Warum ein gesunder Darm gut fürs Immunsystem ist

Ein gesunder Darm ist nicht nur für ein gutes Bauchgefühl wichtig - er beeinflusst auch unser Immunsystem. Und das entscheidet darüber, ob wir eine Erkältung bekommen oder nicht. Acht Fakten über unsere Darmflora.

1. Darmflora - was ist das überhaupt?

Kaum ein Gebiet der Medizin entwickelt sich derzeit so rasant wie die Erforschung des unsichtbaren Mikrokosmos in unserem Darm. Er besteht aus 10 hoch 14 Bakterien und damit aus zehnmal mehr Zellen als unser gesamter Körper. Da der Begriff "Flora" eigentlich für Pflanzen reserviert ist, bezeichnet man diese nützlichen Darmbakterien seit Neuestem korrekter als "Mikrobiota". Ihre Zusammensetzung aus verschiedenen Bakterienstämmen ist individuell sehr unterschiedlich und wird unter anderem davon beeinflusst, was wir essen oder welche Medikamente wir nehmen (siehe Frage 4). Die Weichen für die Darmflora werden aber schon viel früher gestellt: Während der Geburt wird der bis dahin sterile Darm des Babys erstmals besiedelt. Eine natürliche Geburt führt beim Kind durch den Kontakt mit Scheidenbakterien deshalb zu einer anderen Mikrobiota als ein Kaiserschnitt. Seit Neuestem wird vermutet, dass das ein Grund für das höhere Risiko von Kaiserschnittkindern sein könnte, die Autoimmunerkrankung Diabetes oder Allergien zu entwickeln.

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2. Wie bestimmt die Darmflora unsere Gesundheit?

Die Darmkeime tragen zur Energieversorgung des Körpers bei. Denn sie liefern Enzyme, mit denen wir Ballaststoffe, also komplexe Kohlenhydrate, abbauen können. Die Abbauprodukte sind dabei verschiedene Zucker, aber auch andere energiereiche Verbindungen wie zum Beispiel die Buttersäure. Die Darmflora verhindert außerdem die Vermehrung krank machender Keime im Darm (z. B. Durchfallerreger). Eine ausgewogene Bakteriengemeinschaft kann zudem möglicherweise chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie die Colitis ulcerosa verhindern. Außerdem spielt die Mikrobiota eine entscheidende Rolle bei Reifung und Prägung der Immunabwehr. Denn im Darm liegt das größte Abwehrorgan des Körpers, das so genannte darmassoziierte Immunsystem, das durch die Darmbakterien ständig "trainiert" wird.

3. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bakterien und Psyche?

Dass Stress auf Magen und Darm schlagen kann, haben viele schon leidvoll erfahren. Australische Forscher konnten inzwischen nachweisen, dass sich bei Studierenden im Prüfungsstress die Anzahl "guter" Darmbakterien verringert. Und die Verbindung von Darm und Psyche funktioniert auch in die andere Richtung: In Laborversuchen wurden Mäuse ängstlicher, bei denen Antibiotika die Darmflora verändert hatten, andere dagegen mutiger, nachdem ihnen bestimmte Mikrobenarten transplantiert worden waren. Manche Experten vermuten mittlerweile, dass auch beim Menschen eine gestörte Darmflora psychische Krankheiten begünstigt. Ein Zusammenhang mit Depressionen und Autismus wird diskutiert.

