Schilddrüsenüberfunktion: "Oft geht es den Patienten diffus schlecht."

Frau Dr. med. van de Loo arbeitet als Endokrinologin und betreut viele Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion. Hier beantwortet sie die wichtigsten Fragen.

Frau Dr. van de Loo, mit welchen Beschwerden kommen Patienten zu Ihnen in die Praxis?

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Dr. med van de Loo: Die meisten Patienten mit einer Schilddrüsenüberfunktion stellen sich mit Herzrasen, Schwitzen und innerer Unruhe vor. Oft geht es den Patienten diffus schlecht und sie können sich nicht erklären, warum das so ist. Auf Nachfrage werden dann Luftnot bei geringer Belastung, Schlafstörungen, diffuser Haarausfall und Gewichtsverlust beschrieben. 

Was passiert denn bei einer Schilddrüsenüberfunktion im Körper?

Dr. med. Iris van de Loo, Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie der Endokrinologie Bremen

Schilddrüsenhormone haben die Aufgabe, zahlreiche Stoffwechselvorgänge im Körper zu optimieren. Sind zu wenig vorhanden, läuft alles langsam und schleppend. Sind zu viele vorhanden, laufen die Stoffwechselvorgänge zu schnell. Das Herz beispielsweise hat bei den meisten Menschen seine optimale Frequenz in Ruhe bei 60 – 80 Schlägen in der Minute. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion schlägt es dann 120 – 140 Mal in der Minute. Das erlaubt kaum noch eine Anpassung bei körperlicher Anstrengung und führt in eine "Erschöpfung" (Herzschwäche) oder zu Herzrhythmusstörungen. 

Durch welche Symptome macht sich die Erkrankung generell bemerkbar? 

Es treten vor allem folgende Symptome auf:

  • Nervosität, innere Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Bluthochdruck
  • Herzrasen, ggf. bis hin zu Herzrhythmusstörungen 
  • Schwitzen, ggf. Erhöhung der Körpertemperatur
  • Durchfall
  • Gewichtsverlust
  • Zittern ("Tremor")
  • Muskelschmerz- und schwäche
  • Zyklusstörungen bei der Frau
  • Haarausfall 

Bei älteren Menschen bleiben die Symptome oft unspezifisch und der Betroffene fühlt sich einfach nur schwach. Dann ist es besonders schwierig, die richtige Diagnose zu finden. 

Eine der häufigsten Ursachen für eine Schilddrüsenüberfunktion ist die sogenannte Schilddrüsenautonomie – oft ausgelöst durch einen Jodmangel. Wozu braucht die Schilddrüse überhaupt Jod? 

Jod ist der Grundstoff für die Produktion der beiden wichtigsten Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4). Es muss über die Nahrung aufgenommen werden, da der Körper es nicht selbst synthetisieren kann. Bei einem Jodmangel kann es zur Vergrößerung der Schilddrüse kommen, was als Kropf (lateinisch "Struma") bezeichnet wird. Häufig entwickeln sich dann auch Knoten in der Schilddrüse (lateinisch "Struma nodosa"). 

Bleibt der Jod-Mangelzustand langer bestehen, entkoppelt sich die Schilddrüsenhormonproduktion vom Bedarf des Körpers und es kommt zur Überproduktion der Hormone, der sogenannten Autonomie. 

Für die Diagnose werden die Werte verschiedener Schilddrüsenhormone kontrolliert. Welche Hormone sind das?

Der wichtigste Wert in der Schilddrüsenuntersuchung ist das TSH. Hierbei handelt es sich um das Hormon, mit dem die Hirnanhangsdrüse die Hormonproduktion in der Schilddrüse reguliert. Das TSH ist ein sehr sensibler Parameter und reicht für viele  Fragestellungen der Schilddrüsenuntersuchung bereits aus. Die Diagnostik kann ergänzt werden durch die schon genannten Schilddrüsenhormone T3 und T4. Da hier meist nur die Menge der Hormone bestimmt wird, die nicht an Eiweißbausteine gebundenen sind, spricht man von freiem T3 und freiem T4. Bei der Beurteilung der Hormonkonstellation sind laborinterne Referenzwerte zu beachten. 

