Besser lernen - so funktioniert's

Warum lernen wir manche Dinge ganz von selbst und andere scheinbar nie? Alles über Lernprozesse - und wie wir (und unsere Kinder) besser lernen können.

Nein, unsere Tochter ist kein Schwamm. Wir sitzen vor den Hausaufgaben, das Kind soll rechnen. Ich erkläre, das Kind nickt und rechnet. Ich erkläre wieder, das Kind nickt und rechnet. Ich erkläre wieder, es nickt und rechnet. Ich schreie, das Kind schreit. Ich möchte mal wissen, von wem der idiotischen Vergleich stammt, Kinder würden Wissen aufsaugen wie ein Schwamm. Unsere Tochter offensichtlich nicht.

Unsere Tochter kam zur Welt und lernte scheinbar ganz von selbst. Das erste Lächeln, das erste "Mama" - das alles mussten wir ihr gar nicht beibringen. Die ersten freien Schritte etwa sind das Ergebnis eines Reifungsprozesses, dessen Takt von innen heraus vorgegeben wird. Selbst wenn Eltern es versuchen, lässt es sich nicht durch fleißiges Üben von außen einstudieren. Ähnliches gilt für die Sprache. Wir mussten weder Satzbau noch Grammatik erklären. Sie hörte zu und lernte sprechen. Ohne jede Anleitung.

Laufen, sprechen, zählen: Zuerst geht alles ganz leicht

Laufen, Sprechen, einfaches Zählen. Das Gehirn von Kindern ist darauf vorbereitet, dies zu lernen. Die Reize, die es dafür braucht, sucht es sich notfalls auch selbst. Leider bleibt das nicht so. Denn eine angeborene Lernfähigkeit für binomische Formeln oder die lateinische Grammatik gibt es dagegen nicht. Dafür ist dieses Wissen viel zu jung. Und ein Schwamm ist das kindliche Gehirn eben auch nicht. Lernen ist ein aktiver Prozess und kein passives Aufsaugen. Deswegen können wir das Wissen über unseren Kindern auch nicht einfach irgendwie ausgießen.

Seit 15 Jahren betrete ich zum ersten Mal wieder ein Schulgebäude. Die Einschulung unserer ältesten Tochter steht an. Und während ich den Gang mit den bunten Kinderbildern entlanggehe, ist plötzlich alles wieder da: Die Lehrer mit ihren vergilbten, an den Rändern zerfledderten Unterrichtsvorbereitungszetteln, die vor uns standen - sollten nun wir ihren Stoff pauken oder doch noch die Kinder vor zwanzig Jahren? Diese gnadenlose Langeweile - die Ewigkeit ist kürzer als eine Doppelstunde Deutsch. Und natürlich die Angst vor unserer Französischlehrerin, "Le Diable" (der Teufel) genannt. Dass Schule eigentlich anders sein sollte, habe ich mir früher oft gewünscht. Wie das sein könnte, erfahre ich an diesem Elternabend.

Denn in der Klasse, in die meine Tochter kommen wird, gibt es nicht mehr einen Unterricht für alle. Es wird nicht mehr frontal vom Pult belehrt, jeder darf anders lernen. Ihrem eigenen Tempo und ihren eigenen Fähigkeiten entsprechend. Das vermeidet beides: Frust und Langeweile. Dafür hat jedes Kind Erfolgserlebnisse, die beim Lernen so wichtig sind. Das konnte die Hirnforschung inzwischen belegen: Lernerfolge und Aha-Erlebnisse stimulieren das Belohnungs- oder Glückszentrum unseres Gehirns und zünden damit einen wahren Lernturbo.

Wer Wissen erwerben will, braucht Vorwissen

Zwar kann man auch anders lernen, durch Druck und Angst. Aber zusammen mit dem Lernstoff werden dann eben auch diese negativen Gefühle abgespeichert - und wenn wir das Gelernte erinnern, auch immer wieder mit abgerufen. Das hemmt uns dabei, das Wissen gern und kreativ einzusetzen. Und manche verdirbt es gar für alle Zeit: Sie werden auch als Erwachsene dem Lernen lieber aus dem Weg gehen. Wer dagegen darin bestätigt wird, dass Lernen vielleicht manchmal mühsam ist, sich aber trotzdem lohnt, wird neugierig bleiben und mehr lernen wollen.

Beim Lernen wird das Nervennetzwerk in unseren Köpfen verändert und erweitert, aber es wird nicht völlig neu erfunden. Lernen hat also immer eine Basis. Wer Wissen erwerben will, braucht Vorwissen. Kritiker sehen genau hier auch ein Defizit unseres gesamten Bildungssystems: Es könne gar nicht viel hängen bleiben, weil nicht an Vorwissen angeknüpft und zu schnell abstrahiert werde.

Wahrscheinlich erinnere ich genau deswegen aus meinem Physikunterricht auch am allerwenigsten (und wahrscheinlich kann meine Tochter deswegen nichts mit meinen Mathe-Erklärungen anfangen). Eine Physikstunde lief bei uns so ab: Experiment, Formel. Der Zusammenhang war dabei keinem so recht klar, weil wir kein echtes Verständnis für die darin enthaltenen Größen entwickelt hatten.

Wer dagegen den Lernstoff selbstbestimmt erarbeiten kann, wird dabei zwangsläufig Schritt für Schritt vorgehen. Und so das Gelernte auf jeder Stufe fest verankern. Und dem fällt später auf die Frage "Mama, warum geht ein Schiff nicht unter?" sicherlich mehr ein als "Ja, also Auftrieb, äh... - frag doch mal Papa." Meine Tochter wird es also lernmäßig besser haben. Ob sie dann auch mehr Lust aufs Studieren hat?