4. Welchen Einfluss hat die Ernährung?

Leicht verdauliche Lebensmittel, wie etwa Zucker, gelangen meist gar nicht bis in den Dickdarm, wo die meisten Bakterien siedeln. Günstig für eine gesunde Darmflora sind dagegen Ballaststoffe, wie in Gemüse und Vollkornprodukten. Einige der Bakterien bauen diese zu Buttersäure ab, die die Entartung von Zellen hemmt und so vermutlich hilft, Darmkrebs vorzubeugen. Positiv auf die Bakteriengemeinschaft können außerdem pro- und präbiotische Lebensmittel wirken: Probiotika sind Produkte, die lebende Mikroorganismen enthalten, also z. B. Joghurts mit Laktobazillen oder Bifidobakterien. Solche Bakterien finden sich aber auch in anderen Joghurts, Kefir, Buttermilch oder Sauerkraut. Präbiotika wie Laktulose, Oligofruktose oder Inulin sind dagegen Substanzen, die im Darm die Voraussetzungen schaffen, damit sich nützliche Darmbakterien gut vermehren können. Sie stecken natürlicherweise in Gemüse (z. B. in Zwiebeln, Chicorée und in Hülsenfrüchten) oder werden Lebensmitteln wie Joghurt, Müsli oder Gebäck zugesetzt und stehen dann auf dem Etikett.

5. Was bringen probiotische Joghurts?

Obwohl die Zusammensetzung der Mikrobiota hochgradig individuell ist, gibt es doch bestimmte Bakterienstämme wie Laktobazillen und Bifidobakterien, die Studien zufolge besonders positive Auswirkungen auf die Darmfunktion und generell auf die Gesundheit haben. Besonders effektiv sind Probiotika bei Durchfall durch Antibiotika-Einnahme, aber auch beim Reizdarmsyndrom, Verstopfung oder der Colitis ulcerosa. Je nach Art der Erkrankung sind außerdem meist ganz bestimmte Bakterienstämme nützlich. Die Mikroorganismen gibt es zum Teil in Form von Arzneimitteln, aber auch in probiotischen Lebensmitteln in so hoher Konzentration und so verarbeitet, dass sie die Magensäure unbeschadet überstehen und tatsächlich in ausreichender Menge lebend im Darm ankommen. Allerdings siedeln sich die Bakterien aus Probiotika im Darm nicht auf Dauer an. Man muss also probiotische Joghurts (und auch Drinks) regelmäßig zu sich nehmen. Natürlich enthalten auch ganz normale Joghurts nützliche Bakterien, nicht immer allerdings in so hoher Konzentration. Für Gesunde sind probiotische Lebensmittel übrigens ungefährlich. Wer eine schwere akute Erkrankung hat, sollte Probiotika aber nur nach Rücksprache mit Ärztin oder Arzt verwenden.

6. Schützt eine gesunde Darmflora selbst vor Erkältungen?

Da die im Darm gebildeten und geprägten Abwehrstoffe und Immunzellen sich über das Blut- und Lymphgefäßsystem im ganzen Körper verteilen, können sie überall zuschlagen, wo Keime eindringen, also auch in der Nasenschleimhaut und in den Bronchien. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Häufigkeit, Schwere und Dauer von Atemwegserkrankungen durch den vorbeugenden Verzehr von Probiotika abnehmen. Eine große Studienübersicht zeigte, dass das Erkältungsrisiko um rund ein Drittel sinkt. Übrigens können Probiotika möglicherweise auch anderen Infekten, wie häufigen Blasenentzündungen und einer Zahnfleischentzündung, vorbeugen.

7. Halten die richtigen Bakterien schlank?

Neueste Studien zeigen, dass die Mikrobiota von Schlanken und Übergewichtigen sich deutlich unterscheidet. Bei Normalgewichtigen dominieren so genannte Bacteroidetes, bei Übergewichtigen dagegen Firmicutes (beides sind bestimmte Bakterienstämme). Verschiedene Mikroorganismen bauen Kohlenhydrate zu Endprodukten ab, die unterschiedlich energiereich sind. Da bis zu zehn Prozent unserer Kalorienzufuhr aus diesen Endprodukten stammen, spielt die Zusammensetzung der Darmflora eine Rolle für die Kalorienmenge, die wir aus dem Essen aufnehmen. Übergewichtige sind also möglicherweise wegen der Zusammensetzung ihrer Darmflora "gute Futterverwerter". Leider existieren bis jetzt keine Studien an Menschen dazu, ob bestimmte Probiotika helfen, schlank zu bleiben. Es gibt aber erste Hinweise, dass Ballaststoffe aus Getreide (beispielsweise Weizenkleie) die Darmflora so beeinflussen können, dass man nicht so schnell zunimmt.

