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Fettleibigkeit Allein unter Dünnen

Fettleibigkeit: Frau am Strand
© Veronika Zelenina / Shutterstock
BRIGITTE-Autorin Heide Fuhljahn ist dick. Nicht pummelig, nicht kurvig, sondern richtig dick. Ihre Freundinnen würden ihr Gewicht nie kritisieren. Doch für sie selbst ist es ein Problem. 

Ein alter Freund von mir heiratete. Wir feierten im Juli auf einer Alm, inmitten von leuchtend grünen Wiesen und dunklen Tannen. Während der Fahrt mit der Gondel hinauf durchbrachen nur die Glocken der Kühe die Stille. Je höher wir schwebten, desto kleiner wurden die Häuser mit den hölzernen Balkonen, von denen sich Geranien und Petunien rot und pink über die Kanten ergossen. Gäste aus aller Welt waren angereist, und nachmittags saßen wir bei köstlichem Erdbeerkuchen auf der Dachterrasse, blinzelten in die Sonne und konnten uns kaum sattsehen an dem 360-Grad-"Bergdoktor"-Panorama. Die Kinder, niedlich in ihren Trachten, sausten unten über die Blumenwiese. Diese Hochzeit war herzzerreißend schön, makellos, perfekt. Nur ich war es nicht.

Body Positivity – Seinen Körper akzeptieren 

Denn wie immer in den vergangenen zehn Jahren war ich auch hier als Einzige dick. Und wie jedes Mal fühlte es sich furchtbar an. Nein, ich bin nicht pummelig, kräftig, moppelig oder üppig. Weder kurvig noch curvy – sondern dick.

Mehr noch: fettleibig. Diese Worte zu schreiben tut mir weh, denn anders als der Komiker Faisal Kawusi schaffe ich es nicht, mich selbst mit einem Lächeln als fett zu bezeichnen. Ich trage 50 Kilo Übergewicht mit mir herum – und nein, ich messe mich dabei nicht an der Kleidergröße 38/40, denn dann müsste ich sogar 60 Kilo abnehmen. Ich habe Adipositas, einen BMI über 40. Und da eine solche Fettleibigkeit eine Krankheit ist, habe ich kein überzogenes Schönheitsideal, sondern ein gesundheitliches Problem. Als klar feministischer Mensch und Autorin von Frauenzeitschriften weiß ich, dass auch bei starkem Übergewicht nicht Scham oder Selbsthass angebracht sind, sondern Body Positivity. Zu seinem Körper zu stehen und ihn nicht zu verstecken. Aber dass die hübsche Aktivistin Melodie Michelberger eine Vorreiterin für Dicke sein soll, finde ich absurd: Sie trägt Kleidergröße 44 – deutscher Durchschnitt. Eine Größe, von der ich träume.

Es ist für mich schmerzhaft, nahezu überall, wo ich hingehe, die einzig wirklich Fette zu sein. Und ich bilde mir das nicht ein. Wenn eine Freundin zu einem Geburtstagssommerfest einlädt, sind dort ein, zwei Gäste mit ein paar Pfunden zu viel. Meine Kolleginnen sind alle schmal bis normal; in der großen Kantine treffe ich höchstens zwei, drei Dicke. Mit 20, mal 30 Kilo zu viel. Nicht 50. In meinem Verein sind nur drei Männer dick. Und ich. Meine gertenschlanken Sportfreundinnen sind allesamt gut in Form, auch die über 50-Jährigen. In meiner Fantasie fragen neue Mitglieder die älteren: "Wer ist denn Heide?", und mir graut davor, dass die selbstverständliche Antwort ist: Das ist die Dicke. Nicht: die Journalistin. Die nie vor zehn Uhr aufsteht. Die ständig Fragen stellt. Die gern nach Stockholm reist. Die die Vorwärtsrolle nicht kann. Neulich meinte eine Frau bei meinem Kampfsport – ich mache Krav Maga – zu mir: Bist du nicht die mit den rosa Handschuhen? Ich hätte sie fast umarmt.

Kein Sättigungsgefühl

Es gibt weitere Kriterien, die mich anders sein lassen als mein Umfeld. In meiner Altersgruppe bin ich zum Beispiel fast die Einzige, die keine Kinder hat und nie welche wollte. Ich bin sportlich begeistert, aber nicht übermäßig begabt. Macht alles nix. Der Unterschied ist, dass das Dicksein ein unfreiwilliges Outing ist. Kein Lifestyle, keine freie Entscheidung: Ich bin seelisch krank, leide auch an einer Binge-Eating-Störung, das heißt, mich überfallen unkontrollierbare Heißhungerattacken. Offen diskriminiert werde ich selten, aber ich spüre, dass bei Fremden sofort Irritation im Raum steht: Was ist schief gelaufen bei ihr?

