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Gender Health Gap Männer bevorzugt

Gender Health Gap: Ärztin und Patientin
© ldutko / Shutterstock
In der Medizin spielen Männer die Hauptrolle – zum Beispiel, wenn es darum geht, neue Arzneimittel zu testen. Hier fährst du, warum dieser Gender Health Gap für Frauen gefährlich werden kann.

Es ist eine Zahl, die für Frauen gefährlich sein könnte: Etwa die Hälfte aller Arzneimittel, die in den Jahren 2018 und 2019 zugelassen worden sind, wurden vorrangig an männlichen Versuchsgruppen getestet, wie fluter.de berichtet. Sogar bei Tierversuchen lässt sich das beobachten: Der Großteil der Labormäuse, die bei Studien eingesetzt werden, sind männlich. Und zwar sogar dann, wenn es um Krankheiten geht, an denen vor allem Frauen leiden.

Männerdomäne Medizin

Dabei wäre es wesentlich sinnvoller, mehr weibliche Mäuse bei den Tests einzusetzen. Die Tiere haben einen Hormonzyklus, der dem von Frauen gleicht und könnten dementsprechend wichtige Hinweise für die Verträglichkeit verschiedener Medikamente geben. Aber: Gerade diese hormonellen Unterschiede sind die Begründung dafür, dass eher männliche Labormäuse eingesetzt werden. Angeblich seien die Testergebnisse dadurch zuverlässiger – obwohl Studien mittlerweile belegen, dass das schlicht falsch ist.

Zwischen Männern und Frauen gibt es viele Unterschiede, die dafür sorgen, dass sich Krankheiten auch anders auswirken können. Verschiedene Hormonhaushalte, Unterschiede in der Muskel-, Fett- und Knochenmasse, im Stoffwechsel sowie in der Arbeit des Herz-Kreislauf-Systems müssten bei der Entwicklung neuer Arzneimittel eigentlich bedacht werden, wie Gendermediziner*innen argumentieren. Grundsätzlich sieht auch der Gesetzgeber das vor: Seit 2004 ist festgeschrieben, dass für die Zulassung eines Wirkstoffes zuvor in klinischen Studien geschlechtsspezifische Unterschiede untersucht worden sein müssen. Allerdings reicht hier laut Gesetzgeber ein statistisch relevanter Frauenanteil. Deshalb hält beispielsweise der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen Deutschland die Forderung für eine 50:50-Geschlechterquote für überflüssig.

Medizinische Nachteile für Frauen

Dass das für Frauen Nachteile haben kann, zeigen einige Beispiele:

Herzinfarkt

Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen häufig anders als bei Männern – deswegen wird er auch als Eva-Infarkt bezeichnet. Männer leiden vor allem an Schmerzen im Brustbereich, Atembeschwerden, Übelkeit oder Bauchschmerzen. Aber selbst, wenn Frauen auch an diesen Symptomen leiden, werden sie seltener auf einen Herzinfarkt zurückgeführt, sondern eher auf hormonelle Ursachen wie Wechseljahre oder psychische Probleme. Diese Fehlannahme kann im schlimmsten Fall tödlich sein: Bei einer 65-jährigen Frau vergehen durchschnittlich 4,5 Stunden, bis sie mit einem anerkannten Herzinfarkt in die Notaufnahme kommt. Und: Ob die Patientin überlebt, hängt sogar mit davon ab, von wem sie behandelt wird. Eine US-Studie belegt, dass Frauen wesentlich häufiger einen Herzinfarkt überleben, wenn sie von einer Ärztin behandelt werden.

Selbst bei der Nachsorge eines Herzinfarktes sind Frauen im Nachteil. Damit es nicht zu einem neuen Infarkt kommt, wird häufig die sogenannte ABC-Therapie (Aspirin, Betablocker, Cholesterinsenker) angewandt. Aber auch diese wirken bei Frauen weniger effektiv als bei Männern. Während Aspirin beispielsweise gesunde Männer vor einem Herzinfarkt schützen kann, wirken sie bei Frauen kaum. Betablocker verursachen bei Frauen wesentlich stärkere Nebenwirkungen als bei Männern und Cholesterinsenker werden fast ausschließlich an Männern getestet, obwohl Frauen im höheren Alter sie meist nötiger haben als Männer. Wie effektiv die ABC-Therapie gerade bei Frauen tatsächlich ist, ist nicht ausreichend belegt – was viele Ärzt*innen aber nicht davon abhält, sie zu verschreiben.

