Wie fühlt sich eine Depression an?

Die Journalistin Heide Fuhljahn hat es erlebt. Sie weiß: Wie fühlt sich eine Depression an? Hier schreibt sie über ihr Leben.

Autorin und Journalistin Heike Fuhljahn

Meistens wachte ich früh um sechs Uhr auf - und der Tag war gelaufen. Allein das Aufstehen erschien mir unendlich schwer. Denn vor mir lag eine ermüdende Kette voller Anstrengungen. Schon der Gedanke an das, was ich alles tun musste, erschöpfte mich. Seit einem halben Jahr ging das schon so, Anfang 2006 hatte sich mein Freund Philipp von mir getrennt. Wenn ich arbeiten musste, rief meine Freundin Birgit mich meist um acht Uhr an: "Guten Morgen, Heide, komm, wir starten jetzt zusammen in den Tag." Trotz ihrer freundlichen Begrüßung wäre ich am liebsten liegen geblieben. Aber ich riss mich zusammen.

Also angelte ich auf dem Nachttisch nach meiner Brille, schlug die Decke zurück, setzte mich auf die Bettkante - und weinte. Die fünf Meter zu meinem Badezimmer kamen mir vor, als sollte ich einen Berg hochklettern. Mit der Zeit entwickelte ich ein Notprogramm. Duschen? Höchstens jeden dritten Tag. Gesicht waschen und eincremen? Nur morgens, einmal die Woche. Haare waschen? Mit Trockenshampoo, das musste reichen. Schminken? Wenn ich einen wichtigen Termin hatte. Diese Verlotterung störte mich sehr, doch die Mühe war viel zu groß, um es zu ändern.

Ich wusste nicht mehr, wann ich mich das letzte Mal gefreut hatte. Mich leicht fühlte und unbeschwert. Oder normal. Oder war dieser Zustand vielleicht normal? Ich hatte keinen sicheren inneren Maßstab mehr. Ich wusste lediglich, dass mir nichts mehr Spaß machte. Alles, was ich tat, wurde nur noch danach bewertet, wie sehr es mich erschöpfte. Es war, als hätte ich - nacheinander - eine Grippe, eine Erkältung, eine Magen-Darm-Infektion, schweres Fieber. Von meinen normalen Verpflichtungen erledigte ich nur noch das absolut Notwendigste. Im Schneckentempo. Manchmal stand ich minutenlang vor meinem Wäscheständer. Dort hingen Jeans. Auch wenn ich sie gern getragen hätte, ich konnte sie nicht abhängen.

Ich fühlte mich, als würde ich einen Mantel aus Blei tragen. Alles kostete so viel Kraft, und zwar immer. Wenn ich nicht arbeiten musste, lag ich im Bett oder auf dem Sofa. Gemacht habe ich so gut wie nichts, aber mich auch nicht erholt. Zusammengerollt lag ich im Jogginganzug unter einer grünen Decke, auf dem Tisch drei Tafeln Kinder-Schokolade. Oft schaute ich mir eine Staffel "Emergency Room" an. Danach war ich aber nicht aufgemuntert, sondern nur noch deprimierter. Streifte durch die Wohnung, stand planlos vor dem Bücherregal, ging dann in mein Schlafzimmer, stellte mich ans Fenster und blickte in den Hof. Auf dem Regal, dem Fensterbrett, überall lag eine dicke Staubschicht. Ich rief Birgit an und klagte ihr mein Leid: "Ich hab schon wieder so wenig Energie. Mir tut alles weh. Immer bin ich traurig." - "Es wird vorbeigehen, Heide, ganz bestimmt", sagte sie. "Aber es fühlt sich nicht so an", erwiderte ich, den Tränen nah. "Ich weiß. Aber du musst durchhalten!"

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, legte ich mich aufs Sofa. Für mehr fehlte die Kraft. Meine Langeweile, mein Elend wurde einzig durch die Mahlzeiten unterbrochen. Mit Erschrecken dachte ich, ob es sich so anfühlt, wenn man im Altersheim ist. "Reiß dich mal zusammen", das hören Depressive oft. Wenn nicht von anderen, dann von sich selbst. Wenn das nur ginge. Ich kann nicht mehr, es soll, bitte, nur noch aufhören. Egal wie. Doch vor der Psychiatrie hatte ich Angst.

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