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Wenn der Stress aufs Herz schlägt

Ein Herzinfarkt trifft Frauen zwar seltener, doch sie sterben häufiger an Herzerkrankungen als Männer. Sechs Fragen an den Kardiologen Dr. Florian Straube.

Bei tödlichen Krankheiten denken wohl die meisten von uns zunächst an Krebs. Dabei zählt der Herzinfarkt neben Schlaganfällen zu den häufigsten Todesursachen - auch bei Frauen. Dem aktuellen Herzbericht der Deutschen Herzstiftung zufolge werden pro Jahr etwa 145.000 Männer und 80.000 Frauen mit einem akuten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Hinzu kommen die Fälle, die es nicht mehr bis ins Krankenhaus schaffen.

Herr Straube, Frauen erleiden wesentlich seltener einen Herzinfarkt. Leben sie gesünder?

Augenscheinlich mag es sein, dass Frauen gesünder leben, denn im Schnitt werden sie deutlich älter. Dabei rauchen ähnlich viele Frauen (21 Prozent) wie Männer (26 Prozent) täglich Zigaretten - und wenn sie damit aufhören, erleiden sie häufiger einen Rückfall. Frauen treiben normalerweise weniger Sport als Männer. Auch Übergewichtigkeit betrifft mehr Frauen als Männer. Es ist aber belegt, dass Frauen besser als Männer durch eine Änderung ihres Lebensstils ihr Risiko für Herzinfarkte senken können. Vor allem haben sie durch ihre Periode einen hormonellen Schutz vor Herzinfarkten. Männer trifft es daher viel früher. Erst nach der Menopause gleicht sich das an.

Zur Person
Dr. med. Florian Straube, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, arbeitet als Oberarzt am Klinikum Bogenhausen in der Klinik für Kardiologie und Internistische Intensivmedizin in München und ist spezialisiert auf kathetergeführte Eingriffe am Herzen. In seiner Freizeit betreut er mit seinen Kollegen als Mannschaftsarzt die Deutsche Frauen-Nationalmannschaft im Eishockey.
© privat

Welche Risikofaktoren gibt es?

Wir unterscheiden zwischen denen, die man ändern kann und denen, die man nicht ändern kann. Nicht ändern können wir unsere genetische Veranlagung, unser familiäres Risiko. Doch selbst, wenn die Eltern oder Geschwister einen Herzinfarkt hatten, muss das nichts heißen. Kein einzelnes, sondern mehrere Gene sind dafür verantwortlich - und diese werden nicht dominant vererbt. Sie alle lassen sich durch Umwelteinflüsse verändern. Das bedeutet: Wenn wir Risikofaktoren früh erkennen und gegensteuern, ist schon viel erreicht.

Und welche dieser Faktoren lassen sich verändern?

Wie so oft ist unser Lebensstil entscheidend: Wer nicht raucht, gesund isst und sich ausreichend bewegt - damit ist nicht nur Sport, sondern auch körperliche Aktivität, etwa durch Gartenarbeit oder Radfahren, gemeint -, minimiert das Risiko einer Herzerkrankung schon erheblich. Denn viele Herzinfarkte gehen auf Fettleibigkeit (und damit einhergehende erhöhte Cholesterinwerte) oder Diabetes mellitus Typ II (Altersdiabetes) zurück. Was bei Frauen häufig unterschätzt wird, sind die weichen Risikofaktoren. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass psychischer Stress, Depressionen, aber auch psychosozialer Stress - etwa durch private oder berufliche Konfliktsituationen - zu einer Herzerkrankung führen können; wenn auch oft in Verbindung mit anderen, klassischen Risikofaktoren.

Unterscheiden sich auch die Symptome eines Herzinfarkts bei Männern und Frauen?

Die Beschwerden sind gleich, nur ihre Ausprägung ist anders verteilt. Das häufigste Erkennungszeichen ist ein schmerzhafter Druck hinter dem Brustbein (medizinisch: retrosternaler Druck oder Angina pectoris), der oft in den linken Arm, den Hals, Unterkiefer, Oberbauch oder zwischen die Schulterblätter ausstrahlt. Bei Frauen kommen oft unspezifischere Symptome wie Kurzatmigkeit, Schwäche, Übelkeit, Erbrechen oder Beschwerden im Oberbauch hinzu. Einen weiteren Unterschied bildet das Schmerzempfinden: Männer gehen üblicherweise schneller zum Arzt, sie haben eine Art "Unverletzlichkeitswahn" und sind sofort alarmiert, wenn sie Schmerzen haben. Frauen ertragen ihre Schmerzen oft besser. Bei Schmerzen im Bauch greifen sie eher zum Kirschkernkissen und warten ab. Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Frauen später behandelt werden. Beim Herzinfarkt geht es jedoch um jede Minute! Grundsätzlich gilt: Tritt eine der genannten Beschwerden plötzlich auf, sollte sofort der Notruf 112 gewählt werden.

Wenn Frauen Schmerzen wie bei einem Herzinfarkt verspüren, finden Ärzte manchmal keine Engstellen an den Herzkranzgefäßen. Bilden sie sich die Beschwerden nur ein?

Keinesfalls! Frauen haben häufiger als Männer verdickte Herzmuskelwände, was oft auf eine Bluthochdruckerkrankung zurückzuführen ist. Es kann sich um das sogenannte "Bluthochdruckherz" (Hypertensive Herzerkrankung) handeln. Dies bleibt lange unbemerkt, kann aber im Fall von Blutdruckentgleisungen die gleichen Symptome verursachen wie ein Herzinfarkt. Typisch sind zudem belastungsabhängige Luftnot und Wasser in den Beinen oder der Lunge. Auch Antriebslosigkeit bis hin zur Depression kommen vor. Da das Herz ständig gegen den erhöhten Blutdruck anpumpen muss, werden die Herzwände zunächst immer dicker. Das kann den Herzmuskel in der Entspannungsphase ("Diastole", das Herz füllt sich mit Blut) beeinträchtigen und zur Herzschwäche führen. Im Gegensatz zu einem Herzinfarkt sind bei einem Blutdruckherz die Herzkranzgefäße meist völlig glattwandig, ohne Kalkeinlagerungen. Eine implantierte Gefäßstütze ("Stent") bringt hier rein gar nichts. Stellt der Arzt den Blutdruck richtig ein und kontrolliert der Patient seinen Blutdruck regelmäßig selbst, können sich die Veränderungen auch wieder zurückbilden.

Insgesamt sterben Frauen trotzdem seltener an Herzerkrankungen als Männer, oder?

Leider nein. Sie erleiden zwar seltener einen Herzinfarkt, doch Frauen sterben deutlich häufiger als Männer an Herzschwäche (Insuffizienz), Herzklappenerkrankungen und Herzrhythmusstörungen. Dieses Phänomen ist schwierig zu erklären. Ein wichtiger Grund dabei ist vermutlich, dass diese Erkrankungen erst deutlich später im Leben einer Frau auftreten, sodass Frauen oftmals sehr viel älter, kränker und gebrechlicher sind als Männer mit ähnlichen Erkrankungen.


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