Tumore

Viele Tumore werden erst spät erkannt – dazu zählen auch Gehirntumore. Bei Frauen dauert die Diagnose aber meist noch länger als bei Männern, wie beispielsweise eine Studie der Brain Tumor Charity aus Großbritannien bereits im Jahr 2016 belegte. Dabei wurden 927 Tumorpatient*innen befragt, wie viel Zeit zwischen ihrem ersten Termin beim Arzt und der Diagnose verstrichen war und wie häufig sie generell den Arzt aufgesucht hatten. Das Ergebnis: Frauen warteten bei sechs von elf Krebsarten länger auf ihre Diagnose als Männer und mussten dafür auch häufiger den Arzt aufsuchen. Dabei hatten sie nicht länger damit gewartet, einen Termin auszumachen, als die männlichen Patienten. Die Ursache liegt offenbar eher an den unbewussten Vorurteilen des medizinischen Personals. Demnach bekamen Frauen anfangs häufiger zu hören, dass sich ihre Symptome eher auf Stress oder eine mögliche Depression zurückführen lassen könnten.

Schlafmittel

Letzteres wirkt sich offenbar auch auf die hohe Medikamentenabhängigkeit bei Frauen aus: Gut 70 Prozent von fast zwei Millionen medikamentenabhängigen Menschen in Deutschland sind weiblich. Ärzt*innen verschreiben Frauen demnach zwei- bis dreimal so häufig Beruhigungs- sowie Schlafmittel oder auch Antidepressiva wie Männern. Doch die Mittel werden nicht rechtzeitig wieder abgesetzt, was schließlich zur Abhängigkeit führt. Zu diesen Verschreibungen kommt es häufig nach Schicksalsschlägen wie beispielsweise einem Trauerfall.

Für viel Aufsehen sorgte der Fall des Schlafmittels Zolpidem in den USA: Es wurde über lange Zeit bei beiden Geschlechtern mit zehn Milligramm dosiert. Was niemand wusste: Das Medikament wirkt bei Frauen anders als bei Männern – sie bauen den Wirkstoff nämlich langsamer ab. Das sorgte dafür, dass Zolpidem bei Frauen nach der Einnahme am Abend oft am nächsten Tag noch wirkte und für verschiedene Unfälle sorgte. Wissenschaftler*innen beobachteten beispielsweise, dass Frauen unter dem Einfluss von Zolpidem häufiger Autounfälle verursachten. Aufgrund der vielen Vorfälle wurde das Medikament für eine Weile vom Markt genommen. Mittlerweile ist es wieder zugelassen – die Dosierung für Frauen wird heute allerdings nur noch mit fünf Milligramm angegeben.

ADHS

Wenn es um ADHS geht, haben viele Menschen als erstes den herumzappelnden Jungen im Unterricht im Kopf. Und tatsächlich gilt die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung als eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Aber: Die Krankheit wird allein in Deutschland etwa viermal häufiger bei Jungen als bei Mädchen diagnostiziert. Wie bbc.com berichtet, deuten neuere Studien daraufhin, dass dies an geschlechtsspezifischen Vorurteilen liegen könnte.

Tatsächlich können sich Jungen mit ADHS oft häufiger schlecht konzentrieren und zappeln gerne herum, bei Mädchen äußert sich die Krankheit allerdings anders. Die betroffenen Kinder sind eher unruhig, emotional instabil und neigen zu Vergesslichkeit. Deshalb wird bei ihnen ADHS wesentlich seltener erkannt als bei Jungen. Und das kann erhebliche Auswirkungen auf ihr Leben haben: Bleibt ADHS unbehandelt, können langfristig beispielsweise Probleme in der Familie oder in der Schule auftreten. Welche Auswirkungen ADHS bei Frauen genau haben kann, muss allerdings noch durch Studien belegt werden.

Wie könnte man die medizinische Versorgung von Frauen verbessern?

Gendermediziner*innen fordern eine stärkere Anpassung der heutigen medizinischen Forschung an die geschlechtsspezifischen Unterschiede. Zu den Forderungen der Experten zählen vor allem folgende Punkte:

  • Geschlechtstransparenz: Bisher müssen in Studien die Geschlechter der Teilnehmer*innen nicht zwangsweise angegeben werden. Das sollte zur Pflicht werden.
  • Mehr Studienprobandinnen: Der Anteil an Frauen in Studien sollte erhöht werden, da die Ergebnisse von männlichen Probanden nicht immer vollständig auf Frauen übertragbar sind.
  • Dosierungsanpassung: Aufgrund unterschiedlicher Enzyme bauen Frauen und Männer Wirkstoffe aus Medikamenten unterschiedlich schnell ab. Auf Beipackzetteln findet man dazu bisher aber selten Angaben – das sollte geändert werden.
  • Verpflichtende Geschlechtsmedizin: In den meisten deutschen Universitäten wird das Thema Geschlechtermedizin bisher nur punktuell oder gar nicht behandelt. Lediglich an der Berliner Charité gibt es ein Institut für Geschlechterforschung. Hier gibt es also Nachholbedarf.
  • Frauen im Fokus: Frauen haben spezifische körpereigene Stoffe, die sie gegen bestimmte Krankheiten entwickeln. Diese Stoffe könnten auch Männern bei der Behandlung nutzen, werden bisher in der Forschung aber nicht genug berücksichtigt.

Quellen: fluter.de, bbc.com


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