Hyperakusis: Die Frau, die zu viel hört

Für Annette Hornbach, 49, sind Alltagsgeräusche eine Tortur, schmerzhaft laut und intensiv. Ihre Diagnose: Hyperakusis.

Wenn Annette Hornbach sich die Haare föhnt, steckt sie sich vorher Stöpsel ins Ohr. Ihr Mann rasiert sich zum Glück nass. Aber er pfeift ab und zu. Noch bereitet es ihm Schwierigkeiten, sich umzustellen, 25 Jahre hat er vor sich hingepfiffen, ohne dass sie Anstoß daran genommen hat. Aber seit Anfang des Jahres ist es anders. Hohe Frequenzen setzen ihr zu.

Wenn die Töne ganz ungeordnet und oft auch verzerrt um sie herumflirren, weiß sie nicht genau, von wo sie kommen und was sie von ihr wollen. Sie bedrängen sie und machen sie aggressiv in einer Weise, die sie nie zuvor gekannt hat. Ein unangenehmes Kribbeln im ganzen Körper, erhöhter Puls, bohrende Kopfschmerzen - es ist immer dasselbe.

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Diagnose Hyperakusis - 800.000 Deutsche sind betroffen

Der Kaffeevollautomat: ein Folterinstrument. Das Mahlwerk zehrt mit seinem Quietschen und ständigem Umschalten an ihren Nerven. "Ich überlege schon, ob ich ihn wieder verkaufe", sagt Annette Hornbach, 49, und deutet nebenbei auf die Küchenallzweckmaschine: "Auch ein ganz schlimmes Gerät!"

Wenn sie den Staubsauger benutzt, setzt sie den großen "Ear Protection"-Schutzhörer auf, den ihr Mann, von Beruf Förster, sonst bei Waldarbeiten mit der Kettensäge verwendet. Räumt sie den Geschirrspüler aus, tut sie dies langsam und sehr bewusst, weil das Aneinanderschlagen von Geschirr unbedingt vermieden werden muss. Die Schränke öffnet und schließt sie ähnlich behutsam, die Schubladen laufen gnädigerweise sanft auf Schienen. Aber Besteck einräumen verlangt äußerste Konzentration und ist dennoch jedes Mal "sehr heftig". Ganz schlimm ist es, wenn ein Feuerwehrwagen die Straße entlangfährt. Dann möchte sie sich vor der Welt verstecken und eine Decke über sich ziehen.

Annette Hornbach gehört zu den etwa 800.000 Menschen in Deutschland, die an Geräuschüberempfindlichkeit, so genannter Hyperakusis, leiden. Die Forschung weiß nicht viel darüber, nur, dass dabei zwei Faktoren zusammenkommen: ein Funktionsausfall der Haarzellen in einem bestimmten Bereich des Innenohrs und eine Überaktivität im Limbischen System des Gehirns, das unter anderem für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist. Sie kann eigenständig auftreten, aber auch im Zusammenhang mit anderen Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen - in 40 Prozent aller Fälle mit Ohrgeräuschen, dem Tinnitus. Häufig vorübergehend bei Migränepatienten. In seltenen Fällen in Folge einer Rückenmarksanästhesie.

"Ich sehne mich regelrecht nach der Natur", sagt Annette Hornbach

Bei Annette Hornbach beginnt es mit einem Hörsturz, einer plötzlich auftretenden Innenohrschwerhörigkeit auf der rechten Seite. Sie ist medizinisch-technische Assistentin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, sie hat gerade ihren Teneriffa-Urlaub hinter sich und sortiert an ihrem ersten Arbeitstag im neuen Jahr mit einer Kollegin Blutproben. "Oh, der Gefrierschrank, der pfeift aber", sagt sie auf einmal und wundert sich, dass die Kollegin gar nicht reagiert.

Als sie später aus dem Keller wieder in die erste Etage geht, fühlt sie sich schlapp und hat immer noch dieses seltsame Pfeifen im Ohr. "So, als habe jemand ganz viele Wattebällchen auf mein Ohr gepackt und dann mit Druck von außen festgebunden." Sie hält sich die Nase zu und pustet. Der Druckausgleich bringt nichts. Einem Verdacht folgend, recherchiert sie im Internet und liest unter "Tinnitus": Wenn die Ohrgeräusche eine Stunde anhalten, ist ein Arztbesuch anzuraten. "Kennst du einen guten HNO?", fragt sie ihre Kollegin.

Der Hörtest ergibt: ein Ausfall der hohen Frequenzen auf dem rechten Ohr. Der Arzt sagt, er könne ihr keine Infusionen geben, weil ihr Blutdruck zu hoch sei. "Natürlich ist er zu hoch", sagt sie, "ich bin ja aufgeregt!" Als sie später eine Brezel isst, erscheinen ihr die Kaugeräusche so, "als ob eine Ratte im Käfig an irgendwas Hartem nagt". Sie ist schockiert über ihre innere Geräuschwelt, eineinhalb Wochen ist ihr schwindlig. Wie ferngesteuert fühlt sie sich. Ihren Tinnitus beschreibt sie "wie das Rauschen, wenn eine Heizung anläuft". Nur eben lauter. Der Ton ist mal höher, mal tiefer, fast so, als könne er sich nicht entscheiden. Sie versucht, ihn zu überhören.

