Hörprobleme: Wieso sind Hörgeräte ein Tabuthema?

Eine Brille trägt irgendwann fast jeder. Aber ein Hörgerät? Hörprobleme ab 40 sind weitverbreitet und dennoch ein Tabuthema. Das muss sich ändern.

Wie bitte?

Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth hat einen sehr wahren Satz gesagt: "Das Alter ist ein Massaker." Den würde ich sofort unterschreiben, und dabei bin ich erst 44. Aber auch, wenn uns heute überall signalisiert wird, dass 40 das neue 30 und 30 das neue 20 ist – dem Körper ist das herzlich egal. Vor einigen Monaten musste ich die Schriftgröße meines Smartphones anpassen, um Mails und WhatsApp-Nachrichten noch lesen zu können. Und im Restaurant passiert es mir immer häufiger, dass ich Freunde frage: Wie bitte? Wenn um mich herum viel geredet und gelärmt wird, verstehe ich meine Gesprächspartner nicht mehr so gut. Aber Hörprobleme? Eine Lesebrille haben ja viele mit Mitte 40, aber Schwierigkeiten beim Hören habe ich bislang mit meinem Opa verbunden.

Kalte Hände: Ursachen und was dagegen hilft

Zeit für einen Hörtest. Mein letzter ist gut fünf Jahre her, damals bescheinigte mir mein HNO-Arzt das Hörvermögen „eines 14-jährigen Mädchens“. Das ist offensichtlich ziemlich gut, denn man hat ihre Ohren als Richtwert ausgewählt. Aber was ist, wenn das Ergebnis diesmal schlecht ausfällt? Also sitze ich etwas angespannt mit einem dicken Kopfhörer in der Praxis von Taufik Shahab und lausche. Immer wenn ich ein Fiepen oder Brummen wahrnehme, soll ich auf einen Knopf drücken.

Das Ergebnis überrascht mich. Positiv. "Es hat sich kaum etwas verändert", erklärt mir Shahab und zeigt auf die Kurven meines Audiogramms. Immer noch liegt meine Hörschwelle bei fünf bis zehn Dezibel, ein extrem guter Wert, sagt der Arzt. Aber woher dann mein Eindruck, auf Partys oder im Café einzelne Sätze akustisch zu verpassen? Taufik Shahab lächelt. "Hören ist nicht gleich verstehen." Er stellt ein Modell eines Ohrs vor sich auf den Schreibtisch, ich betrachte die Hörschnecke im Innenohr. "Schall trifft auf verschiedene Membrane im Gehörgang, drückt sie ein, und die drücken dann wieder auf die Haarzellen, die Nervenzellen im Ohr. Von dort werden elektrische Impulse ans Gehirn weitergegeben – fertig ist das Hören."

Wir leben in einer viel zu lauten Umgebung

Dieser Vorgang funktioniert bei mir offenbar noch sehr gut. Wichtig, so Shahab, seien aber auch die Areale im Hirn, die das Gehörte verarbeiten. Und die können mit dem Älterwerden die Impulse nicht mehr so gut und schnell umwandeln. "Stellen Sie sich vor, Sie hätten früher zehn Faxgeräte im Kopf gehabt, die zehn Faxe gleichzeitig empfangen konnten. Und jetzt sind es nur noch sieben. Dann kommen auf einem Gerät eben teilweise drei Faxe gleichzeitig an." Wenn also im Restaurant die Frau am Nachbartisch von ihrer Scheidung erzählt, der Kellner eine Bestellung aufnimmt und im Hintergrund Paolo Conte singt, dann kommen zu viele Informationen in meinem Hirn an. Ergebnis: Wie bitte?

