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Halluzinogene Drogen Gar nicht so schlimm?

Halluzinogene Drogen: Pilze
© anitram / Shutterstock
Bei LSD und Magic Mushrooms denken viele an Horrortrips. Die Wissenschaft sieht in ihnen dagegen große Chancen: Neuropsychologin Dr. Katrin Preller über ihre Forschung mit halluzinogenen Drogen als Therapie bei Depressionen.
von Christine Hohwieler

BRIGITTE: Psychedelika sind Drogen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben. Was macht sie für Sie so interessant?

Dr. Katrin Preller: Zum einen sind sie für die Grundlagenforschung unheimlich spannend als eine Art Fenster in die Neurochemie des Gehirns. Und die andere Sache ist natürlich die klinische Anwendung: Wir haben hier ein potenzielles neues Medikament, mit dem wir wahrscheinlich über verschiedene Diagnosen hinweg Patienten helfen können.

Um welche Erkrankungen geht es da?

Bei uns wird im Moment eine klinische Studie zur Therapie von Depressionen durchgeführt und eine zu Alkoholabhängigkeit.

Vor 50, 60 Jahren gab es intensive Forschung mit Psychedelika, in Deutschland war LSD bis 1971 als Medikament im Handel. Warum dauerte es so lange, bis die Wissenschaft sich wieder dafür interessiert?

Wenn Substanzen verboten werden, wie das bei LSD und Psilocybin der Fall war, ist die Forschung dazu zwar noch erlaubt, aber die Auflagen werden strenger. Und wenn ein Staat eine Substanz so restriktiv behandelt, dann ist er auch nicht unbedingt bereit, Geld auszugeben, um die Forschung zu unterstützen. Ein Großteil der Studien weltweit wird bis heute über private Spenden finanziert. Und die muss man erst mal zusammenbekommen.

Horrortrips, Suchtgefahr: Sind das tatsächlich Risiken, die mit Psychedelika einhergehen?

Was man klar sagen kann, ist, dass die Leute nicht abhängig werden. Das haben auch Langzeituntersuchungen gezeigt. Im Gegenteil geht der Konsum beispielsweise von Alkohol nach der Einnahme von LSD eher zurück. Aber es gibt Risiken. Zum einen erhöhen sie den Blutdruck akut. Deshalb schließen wir Leute mit Herz-Kreislauf-Problemen bei unseren Studien aus. Und Menschen, die eine Veranlagung haben für psychotische Störungen – alles, was in eine Schizophrenie-Richtung geht. So etwas kann durch eine psychedelische Erfahrung weiter in diese Richtung gedrückt werden. Aber wir haben mittlerweile an die 1000 Leute untersucht und nie gesehen, dass jemand langfristige negative Folgen davon hatte.

Was erwartet einen, wenn man als Probandin oder Proband für eine Ihrer Studien ausgewählt wurde?

Set und Setting spielen eine wichtige Rolle. Bei Set reden wir darüber, was jemand in den Versuch mitbringt, in welcher Verfassung er zu uns kommt. Ist er sehr gestresst, ist das keine gute Voraussetzung dafür, sich auf die Erfahrung einzulassen. Das sind dann eher Risikofaktoren.

Für einen Horrortrip?

Nein. Was wir eher sehen, sind Leute, die unter der Substanz Angst entwickeln. Und das wird dann sehr schnell unangenehm. Wenn die Leute sich bereit fühlen für die Erfahrung, entspannt zu uns kommen, mindert das das Risiko für eine negative Erfahrung.

Und was ist das Setting?

Der Rahmen. Und da unterscheidet sich unser Setting natürlich stark von, ich sag jetzt mal: LSD auf einem Festival zu nehmen. Wir versuchen, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Und die Leute, die den Trip betreuen, sind psychologisch und medizinisch geschult.

Tatsächlich berichten Menschen nach einem Trip oft von sehr positiven Gefühlen: Verbundenheit, Freude, Liebe. Wie kommt das?

Was wir im Moment sehen, ist, dass die Areale im Gehirn, die dafür zuständig sind, unsere sensorischen Eindrücke zu verarbeiten, unter Psilocybin sehr stark miteinander kommunizieren. Die visuelle Welt und die Körperwahrnehmung verändern sich. Zugleich sind jene Gehirnareale schwächer miteinander verbunden, die dafür sorgen, ein zusammenhängendes Bild zu erschaffen – so wie wir unsere Realität normalerweise wahrnehmen. Und wenn wir diese Informationen plötzlich anders zusammenbringen, erlaubt uns das, aus unseren üblichen Denkmustern auszubrechen, die Welt und sich selber neu zu erleben. Das ist für die Leute sehr eindrücklich.

Ist es das, was Psychedelika bei Depressionen so vielversprechend macht?

Ja, das ist definitiv ein Mechanismus, der hilfreich sein könnte, und den wir auch in den neuen Studien testen. Eine andere Hypothese ist, dass die Substanzen die Neuroplastizität anregen. Dadurch ist es leichter für unser Gehirn, neue Informationen aufzunehmen. Und vielleicht auch leichter, alte zu vergessen. Bei Suchterkrankungen etwa gibt es sehr häufig Trigger in der Umgebung: Wenn ich an einen Ort zurückgehe, an dem ich früher Drogen konsumiert habe, kann das ein Auslöser für einen Rückfall sein. Wenn man solche Assoziationen leichter vergessen könnte, könnte es die Therapie erleichtern.

Weltweit leiden 350 Millionen Menschen an Depressionen, nur knapp die Hälfte spricht auf Antidepressiva an. Sind Psychedelika eine Lösung?

Es ist wahrscheinlich nicht so, dass man einfach Psilocybin nimmt, und dann passiert die Magie. Sondern es geht eher um eine Psilocybin-unterstützte Therapie. Dazu gehört die sichere Umgebung. Die Begleitung und höchstwahrscheinlich auch eine Nachbereitung dieser Sitzungen. Aber wenn wir sehen, dass die Effekte tatsächlich so lang anhaltend sind, und dass es den Leuten wirklich so viel besser geht, dann wäre der Aufwand nicht größer als der einer Standardbehandlung mit Antidepressiva und begleitender Therapie.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Psilocybin in den nächsten Jahren als Medikament zugelassen wird?

Wenn unsere Studien belastbare Ergebnisse liefern, und wenn sich das auch in Phase-III-Studien bestätigt, also in großen Studien mit sehr vielen Patienten, dann stehen die Chancen schon sehr gut.

Dr. Katrin Preller forscht an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zu Psychedelika. Derzeit arbeitet sie mit an der weltweit ersten Placebokontrollierten Studie mit dem "Zauberpilz"-Wirkstoff Psilocybin als potenziellem Medikament bei Depressionen.

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