Den Einkauf macht meist ihr Mann. Der Kassenscanner macht sie aggressiv

Nicht der Tinnitus treibt sie zur Verzweiflung, sondern die Hyperakusis mit ihren unliebsamen akustischen Überraschungen: Einerseits hört sie weniger, andererseits hört sie vieles, das sie gar nicht hören möchte. Ein bisschen ungerecht ist es schon.

Zum Einkaufen schickt sie meist ihren Mann. Die Gesprächsfetzen aus allen Richtungen und, am schlimmsten, das Fiepen des Kassenscanners, der bei ihr entweder einen Fluchtreflex auslöst oder das sofortige Bedürfnis, auf den Nächstbesten einfach einzuschlagen. Vor allem in den ersten Wochen nach dem Hörsturz hat sie starke Aggressionen. Eine Art akustischer Kriegszustand. Das Hauptquartier des Lärms: ständig woanders.

Die feindlichen Armeen: unsichtbar, übermächtig. Ihre Waffen: scharf und schneidend. Annette Hornbach lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnsiedlung in Böhl-Iggelheim in einem Haus, das dominiert ist von Holz- und Terrakotta-Tönen. Die Lautstärke der Telefone ist überall runtergedreht. Die Klingelmelodie ihres Handys ist die Filmmusik aus "Der Clou", weiche Klaviertöne, nicht zu hoch, nicht zu spitz: "Ist doch angenehm, oder?"

Seit die Kinder ausgezogen sind - "mit ihnen hätt ich das jetzt nicht ausgehalten!" -, gibt es außer ihrem Mann und ihr nur noch Bora, den Jagdhund, der zum Glück so brav ist, dass er nicht bellt. Es gibt einen Kamin, dessen Holzknacken sie zu den angenehmen Geräuschen zählt. Und die Klänge einer Entspannungs-CD, die ihr eine Freundin geschenkt hat. Es ist schön, dass der Nonnenwald gleich um die Ecke ist. Dort kann sie allein sein. Umgeben nur vom Rascheln der Bäume, dem Säuseln des Windes, Vogelstimmen, freundlich gedämpft vom feuchten Waldboden. Den Wald hat sie auch vorher gemocht. "Aber jetzt sehne ich mich regelrecht nach der Natur."

Wie bei einem Klavier die Tastatur ist jede Haarzelle im Innenohr für einen bestimmten Ton zuständig. An den Haaren sitzen Nervenzellen. Sowohl bei Tinnitus als auch bei Hyperakusis werden diese Härchen abgeknickt - wie in einem Kornfeld, durch das ein Sturm fegte. Oft ergeben sich die schwerwiegenderen Probleme nicht aus den gänzlich geknickten, sondern aus den schief stehenden Haaren, weil sie den Ton verzerrt abgeben. Durch eine Verschaltung der Synapsen verlagert sich das Problem dann vom Ohr ins Gehirn.

Der Beginn einer Ärzte-Odyssee: Der Neurologe, der diese "schreckliche Untersuchung" mit ihr macht, ein hämmerndes, foltergleiches Geräusch aus Kopfhörern, um am Ende festzustellen, dass der Hörnerv noch funktioniert. Der Orthopäde, der ein Halswirbelsäulen-Syndrom feststellt, aber ist es denn ein Wunder, dass sie verkrampft, wenn sie in ständiger Anspannung ist? Den Kardiologen verordnet sie sich selbst, weil sie die Gefäße überprüfen lassen möchte. Er sagt: "Nichts Auffälliges." Der HNO-Arzt will einen Tumor ausschließen. In der Nacht vor der Kernspin-Tomografie findet sie keinen Schlaf.

Eine Last fällt von ihren Schultern, als der Arzt ihr schließlich sagt, es ist alles völlig normal. Er fragt auch: "Hatten Sie Stress?"

Sie hatte. Die beiden letzten Jahre haben es nicht gut mit ihr gemeint. Erst sterben ihre Eltern innerhalb von drei Tagen hintereinander, dann muss sie am Knie operiert werden. Und bei ihrer damaligen Arbeit wird ihr hart zugesetzt. Bis August letzten Jahres ist sie in einer großen Studienklinik angestellt. Sie arbeitet dort gegen die Uhr. Hat zehn Probanden und muss alle drei Minuten Blut abnehmen, sechs Stunden hintereinander, nichts anderes. "Das gibt Stress, wenn es bei einem nicht läuft!" Es kommt ihr vor wie "Fließband am Menschen", außerdem wird sie gemobbt von einer Teamkollegin.

Annette Hornbach wird nervös, leidet an Schlafstörungen und Verdauungsproblemen. Sie ist wie erlöst, als sie im Oktober 2009 eine neue Arbeitsstelle findet. Doch dann, mitten in der Probezeit, der Hörsturz aus heiterem Himmel und die Hyperakusis, die ihr normales Leben wie ein Torpedo versenkt.