Es gibt aber noch mehr interessante Parameter. Zum Beispiel Antikörper, die bei den häufig autoimmun bedingten Schilddrüsenentzündungen ("Autoimmunthyreoiditis") ansteigen: 

  • TPO-Antikörper ("Thyreoperoxidase-Antikörper"): Bei fünf Prozent der gesunden Bevölkerung ist dieser Wert allerdings ebenfalls positiv. Daher ist er nicht alleine für eine Schilddrüsenerkrankung beweisend.
  • MAK ("Antikörper gegen mikrosomales Schilddrüsenantigen"): Diese Antikörper richten sich gegen kleine Strukturen innerhalb der Schilddrüsenzelle.    
  • TRAK ("TSH-Rezeptor Antikörper"): Diese zeigen meist die Morbus Basedow-Erkrankung an. 
  • Tg-Antikörper ("Thyreoglobulin-Antikörper"): Sie finden in der Tumornachsorge von Patienten nach Schilddüsenkrebs Anwendung.
  • Calcitoni: Dabei handelt es sich um ein Hormon, das in den sogenannten C-Zellen der Schilddrüse produziert und ebenfalls als Tumormarker verwendet wird.

Ist man bei einer Schilddrüsenüberfunktion immer auf Medikamente angewiesen oder ist noch eine andere Behandlung möglich?

Medikamente sind oft der erste Schritt in der Therapie einer Schilddrüsenüberfunktion. Je nach Auslöser mochte man aber eine medikamentöse Langzeitbehandlung vermeiden oder sie greift nicht ausreichend gut. Dann wird die Operation der Schilddrüse (Teil- oder komplette Entfernung) erwogen. Alternativ gibt es noch die Radiojodtherapie, die eine Sanierung der Schilddrüse ohne Operation erlaubt. Welches Verfahren für welchen Befund das beste Vorgehen darstellt, sollte im Einzelfall genau abgewogen werden. 

Betroffene Patienten nehmen häufig stark ab. Müssen sie sich speziell ernähren?

Das ist eine interessante Frage. Bei den Patienten, die tatsächlich Gewicht verlieren (was keineswegs bei allen der Fall ist), sollte eine hochkalorische Kost gewählt werden, um den Gewichtsverlust einzugrenzen. Der Körper ist allerdings fein reguliert und passt das Essverhalten automatisch an den Bedarf an. In der (mäßigen) Schilddrüsenüberfunktion entwickeln viele Menschen ein verstärktes Hungergefühl und bevorzugen energiedichte Nahrung. Der Körper regelt das Problem also in der Regel selbst. Eine Ausnahme sind ältere und sehr stark erkrankte Patienten.

Und worauf sollte ich im Alltag noch achten, damit ich trotz Schilddrüsenüberfunktion gut leben kann?

Wenn Medikamente (meist "Schilddrüsenblocker") gegeben werden, sollte deren Wirkung regelmäßig durch Blutuntersuchungen überprüft werden. Die Reaktion auf diese Medikamente kann individuell extrem unterschiedlich und nicht voraussehbar sein.  Solange eine schwere Schilddrüsenüberfunktion besteht, sollten massive körperliche Belastungen und starke Hitze vermieden werden. Das heißt aber nicht, dass man nur noch auf dem Sofa liegen sollte. 

Generell sollte eine unphysiologische Jodzufuhr vermieden werden. Darunter versteht man Jodmengen, die in der freien Natur so nicht vorkommen. Das gilt besonders für jodhaltiges Kontrastmittel oder Desinfektionsmittel, aber auch für alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel, in denen Jod enthalten ist. Hier muss besonders auf das Kleingedruckte geachtet werden: Nicht immer ist der Jodgehalt eines Produktes einfach ersichtlich. Sehr selten reagieren Patienten auf Seefisch, Seealgen oder die jodhaltige Luft am Meer. Ob jodhaltiges Salz in der eigenen Küche vermieden werden soll oder nicht, ist mit dem betreuenden Arzt zu besprechen. Es gilt immer abzuwägen, wie schwer die Krankheit ist und ob andere Familienmitglieder (insbesondere Kinder) vom jodierten Salz profitieren. 

Lesetipp: Alles zur Schilddrüsenunterfunktion findest du hier.

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