Dabei habe ich laut meinem Arzt meine Ohren offenbar sehr pfleglich behandelt. Tatsächlich habe ich mir weder früher einen Walkman in die Lauscher gesteckt, noch höre ich heute übermäßig viel und laut Musik. Und auf Partys gehe ich auch eher selten. Doch das Problem für unser Gehör ist heute ein anderes: Unsere Umgebung ist viel zu laut. Der ehemalige DJ Thomas Sünder und der Arzt Andreas Borta haben zusammen ein Buch über das Hören geschrieben („Ganz Ohr“, Goldmann). Darin verweisen sie auf eine Studie, für die weltweit 200 000 Hörtests per App durchgeführt wurden: In den 50 untersuchten Großstädten liegt das sogenannte Höralter durchschnittlich 14 Jahre zu hoch. Das bedeutet, dass ein 40-jähriger Großstädter nur so gut hört wie ein Mittfünfziger, der auf dem Land lebt. Der Grund dafür ist Lärm. "Die Lärmbelastung hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, mehr Autos, mehr Baustellen", bestätigt Taufik Shahab.

Eine gewisse Alterung ist zwar normal, schon mit 30 kann man Frequenzen über 16 000 Hertz nicht mehr wahrnehmen, ab 40 ist in der Regel bei 15000, ab 50 sogar bei 12000 Hertz Schluss. Doch hupende Autos, kreischende Maschinen und Martinshörner greifen unsere Ohren darüber hinaus täglich an. Und die erholen sich nicht wieder. "Unsere Haarzellen werden uns nur einmal im Leben geschenkt: Sind sie erst einmal zerstört, kann nichts und niemand sie reparieren", schreiben Sünder und Borta.

Konzentration ist das A und O

HNO-Arzt Shahab stellt in seiner Praxis aber noch ein anderes Phänomen fest. Die Fremdansprüche ans Hören seien gestiegen. "Ich habe hier oft Patienten sitzen, die sagen: Mein Chef meint, ich höre schlecht." Oder die Ehefrau schickt ihren vermeintlich schwerhörigen Mann. Oft würden die Testergebnisse aber kaum Verschlechterungen zeigen. Taufik Shahab erklärt diesen Unterschied mit einer Zeitgeist-typischen Mischung aus Optimierungswahn, Überkommunikation und Unachtsamkeit. "Wir sollen heutzutage mehrere akustische Informationen gleichzeitig verarbeiten können – und das in einer Arbeitsumgebung, in der zehn Leute telefonieren, fünf durchs Büro laufen und nebenbei noch drei Drucker laufen."

Und im Privaten empfiehlt der Mediziner eine ganz einfache Lösung: echtes Zuhören. Also den anderen konzentriert anschauen, wenn der was zu sagen hat. Da hat mich mein HNO-Arzt erwischt, denn ganz eventuell lausche ich im Restaurant gern mal beim Nachbartisch. Wenn ich das künftig sein lasse und mich auf die beschränke, die mir wirklich etwas zu sagen haben, heißt es wahrscheinlich häufiger: Ja, bitte.

Hallooooo?? Wann man bei Hörproblemen zum Arzt sollte

"Wenn Sie häufiger Schwierigkeiten haben, Gesprächen zu folgen, lohnt sich ein Hörtest", rät Michael Deeg vom Bundesvorstand des Deutschen Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Und er empfiehlt, rechtzeitig zu handeln. "Wenn ein Hörverlust längere Zeit unbehandelt bleibt, sinkt die Chance, dass man ihn mit einem Hörgerät vollständig ausgleichen kann." Der Kölner HNO-Arzt Taufik Shahab bestätigt: Man könne das Hören und Verstehen nach einigen Jahren regelrecht verlernen. Beide Ärzte wollen auch die Vorurteile vor Hörgeräten nehmen. Zum einen sind die in den letzten Jahren immer kleiner und unauffälliger geworden. Zum anderen hat sich unser Lebensstil verändert: "Heute hat doch fast jeder irgendwas im Ohr, da fällt so eine Hilfe gar nicht auf", sagt Shahab. Laut Michael Deeg ist die Akzeptanz von Hörgeräten auch bei jüngeren Menschen gestiegen.

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Brigitte 9/2019

Wer hier schreibt:

Markus Brügge
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