Sehen, hören, reden - der Lernstil ist angeboren

Auf meine erste Prüfung an der Uni habe ich mich so vorbereitet: Ich saß mit meinen Büchern auf der Wiese, die Sonne schien. Ich bin nur darum nicht durchgefallen, weil die Mindestpunktzahl gesenkt werden musste. Sonst hätte so gut wie niemand bestanden. Ich habe selbständiges Lernen erst an der Uni gelernt, und zwar schlicht durch try and error. Ich habe mich mit anderen in nervigen Lerngruppen getroffen, um festzustellen, dass ich besser allein lerne. Und zwar ganz altmodisch mit farbigen Markern, bunten Karteikarten, Diagrammen, Skizzen - mit allem, was den Lernstoff strukturiert und irgendwie sichtbar macht.

Bei meiner Mitbewohnerin war das anders. Wenn sie lernte, hörte man aus ihrem Zimmer ein ständiges Brabbeln. Auf ihrem Flokati zeichneten sich bald Laufspuren ab, weil sie darauf Stunde um Stunde ihre Runden drehte und sich den Lernstoff laut vorsagte. Ab und zu trafen wir uns in der Küche - sie trank Tee, ich Kaffee - und wunderten uns übereinander.

Individuellen Lernstil nennt man so was. Nach Meinung mancher Experten ist der jedem von uns angeboren. Oft werden dabei vier Typen unterschieden (es gibt aber auch andere Einteilungen): der Kommunikative, der am besten durch Gespräche mit anderen lernt, der Motorische oder Haptisch-Motorische, der Aktion und Bewegung, also "learning by doing", braucht, der Visuelle, das wäre also ich, und der Auditive, meine Mitbewohnerin. Dass ich lieber sehe als höre, ist sicher meine generelle Präferenz - immerhin mag ich auch keine Hörbücher.

Wie ich lerne, richtet sich außerdem danach, was ich lerne. Vokabeln lerne auch ich am besten, wenn mich jemand abhört und ich sie in Gesprächen mit anderen anwende. Den Lebenszyklus des kleinen Leberegels verinnerliche ich besser über Bilder.

Statt sich in starre Typenschubladen einzuordnen, die uns die Art zu lernen vorschreiben, hat man besser ein Repertoire verschiedener Lernstrategien parat. Die helfen auch, den Lernstoff vielfältig einzuüben und zu wiederholen. Dadurch verankert er sich an verschiedenen Orten in meinem Kopf und kann leichter behalten und wiedergegeben werden.

Und auch mein ganz individuelles Lernziel bestimmt die besten Lernwege. Was will ich eigentlich hinterher können? Will ich eine Sprache lernen, um im Urlaub nach dem Weg fragen oder Essen bestellen zu können, reichen mir Rollenspiele oder eine Kassette mit Dialogen. Will ich mich mit den Leuten dort richtig unterhalten oder auch mal Zeitung lesen, brauche ich dagegen Vokabellisten und Grammatikübungen.

Warum Kinder unbefangener lernen

Das Lernen selbst ist beim Lernen also eigentlich erst der zweite Schritt. Wichtig ist das Ziel. Und das muss realistisch sein, sonst bin ich zu schnell frustriert. Am besten stecke ich dabei auch gleich ein paar Zwischenetappen ab, indem ich den Lernstoff portioniere. Und schon das Erreichen der Zwischenziele, und nicht erst des Endziels, ist dann eine Belohnung wert.

Meine finale Prüfung war vor vier Jahren, aber natürlich habe ich seitdem nicht aufgehört zu lernen. Ich habe zum Beispiel einen neuen Job angefangen und gelernt, mich darin zurechtzufinden, ich habe zwei neue Handys bedienen gelernt, ich habe gelernt, meine Steuererklärung selbst zu machen, ich habe gelernt, mit den Kindern geduldiger zu sein. Also, vor allem Letzteres natürlich nicht perfekt, nennen wir es mal "alltagstauglich". Aus Routine lernt man wenig, aber bei jeder neuen Anforderung haben wir die Chance zu lernen. Das funktioniert in jedem Alter.

Vielleicht sind wir dabei nicht mehr ganz so flink. Denn vieles haben wir inzwischen schon bis zur Automatisierung gelernt. Das macht uns effektiv. Immer wenn sich Situationen ändern, müssen wir jedoch mühsam und ganz bewusst umlernen. Kinder dagegen können oft ganz unbefangen neu lernen. Und haben das neue Handy darum schneller begriffen als wir.

Dafür habe ich als Erwachsener beim Lernen den Vorteil einer breiteren Wissensbasis. Neue Informationen kann ich deswegen schnell strukturieren, mit Bekanntem verknüpfen und so auch besser behalten. Je mehr und je Vielfältigeres man gelernt hat, desto leichter fällt damit auch alles zukünftige Lernen. Unsere Lernfähigkeit steigern wir also einfach, indem wir lernen - von Anfang an. Eigentlich ganz einfach, oder? Warum ich trotzdem noch nicht angefangen habe, Spanisch zu lernen? Das wollte ich doch eigentlich schon immer. Ja, wenn ich nur die Zeit hätte!

Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich, glaub ich, einfach zu faul. Denn eins habe ich ganz sicher gelernt: Auch mit den besten Lerntechniken bleibt Lernen immer anstrengend. Ich bin halt leider auch kein Schwamm.

Text: Dr. Antje Kunstmann Ein Artikel aus der BRIGITTE 10/09

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