Hautprobleme durch Stress – so kommt es zu Juckreiz, Bläschen und Co

Stress schlägt uns nicht nur auf den Magen, sondern auch auf die Haut. Warum die mit Juckreiz, Bläschen oder Quaddeln reagiert – und was wir tun können.

Bloss nicht kratzen!

Die Haut hat ihre ganz eigene Sprache, unsere Gefühle auszudrücken: Aus Angst bekommen wir Gänsehaut, wir erröten vor Scham, erblassen, wenn wir uns erschrecken. "Haut und Nervensystem haben eine enge Verbindung, denn sie entstehen bei der Bildung des Embryos aus der gleichen Zellart, dem Ektoderm", sagt Kurt Seikowski, Psychologe an der Klinik für Dermatologie des Uni-Klinikums Leipzig und Mitglied des Arbeitskreises Psycho-somatische Dermatologie. "Bei Stress schüttet der Körper bestimmte Hormone aus, das Immunsystem wird schwächer, und es kommt zu einer Entzündung."

Erschreckendes Ergebnis: Jedes zweite Putzmittel ist gesundheitsschädigend

Teilweise werden die verantwortlichen Botenstoffe bis in die Haut transportiert, sodass die Entzündung auch äußerlich sichtbar wird. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin tritt jede dritte Hautkrankheit gemeinsam mit psychischen Leiden auf. Aber Stress kann nicht nur eine Reihe von Beschwerden auslösen oder verschlimmern; oft ist es auch andersherum: Die Hauterkrankung ist so massiv, dass sie uns seelisch belastet und stresst. Je nach Beschwerden können unterschiedliche Möglichkeiten dabei helfen, den Kreislauf zu durchbrechen.

Rötliche, brennende Flecken

Der Computer stürzt ab, die Arbeit der letzten zwei Stunden ist verloren, und plötzlich breiten sich rote Hektikflecken im Gesicht oder am Hals aus. Manchmal jucken sie so schrecklich, dass wir unaufhörlich kratzen müssen. Denn das bringt Entspannung – und nach der sehnen wir uns gerade in stressigen Situationen. Trotzdem rät Kurt Seikowski: "Bloß nicht kratzen, denn durch die damit verbundene Stimulation der Haut werden Botenstoffe freigesetzt, die den Juckreiz noch fördern." Sein Tipp: "Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie Sie am Meer liegen und eine frische Brise über Ihre Haut weht. Das löst ein angenehmes Kältegefühl aus und mindert den Juckreiz."

Neben Allergien ist nicht selten psychischer Stress ein Auslöser

Schwellungen und Bläschen

Ekzeme sind die häufigste Hauterkrankung. Sie sind ein Sammelbegriff für Hautentzündungen, die nicht ansteckend sind. Im Prinzip können sie den ganzen Körper betreffen: Manche Menschen haben Ekzeme im Gesicht, an den Fingern, an Ellenbogen oder Füßen; bei anderen sind die Schleimhäute in Mund und Rachen oder die Haut an den Genitalorganen betroffen. Besonders häufig kommt es zu Ekzemen an den Händen. Typische Beschwerden sind Rötung, Schwellung, Juckreiz und Bläschen.

"Neben Allergien ist nicht selten psychischer Stress ein Auslöser", sagt Seikowski. "Dieser kann aber auch bereits bestehende Ekzeme noch weiter verschlimmern." Cremes und Salben mit Kortison unterstützen das Abheilen. Allerdings bekämpfen sie nur die Symptome, nicht die Ursache. Der Psychodermatologe empfiehlt deshalb etwa autogenes Training zur Stressbewältigung.

Trockenheit und extremer Juckreiz

Neurodermitis ist die bekannteste Ekzemform und wird in der Fachsprache auch Atopisches Ekzem genannt. Nach Angaben des Deutschen Neurodermitis Bunds sind in Deutschland rund fünf Millionen Menschen betroffen. Vor allem im Gesicht, am Kopf und an den Händen leiden sie unter sehr trockener Haut, Rötungen, Entzündungen und extrem starkem Juckreiz. Die Krankheit tritt in Schüben auf, die – neben anderen Einflussfaktoren wie etwa allergischen Reaktionen – auch durch psychische Belastung ausgelöst werden können. Eine japanische Studie nach dem Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 ergab zum Beispiel, dass sich bei 38 Prozent Neurodermitikern in dieser Region die Ekzeme infolge der traumatischen Naturkatastrophe deutlich verschlechterten. Denn Stress fördert die entzündlichen Hautreaktionen und verstärkt den Juckreiz.

