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Harm Reduction Ist weniger ungesund gleich gesund?

Harm Reduction: Hand die ein Gänseblümchen statt einer Zigarette hält
© mbruxelle / Adobe Stock
Die sogenannte Harm Reduction stammt ursprünglich aus der Drogenhilfe. Doch auch auf dem Weg zu einem gesunden Lebensstil hilft das Prinzip Schadensminderung.

Dass Rauchen ungesund ist, weiß Bettina Bergtholdt ziemlich gut. Etwas anderes würde heute wohl auch niemand mehr behaupten. Aber Bettina Bergtholdt ist noch dazu Ärztin –und trotzdem seit 40 Jahren abhängige Raucherin. "Ich habe hart gekämpft und unendlich viele Absetzversuche unternommen, aber ich bin immer wieder zurückgefallen", sagt die 55-Jährige, die in Berlin ein Zentrum für klinische Forschung leitet. Natürlich sei das frustrierend. "Nicht-Abhängige können sich das vermutlich nicht vorstellen, man kann es eigentlich nicht mal selbst erklären und denkt: Wie kann ich nur so blöd sein, dass ich es einfach nicht hinkriege."

Besseres Atmen durch den Rauchstopp

Vor ein paar Jahren dann probierte sie auf einem Kurztrip nach London, wo die Anti-Raucher-Regeln besonders streng sind, den Tabakerhitzer Iqos aus. "Ab da konnte ich keine Zigaretten mehr rauchen“, sagt sie. „Zurück in Deutschland habe ich mir zwar die nächste Packung gekauft, aber fand es nur noch widerlich. Bis heute sehe ich keinerlei Rückfallgefahr." Fünf Jahre ist ihr Umstieg jetzt her. Die negativen Begleiterscheinungen – der Gestank nach Rauch oder dass sie für jede Zigarette nach draußen muss – seien weg. Außerdem hat sie den Eindruck, seitdem besser Luft zu bekommen. Weil in den Geräten Tabak, anders als in Zigaretten, nicht verbrannt, sondern bei niedrigeren Temperaturen erwärmt wird, soll die Konzentration krebserregender Stoffe um 95 Prozent sinken. Damit bleiben sie genauso wie E-Zigaretten ungesund, aber vermutlich weniger ungesund als herkömmliche Zigaretten. "Die Angst, mir damit zu schaden, ist deutlich geringer", sagt Bettina Bergtholdt.

Harm Reduction, zu Deutsch: Schadensminderung, nennt sich dieses Prinzip. Ursprünglich ging es dabei um den Konsum harter Drogen. Als in den 1980er-Jahren die Zahl der HIV-Infektionen unter den Abhängigen stiegen und man gleichzeitig erkennen musste, dass Entzugstherapien nur wenig genutzt wurden und darüber hinaus eine hohe Rückfallquote hatten, gab es immer mehr Angebote, den Drogenkonsum sozusagen sicherer und weniger schädlich zu machen. Etwa durch saubere Nadeln und Spritzen, Kondome, Konsumräume oder Substitutionsbehandlungen mit Ersatzdrogen. Anders als bei einem "Null Toleranz"-Ansatz ist das Ziel also nicht möglichst schnelle Abstinenz, sondern erst mal die gesundheitlichen Folgen der Sucht abzumildern. Wichtig ist dabei auch, dass die Harm Reduction nicht den Einstieg in den Konsum erleichtern soll, sondern es nur um bereits Abhängige geht.

Ein ungesunder Lebensstil – schlechte Essgewohnheiten, mangelnde Bewegung – hat zwar keinen Suchtcharakter, aber schwer zu verändern ist er ebenfalls. "Das zeigen sehr eindrucksvoll diverse Studien, aber auch die Erfahrung im Alltag", so Professor Susanne Kaser von der Universitätsklinik Innsbruck. "Beim Thema Ernährung hängt das unter anderem damit zusammen, dass die Geschmacksprägung schon im Mutterleib beginnt und das Essverhalten selbst ab der frühen Kindheit geprägt wird. So wird jede kleine Änderung des Verhaltens zu einer großen Herausforderung."