Ich erinnere mich genau an den Moment, als ein Freund zu mir sagte: "Du willst ja bestimmt abnehmen, oder?" Es war klar, dass ihn mein Übergewicht peinlich berührte, obwohl er wusste, woher es kommt, da wir über 20 Jahre befreundet waren. Im Nachhinein hätte ich ihm gern meinen Schmerz über seine Oberflächlichkeit hingeknallt. Stattdessen rechtfertigte ich mich: "Natürlich, das würde ich gern! Aber es ist schwierig. Die Essattacken machen mir einen Strich durch die Rechnung, und die Medikamente verändern den Stoffwechsel, man hat immer Appetit und kein Sättigungsgefühl." Er behandelte es wie eine Ausrede, ich fühlte mich gedemütigt. Er fragte nicht nach den Tabletten, sondern dozierte ungerührt, dass seine Frau mit Weight Watchers erfolgreich war. Jahre später stieg ich aus dieser Freundschaft aus – und habe es nie bereut.

Als ich früher oft stationär im Krankenhaus behandelt werden musste, waren auch die meisten meiner Mitpatienten dort sehr dick. Und ich war auf einmal – normal. Das war eine beeindruckende Erfahrung. Ich will mich nicht für mein Übergewicht schämen, genauso wenig, wie sich eine Frau nach einer Chemotherapie für ihre Glatze schämen sollte. Hier war das klar, ich war eine unter vielen. Nicht anders.

Mein massiger Körper raubt mir Gesundheit und kostbare Freiheit 

Doch das ist nicht mein Alltag. Und so schäme ich mich wider besseren Wissens, wenn ich nach zwei Stockwerken schnaufe. Oder wenn ich Ilka Bessin, die ehemalige "Cindy aus Marzahn", im Fernsehen sehe und denke: Wirke ich, bei aller Sympathie, auch so plump und schwerfällig? Ich habe mich anders in Erinnerung. Ich frage mich: Gibt es Menschen, die mich nicht anfassen mögen? Aus der Psychotherapie weiß ich, dass Übergewicht bei Frauen oft ein Schutzpanzer ist, zum Beispiel gegen erlittene (sexuelle) Übergriffe. Und als Traumapatientin erlebe ich leider oft eine innere Hypersensibilität: Flashbacks reißen meine Seele mit, als wäre sie eine Muschel im Atlantik. Ich hoffe, dass es mir mehr gelingen wird, einen inneren Schutzpanzer zu entwickeln statt eines äußeren.

Mein massiger Körper raubt mir Gesundheit und kostbare Freiheit. 50 Kilo, so viel wiegt ein Neufundländer. Den muss ich Tag und Nacht mit mir herumtragen. Mein schwarzer Hund: Es ist keine Ausrede. Daher tröstet es mich, dass die Freunde, die geblieben sind, das auch anerkennen. Wenn sie mir liebevoll versichern, dass ich auch als dicke Frau hübsch bin, rührt mich das, obwohl Männer mich selten attraktiv finden. Doch auch, wenn meine Freundinnen es ehrlich meinen, weiß ich, dass sie meine Not kaum nachvollziehen können. Denn das vollkommen unterschätzte Privileg der Schlanken besteht darin, zu glauben, dass Gewicht jetzt nun auch keine so große Rolle spiele, obwohl sie sich selbst über schwankende drei Kilo ärgern. Wer noch nie 50 Kilo Übergewicht hatte, kennt die Nebenwirkungen nicht. Manchmal würde ich ihnen gern zehn Bleischürzen umhängen oder Gewichtsmanschetten, die Sportler tragen, und dann zum Training schicken.

Gott sei Dank erlebe ich dennoch beim Sport ein positives Körpergefühl, unabhängig vom BMI. Ju-Jutsu und Krav Maga sind für mich ein Hochgenuss, den ich freiwillig nie aufgeben würde. Es macht mich zwar traurig, dass ich schnell aus der Puste bin, aber es überwiegt die Freude an den Techniken, die ich ausreichend gut kann. Dabei vergesse ich mein Gewicht und genieße diese warme, bewegliche Muskulatur. Es hilft sicher, dass keine Spiegel im Raum sind, und auch, dass der Trainer mich manchmal lobt.

Und so bin ich mittlerweile ein bisschen stolz, wenn ich trainiere: Ich bin die Dicke vorne rechts, die bei "Think" von Aretha Franklin mitsingt, knackige Low-Kicks tritt und dabei strahlt.

Heide Fuhljahns aktuelles Buch handelt von seelischen Erkrankungen: "Von Wahn und Sinn. Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens" (216 S., 19,99 Euro, Springer).

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BRIGITTE 19/2020

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