Kratzen sich die Betroffenen, verschlimmert sich die Entzündung weiter. "Eine Heilung gibt es bislang nicht, dafür aber viele Therapiemöglichkeiten", sagt Psychodermatologe Seikowski. Zu den erprobten Schulungsprogrammen gehören Entspannungsverfahren. Dabei lernen die Betroffenen beispielsweise, den seelischen Druck wahrzunehmen und den Teufelskreis aus Jucken und Kratzen zu durchbrechen. Hier helfen auch Techniken wie autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, um vorhandenen Stress abzubauen. Seikowski empfiehlt seinen Patientinnen und Patienten zudem, ein sogenanntes "Kratz-Tagebuch" zu führen und zu protokollieren: Wann treten der Juckreiz und damit das Kratzen auf und vor allem: Was war der Auslöser?

Schuppige Stellen

Mindestens zwei Millionen Deutsche leiden an Schuppenflechte, medizinisch Psoriasis genannt. Typisch ist, dass vor allem Kopfhaut, Knie und Ellenbogen von dicken weißen Schuppenplaques bedeckt sind, die phasenweise vollständig abheilen können, dann aber wieder auftreten.

Die genauen Ursachen sind unbekannt. Vermutlich spielen genetische Faktoren und Autoimmunprozesse eine Rolle. Einen Einfluss könnte aber auch die Psyche spielen: Im Vergleich zu gesunden Probanden berichteten von Schuppenechte geplagte Patienten deutlich häufiger über belastende Erlebnisse in der Kindheit, so eine Studie der Universität Rijeka. Ärger, Sorgen und Anspannung verschlimmern die Beschwerden.

Eine gesunde Lebensweise mit der richtigen Ernährung, viel Bewegung und Entspannung kann helfen, neuen Schüben vorzubeugen

Für viele beginnt damit ein Teufelskreis: Sie fühlen sich entstellt und haben Angst vor den mitleidigen oder ablehnenden Blicken ihrer Mitmenschen. Nicht selten ziehen sich Betroffene immer mehr zurück, isolieren sich und vereinsamen. Nach einer Studie der Universität Amsterdam gehören Depressionen zu den häufigsten Begleiterscheinungen.

Heilbar ist die Schuppenflechte zwar nicht, aber gut zu behandeln. Seikowskis Rat: "Eine gesunde Lebensweise mit der richtigen Ernährung, viel Bewegung und Entspannung kann helfen, neuen Schüben vorzubeugen." Vielen Betroffenen hilft auch der Austausch und die Gemeinschaft in Selbsthilfegruppen (Adressen z. B. über den Deutschen Psoriasis Bund: www.psoriasis-bund.de).

Kribbelnde Rötungen und Quaddeln

Es fühlt sich schrecklich an: Wie Hunderte Mückenstiche verteilt über den ganzen Körper, so beschreiben Patientinnen die Nesselsucht, in der Fachsprache auch Urtikaria oder Nesselfieber genannt. Bis zu jeden Vierten ereilt eine akute Nesselsucht mindestens einmal im Leben; 800 000 Deutsche leiden immer wieder unter dem stark juckenden Ausschlag mit den teilweise schmerzhaften Schwellungen. In Untersuchungen an 600 Betroffenen stellte Psychodermatologe Seikowski fest, dass dies bei 80 Prozent durch psychische Belastung ausgelöst wurde. "Meist sind Menschen über 40 betroffen, die nicht einsehen wollen, dass ihre Leistungs- und Belastungsfähigkeit abnimmt, und sich deshalb ständig überfordern", sagt der Experte. Da Medikamente nur die Symptome, nicht aber die Krankheitsursache bekämpfen, rät der Psychodermatologe: "Fragen Sie sich zunächst selbst, in welcher Situation die Krankheitszeichen auftreten. Sollte tatsächlich Stress der Auslöser sein, hilft etwa autogenes Training."

Brigitte 07/2019

Wer hier schreibt:

Sabine Hoffmann
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