Schon die kleinsten Umstellungen machen einen deutlichen Unterschied in der Gesundheit

Insofern hilft auch hier die Schadensminderung. "Der Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegung und ungesundem Essen mit dem Risiko für Herz-Kreislauf- und Fettlebererkrankungen, Typ 2-Diabetes und verschiedene Tumorerkrankungen ist linear. Das bedeutet, dass auch kleine positive Veränderungen des Lebensstils günstige Effekte auf die Gesundheit haben." Ein Beispiel dafür wäre, weniger Fleisch und Wurst zu essen. Ein anderes: seltener Fertigprodukte und Softdrinks zu konsumieren oder sie ganz wegzulassen. Im Gegenzug lässt sich dann jeweils mehr Gemüse in die Ernährung integrieren. "Massive Einschränkungen der Kalorienzufuhr oder einseitige Diäten führen dagegen in den seltensten Fällen zu dauerhafter Gewichtsabnahme", so die Internistin.

Das Gleiche gilt für die Bewegung: Innerhalb kürzester Zeit sportliche Höchstleistungen zu erbringen, sei schon aus medizinischer Sicht kritisch und führe überdies meist zu Frustration. "Kleine Veränderungen wie die Treppe statt den Fahrstuhl zu nehmen oder zu Fuß einkaufen zu gehen, lassen sich dagegen meist sehr gut in den Alltag integrieren. Es geht um tägliche und kontinuierliche körperliche Aktivität", sagt Susanne Kaser. "Wichtig ist deswegen nicht nur zu vermitteln, wie man sich gesund ernährt und dass Bewegung notwendig ist, sondern auch kleine bewältigbare Ziele im ärztlichen Gespräch zu vereinbaren." Ob es wirklich gelingt, den Lebensstil zu verändern, hängt eben auch von der Beziehung zwischen Patientin und Ärztin ab. Auch bei der ursprünglichen Harm Reduction steht der respektvolle Umgang mit Drogenabhängigen im Zentrum, es geht nicht um ihre Defizite, sondern es sollen auch ihre Stärken und Fähigkeiten anerkannt werden.

Für Lebensstilveränderungen und das Abnehmen gilt Ähnliches, so Susanne Kaser: Es sei wichtig, Menschen keine Schuldgefühle zu vermitteln. "Das Gefühl, verstanden und mit seinen Problemen ernst genommen zu werden, erhöht die persönliche Motivation und damit auch die Erfolgsaussichten. Dann hat das Prinzip der Harm Reduction das Potenzial, Schritt für Schritt kontinuierlich und nachhaltig den Lebensstil zu verbessern und Lebensqualität zu gewinnen." Nach dem Motto: Weniger ungesund ist zwar nicht das gleiche wie gesund, aber eben schon mal gesünder – und damit der erste beziehungsweise ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Und irgendwann ist so vielleicht sogar vollends das Ziel "gesunder Lebensstil" erreicht.

Mögliche Nachteile der Harm Reduction

Bettina Bergtholdt hat es dagegen ein bisschen aus den Augen verloren. Nach inzwischen fünf Jahren ohne herkömmliche Zigaretten sagt sie: "Natürlich wäre es mir noch lieber, ganz abstinent zu sein, aber zusammen mit der Angst ist auch die Motivation gesunken, komplett mit dem Rauchen aufzuhören." Manchmal frage sie sich schon, ob das ein Nachteil der Harm Reduction sei. Außerdem kämpft sie gerade damit, dass sie, eben weil sie zum Rauchen nicht mehr vor die Tür muss, mehr konsumiert als vorher. "Das ärgert mich schon." Die Medizinerin schreibt nun täglich auf, wie viel sie raucht, und versucht, abends ab und zu zu verzichten.

Ihren Brüdern, die sie ebenfalls überzeugt hat, zum Tabakerhitzer zu wechseln, ist dagegen nach dem Um- auch der Ausstieg gelungen. Sie rauchen inzwischen gar nicht mehr. Einem von ihnen hat Hypnose dabei geholfen. Auch wenn sie skeptisch ist, will Bettina Bergtholdt bald zum gleichen Hypnotiseur gehen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei mir wirkt. Aber einen Versuch ist es wert."

Brigitte

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