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Familienkrankheit Migräne Wie du dir selbst und deiner Familie helfen kannst

Familienkrankheit Migräne: Gestresste Frau mit Kindern
© fizkes / Shutterstock
Migräne belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch oft die ganze Familie. Schmerz-Neuro-Coach Meike Statkus ist selbst Migräne-Patientin – hier erklärt sie, wie eine Migräne-Schmeichler-Liste den Umgang mit den Beschwerden erleichtern kann.

Circa 15 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer in Deutschland sind von Migräne betroffen, hinzu kommt eine enorme Dunkelziffer. Haben möchte sie allerdings garantiert keiner, denn sie ist extrem schmerzhaft. Den Betroffenen bleibt häufig nichts anderes übrig, als eine Pause einzulegen. Doch das ist leicht gesagt, denn dies kann sowohl bei dem Migräne-Geplagten als auch in seinem Umfeld für jede Menge Zündstoff sorgen.

Familienkrankheit Migräne: Meike Statkus
Schmerz-Neuro-Coach Meike Statkus
© Christine Roch

Ich arbeite als Schmerz-Neuro-Coach und coache häufig Migräne-Betroffene, denn damit kenne ich mich aus. Ich hatte früher selbst jahrelang mehrmals die Woche starke Migräne-Attacken. Heute habe ich nur noch zwei bis drei Attacken im ganzen Jahr. Meine chronische Migräne-Zeit war weder für mich noch für mein direktes Umfeld einfach. Schmerz ist sehr komplex und hat Ebenen, die weit über das Körperliche hinausgehen. So lösen starke Migräneattacken etwas im gesamten Familiensystem aus, nicht nur im Betroffenen. Der Rest der Familie hat zwar keine direkten "körperlichen" Schmerzen. "Emotionale" Schmerzen können aber durchaus auch beim "gesunden" Teil der Familie auftreten.

Die Familie leidet

Solche Verstrickungen sind nicht nur schwierig für das Familienleben, sondern können auch schmerzverstärkend beim Betroffenen wirken. Denn alles, was zusätzlich zur Migräne negative Emotionen auslöst, verursacht neuen Stress. Und Stress löst wiederum häufig Migräne-Attacken aus.

Solche schmerzverstärkenden Kreisläufe finden sich bei meinen Klienten häufig wieder. Schmerzverstärkendes "Gefühls-Ping-Pong". Ich gebe ein konkretes Beispiel, wie so etwas in einer Familie aussehen kann: Bettina ist 34 Jahre alt und glücklich verheiratet mit Manuel. Sie haben eine gemeinsame Tochter, die kleine Elena (6). Bettina leidet unter regelmäßigen, akuten Migräne-Attacken.

So weit, so schwierig, denn die genauen biologischen Mechanismen hinter dieser neurologischen Erkrankung sind bis heute nicht gänzlich aufgeklärt. Wissenschaftler auf der ganzen Welt setzen alles daran, die vielen bestehenden Rätsel zu lösen. So ist es nicht verwunderlich, dass Bettina bei einer auftretenden Attacke selbst gar nicht genau weiß, was sie dagegen tun soll. Und damit ist sie nicht alleine: Ein Großteil meiner Klienten berichtet, dass sie auch nach vielen Besuchen bei diversen Experten immer noch "ausprobieren", was gegen eine Migräneattacke helfen könnte. Dabei wird das Ganze von den Betroffenen als "Glücksspiel" beschrieben.

Die gleichen Maßnahmen wirken nicht immer

Ob und welche Maßnahme funktioniert, ist vor der Attacke unklar und lässt auch nachher keinerlei Rückschlüsse zu, ob diese Variante beim nächsten Mal ebenfalls greifen wird. Also eine ganz schön frustrierende Situation. Nun haben wir auf der anderen Seite Bettinas Ehemann Manuel und Tochter Elena. Die beiden wissen mittlerweile, dass Bettina häufiger starke Migräne hat. Sie sorgen sich um Bettina und möchten gerne etwas tun, damit es ihr besser geht. Da sie nicht wissen, was hilft, stellt sich Ratlosigkeit ein.

Sie fragen also Bettina: "Was können wir machen? Was brauchst du?" Eine simple Frage – aber wie oben beschrieben, probiert Bettina in dieser Extrem-Situation ja vielleicht selbst nur aus und weiß es nicht. Das kann dann schnell eine patzige Antwort oder ein hilfloses Achselzucken von Bettina zur Folge haben. 

Unverständnis bis hin zu Wut

Jedes Familien-Mitglied reagiert nun anders auf die Situation:  

  • Ehemann Manuel ist vielleicht genervt, weil er Bettina scheinbar nichts recht machen kann und wird sauer: "Ich meine es doch nur gut!" 
  • Tochter Elena fühlt sich dagegen vielleicht sogar Schuld an der Migräne-Attacke ihrer Mutter. "Wenn ich leiser/lieber gewesen wäre, hätte Mama jetzt keine Migräne", könnte Elena denken.
  • Bettina wird eventuell wütend auf Ehemann Manuel, dass der in dieser Situation nicht ein Funken Verständnis hat, sondern sie nun auch noch angeht! Außerdem spürt sie vielleicht die Not von ihrer Familie – die ja so gerne helfen will und nicht kann. Das könnte dann zusätzlich zur Migräne auch noch Emotionen wie Schuldgefühle in ihr auslösen: "Ich kann mich gerade um nichts kümmern und jetzt bin ich auch noch schuld, dass sich alle Sorgen um mich machen", wäre ein möglicher Gedanke.  

