste ich ständig auf die Toilette.

"Du spinnst", sagte meine Freundin, "ich würde das nicht mehr mitmachen." Sie hatte gut reden - sie hatte das Problem ja nicht. Aber auch ich begann mich zu fragen: Wann ist der Punkt gekommen, sich für den Eingriff zu entscheiden? Wie lange wartet man noch ab? Und wann gibt man auf?

Ich wusste, was eine Gebärmutter-Entfernung heißt: Krankenhaus. Eine zweistündige OP. Wochenlang keinen Sport, keinen Sex, nichts Schweres heben. Als Spätfolgen vielleicht Beckenbodenschwäche und Inkontinenz. Und vor allem: kein Nestchen mehr.

Meine Seele hing an diesem Stück Weiblichkeit.

Plötzlich fühlte ich mich alt. Natürlich ist es, rational betrachtet, Quatsch, die Attraktivität und die Jugend einer Frau von einem Organ abhängig zu machen, das ungefähr so groß ist wie eine kleine Birne. Irgendwann würden eh die Wechseljahre einsetzen, die Gebärmutter ganz natürlich den Dienst quittieren.

Das dachte mein Kopf. Aber meine Seele hing an diesem Stück Weiblichkeit. Ich hatte Angst, dass der Eingriff meine Hormone durcheinanderschütteln würde. Dass ich für meinen Mann nicht mehr attraktiv sein würde. Dass jeder Blick auf den Schnitt in meiner Leibesmitte mich an die Amputation erinnern würde - und daran, keine Kinder mehr kriegen zu können. "Ärzte unterschätzen, welche psychischen Folgen eine Gebärmutter-Entfernung für viele Frauen hat", sagt Andrea Hartmann von der Organisation "Rettet die Gebärmutter".

Irgendwann machte mir Sex keinen Spaß mehr, inzwischen tat es jedes Mal weh. Ich begann, eine unglaubliche Wut auf meinen Körper zu entwickeln. Mit meiner Gynäkologin sprach ich die Optionen durch. "Es tut mir leid", sagte sie, "dass wir es nicht anders geschafft haben. Aber es ist eine kluge Entscheidung." Sie riet mir, nur den Gebärmutterkörper, nicht das vollständige Organ entfernen zu lassen, empfahl einen Eingriff mittels Schlüsselloch-Technik. Von dem erholen sich Frauen viel schneller als von einem Bauchschnitt, der häufig gemacht wird. Die wenigsten Ärzte raten bislang zu dem schonenderen Verfahren.

Also machte ich ein letztes Mal einen Schwangerschaftstest, so sehen es die Bestimmungen bei einer Gebärmutter-Operation vor. Das war hart. Alles andere dagegen nicht halb so schlimm wie befürchtet. Drei Stunden nach der OP konnte ich aufstehen. Tags darauf war ich schon in der Lage, in die Cafeteria zu schlurfen und mir einen Cappuccino aus dem Automaten zu ziehen. Am dritten Tag durfte ich nach Hause. Nach einer Woche saß ich wieder am Schreibtisch. Nach zwei Wochen fing ich langsam wieder mit Sport an. Die vier winzigen Löcher in meinem Bauch und im Nabel, durch die der Arzt die Instrumente eingeführt hatte, verheilten bestens.

Und heute? Ich bin froh, dass ich mir mit der Entscheidung so viel Zeit gelassen habe. Aber genauso froh bin ich, dass ich den Eingriff habe machen lassen. Ich kann nun drei Stunden Zug fahren, ohne einmal aufs Klo zu müssen. Ich kann wieder Yoga-Übungen machen, die es erfordern, flach auf dem Bauch zu liegen. Meine Hosen kriege ich problemlos zu, und ich sehe nicht mehr aus wie im fünften Monat schwanger. Beim Sex tut mir nichts weh. Und ich muss nie mehr einen Schwangerschaftstest machen - eigentlich auch eine Erleichterung.

Wie wird die Gebärmutter entfernt?

Im Wesentlichen gibt es drei OP-Möglichkeiten, manchmal werden die Verfahren auch kombiniert. Die Wahl der Methode richtet sich dabei auch nach der individuellen Indikation, wie etwa der Größe des Organs. Außerdem wird unterschieden, ob nur der Gebärmutterkörper oder auch der Gebärmutterhals herausoperiert wird.

Text: Katharina Schicht BRIGITTE 09/2014
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.