8. Lässt sich eine gesunde Darmflora von Mensch zu Mensch übertragen?

Schon wer einmal Antibiotika nimmt, verändert seine Darmflora. Und bei manchen Menschen erholt sich die Mikrobiota nach einer längeren Antibiotikabehandlung leider nicht mehr ausreichend. Dann können sich gefährliche Krankheitskeime vermehren, gegen die immer öfter keine wirksamen Medikamente zur Verfügung stehen. Hier gibt es einen neuen Therapieansatz, die so genannte Stuhltransplantation. Keine besonders appetitliche Vorstellung, den Stuhl eines Gesunden in den Darm eines Kranken zu übertragen, aber offenbar sehr effektiv. Gut 400 Patienten wurden so weltweit bisher behandelt - etwa ein dutzend davon im Rahmen eines individuellen Heilversuchs auch in deutschen Kliniken -, die Heilungsraten liegen bei 90 Prozent. Und womöglich gelingt es bald, die Bakterien aus dem Darm von Gesunden zu züchten und nur noch diese Mikroorganismen selbst zu übertragen.

Wehr Dich! So machen Sie Ihr Immunsystem fit

Nicht nur Probiotika helfen dem Körper dabei, Erkältungen vorzubeugen und besser zu überstehen. Auch diese Mittel stärken die Abwehr und helfen gegen Schnupfen, Husten und Heiserkeit.

Mineralstoffe: Innerhalb der ersten 24 Stunden einer Erkältung verkürzt die Einnahme von Zink - als Sirup oder Lutschtablette mit einer Tagesdosis von mindestens 75 Milligramm - die Dauer der Beschwerden (Achtung: mehr als 100 Milligramm können Übelkeit oder Erbrechen auslösen). Außerdem gibt es Hinweise, dass die dauerhafte Einnahme Erkältungen vorbeugen kann.

Vitamine: Der Klassiker ist Vitamin C, das aber Erkältungen nicht verhindern, sondern nur ihre Dauer geringfügig verkürzen kann (Dosis 200 Milligramm). Ein Mangel an Vitamin D, das unser Körper bei UV-Einstrahlung selbst bildet, erhöht Studien zufolge das Risiko einer Erkältung. Das erklärt unsere Infektanfälligkeit in der dunklen Jahreszeit. Ob und in welcher Menge deshalb Vitamin-D-Präparate eingenommen werden sollten, sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen.

Pflanzliches: Mittel aus Sonnenhutkraut (Echinacea) und Kapland-Geranie (Umckaloabo) können Erkältungsbeschwerden lindern, sollten aber nicht dauerhaft genommen werden. Schleimlösend wirken Präparate oder Tees mit Efeu, Thymian, Schlüsselblume oder Eukalyptus. Als Hustenstiller haben sich Eibisch, Spitzwegerich und Isländisch Moos bewährt, und Wirkstoffe aus Salbei oder Thymian lindern Halsschmerzen.

Homöopathie: Zum Schutz vor Infekten wird in der kalten Jahreshälfte die Nosode Influenzinum C30 empfohlen (einmal pro Monat fünf Tropfen). Nach der klassischen Homöopathie erfolgt eine Konstitutionsbehandlung allerdings immer individuell. Gegen akute Atemwegserkrankungen gibt es Kombinationspräparate, wie etwa Meditonsin oder Mittel aus der anthroposophischen Medizin, die mehrere homöopathische Substanzen enthalten. Wenn ein Infekt von Fieber begleitet wird, soll Aconitum D12 helfen, schleicht sich eine Erkältung eher langsam an, dagegen Gelsemium D12 (ein- bis zweimal pro Stunde fünf Globuli).

Schüssler: Bei beginnender Erkältung werden die Salze Nr. 3 (Ferrum phosphoricum, Salz des Immunsystems) und Nr. 8 (Natrium chloratum, Salz des Flüssigkeitshaushalts) empfohlen, drei bis sechsmal am Tag je eine bis drei Tabletten.

Text: Sabine Thor-Wiedemann BRIGITTE 23/13
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