Das Ganze kann zur Folge haben, dass Bettinas nächste Migräne-Attacke noch viel  angespannter verläuft. Bettina möchte unbedingt vermeiden, dass sich die unangenehme Situation in der Familie erneut wiederholt. Sobald sich ihre nächste Migräne-Attacke ankündigt, reagiert sie deshalb noch viel gestresster und die Schmerzen werden schlimmer, nicht besser.

Emotionen können erdrückend sein

Wir sind emotional hochentwickelte Wesen und spüren sehr viel mehr, als uns manchmal lieb ist. Insbesondere in Familien kriegen die Mitglieder ganz genau die Emotionen des anderen mit und reagieren wiederum darauf. Das führt manchmal zum schon genannten Gefühls-Ping-Pong und begegnet mir bei vielen meiner Klienten. Das Ping-Pong lässt sich im Rahmen eines Coachings nachhaltig verändern. Aber auch ohne Coaching lässt sich etwas daran tun!

Es ergibt Sinn, sich mit der Migräne als Familie auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass es eben nicht nur den Migräniker selbst betrifft, sondern die ganze Familie. Nur dann können alle lernen, mit der Situation auf Dauer entspannt umzugehen und die Schmerzsituation nicht weiter zu verstärken.

Problem: SOS-Maßnahmen

Wie geht man da am besten vor? Wenn alle in der Familie wissen, was im Falle des Falls zu tun ist, entspannen sich solche schwierigen Situationen häufig schon sehr. Das Blöde an SOS-Maßnahmen ist leider, dass sie uns im Notfall meist nicht mehr einfallen. Das liegt daran, dass in so einer stressigen Situation unser Körper zumeist in den Kampfmodus schaltet: Wir reagieren dann vermehrt im instinktiven Bereich und haben nur noch beschränkten Zugang zu unserem bewussten Verstand.

Die Lösung: Eine Migräne-Schmeichler-Liste

Ich habe für Betroffene und ihre Familien deshalb eine Migräne-Schmeichler-Liste entworfen,  die das erledigt, was unser Beispiel "Bettina" in diesem Moment nicht leisten kann: Ihrer Familie und sich selbst ganz konkrete Hinweise zu geben, was jetzt helfen könnte!

Und so funktioniert die Liste

Der Betroffene trägt für jeden Buchstaben von A bis Z Dinge ein, die Ihm vor oder während einer Migräne-Attacke gut tun könnten. Das A bis Z-Prinzip hilft dabei, möglichst quer zu denken. Wenn du selbst betroffen bist: Konzentriere dich mit der Liste dabei nur auf positive Dinge. Das ist sinnvoll, weil wir meist sehr klar sagen können, was uns nicht hilft – aber leider selten wissen, was stattdessen hilfreich wäre.

Das ist aber wichtig, damit das Gehirn den Impuls bekommt: "Ich kann etwas tun!" Allein das hilft, in die Selbstwirksamkeit zu kommen und sich nicht mehr so hilflos zu fühlen. Wenn du die Liste mit einem Betroffenen gemeinsam ausfüllst und bemerkst, dass er nur Dinge aufzählt, die ihm auf keinen Fall helfen, leite ihn sanft auf den "positiven Weg" zurück.

"Was könnte Dir stattdessen helfen?", wäre zum Beispiel eine geeignete Frage. Und gib dem Betroffenen Zeit. Die Liste auszufüllen ist eine hilfreiche Aufgabe, aber keine leichte. Unserem Beispiel "Bettina" fallen bei der Liste anfangs vielleicht nur zwei, drei Dinge ein. Das ist ganz normal und passiert den meisten Menschen beim Ausfüllen. Das Gute: Wir haben meistens viel mehr Ideen auf Lager, als wir denken! So spontan können wir nur nicht immer darauf zugreifen.

Die Lösung dafür ist einfach: Das Gehirn braucht Zeit. Es ergibt also Sinn, die Liste einige Wochen gut sichtbar liegen zu lassen. Immer, wenn dem Migräne-Betroffenen etwas einfällt, notiert er es. Dabei gilt: Erst einmal alles aufschreiben, was einem einfällt –egal, ob die Maßnahme wirklich hilft oder nicht. Alles ist erst einmal erlaubt! Und Streichen lässt sich das Geschriebene später immer noch.

Der richtige Ort

Die ausgefüllte Liste hängst du an einem gut sichtbaren Ort auf, zum Beispiel am Kühlschrank. So stellst du sicher, dass du selbst, aber auch deine Familie immer wieder einen Blick darauf werfen kann. Wieso ist das so wichtig? Je öfter du die Liste und die helfenden Dinge siehst, umso höher ist die Chance, dass dein Gehirn sich im Notfall an irgendetwas davon erinnern wird! Auch deine Kinder und dein Partner werden auf diese Art und Weise vermutlich zumindest die Buchstaben A und B sofort im Notfall parat haben – ohne auf überhaupt auf die Liste gucken zu müssen.

Hier findest du die Schmeichler-Liste zum Herunterladen – mit einigen Beispielen!

Schmeichler-Liste Migräne PDF

Lesetipp: Mehr über Migräne generell erfährst du hier. Mehr Informationen darüber, wie man als Familie besser mit Migräne umgehen kann gibt Meike Statkus auf ihrer Website meikestatkus.de.

Von Meike Statkus, Schmerz-Neuro-Coach

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