Autofahren zum Beispiel. Das Klacken, wenn die Tür ins Schloss fällt, macht ihr keine Probleme; die tiefen Frequenzen sind ihre Freunde. Aber als im Winter die Scheiben ihres silbernen Passats vereist waren, war sie schon nervös, bevor sie ins Auto gestiegen war. Das helle "Pling" der Frostwarnanzeige ist ihr ebenso unangenehm wie die Tankanzeige, die der Teufel persönlich eingebaut haben muss. Manchmal, wenn sich ihre Tochter ihren Wagen geliehen hatte, vergisst sie, dass die Lautstärke an ihrem Radio hochgedreht ist. Dann zuckt sie jedes Mal schmerzhaft zusammen.

Eineinhalb Wochen nach dem Hörsturz ist der Schwindel vorbei, und Annette Hornbach will wieder zur Arbeit. Zu früh. Als der Drucker anspringt und sie sich mit beiden Händen die Ohren zuhält, sind es die Kollegen, die sie wieder nach Hause schicken.

Sie hat starke Kopfschmerzen hinter der Nasenwurzel, hört aber das Tinnitus-Pfeifen nachts zum Glück weniger als am Tage. Als sie Ende Januar nach drei Wochen Krankschreibung, viel Yoga und Osteopathie wieder zur Arbeit geht, ist die Kollegin krank, der Zeitdruck somit stärker, sie muss Blut einfrieren und denkt: "Na, ausgerechnet am ersten Tag." Die Gefrierschränke, die auf minus 80 Grad kühlen, stehen in zwei Reihen, sie sind für Annette Hornbach wie eine ganze Armada unheimlicher Wesen, deren lautes hohes Gebrumm sie als feindlich empfindet. Die Geräusche addieren sich in ihrem Kopf, "es schaukelt sich so hoch", sagt sie und hofft, bald fertig zu sein.

Noch schwieriger wird es, als eine Ärztin sie bittet, alte Unterlagen durch den Aktenschredder zu jagen. Nach fünf Minuten kann sie nicht mehr, der Schmerz bohrt sich in ihr Ohr, nistet sich in ihrem Kopf ein.

Trotzdem macht sie weiter. Fährt jeden Morgen bis Mannheim Hauptbahnhof und dann mit der Straßenbahnlinie 1 oder 5 zur Arbeit. Jeden Tag das Schleifen der Bremsen, das Quietschen der Gleise und der Piepston, wenn die Türen schließen. Ganz schlimm wird es, wenn Schulklassen hereinkommen.

Auch im Büro passieren in ihrem Ohr merkwürdige Dinge. Die kräftige Stimme einer Laborkollegin ist ihr zu viel. Es fällt ihr schwer, der Arbeitsbesprechung zu folgen. Zu sechst sitzen sie um den Tisch, und Annette Hornbach fühlt sich den Geräuschen ausgeliefert. Ihr Ohr fängt an zu zwitschern, wie ein Vogel, denkt sie. Wenn es zu viele Geräusche sind, hat sie den Eindruck, "das Ohr macht einfach dicht" - ganz so, als wolle es sich vor unkontrollierter Flutung schützen.

Annette Hornbach neigt nicht zur Larmoyanz. Sie hat sich nicht ihrem Leiden ergeben, im Gegenteil: "Ich bin ein Verdrängungsmensch." Geht es ihr einen Tag gut, sind die drei schlechten davor schon fast vergessen. Spürt sie einen Aufwärtstrend, denkt sie nicht an die Rückschläge, die ihr bisher mit großer Zuverlässigkeit zumindest zeitweise den Mut raubten. Beim Chinesen in Neustadt ist es recht ruhig, und sie freut sich, dass sich ihre Krankheit so angenehm zurückhält, doch wenige Tage später, beim Stammitaliener in Hassbach, macht sie bereits wieder "scharfe Stimmen" aus.

Sie sagt, ihre Erschöpfungszustände seien bereits besser geworden. Doch strengt sie ein zweistündiges Gespräch über ihre Krankheitsgeschichte immer noch so an, dass sie sich danach ausruhen muss. Oft kommt es ihr so vor, als könne sie ihre Energie nicht festhalten, als würde sie aus ihr herausströmen wie bei einem defekten Ventil. Seit Kurzem erscheint es ihr wieder etwas besser. Aber eigentlich schwankt es ständig.

Nach einigen Wochen geht sie abends mit ihrem Mann in die Tanzschule nach Hassloch. Seit elf Jahren tanzen die beiden zusammen, Annette Hornbach möchte nicht auf alles verzichten, was ihr etwas bedeutet. Sie habe es versuchen wollen. "Ich will immer die Grenzen austesten." Nach einer halben Stunde muss sie den Test für sich als beendet ansehen. Tanzlehrer Jürgen, der heute nur in Vertretung da ist, erklärt gerade eine neue Cha-Cha-Cha-Figur, als Annette Hornbach feststellt, dass sie sich seiner schnittigen Stimme nicht gewachsen fühlt. "So harte Endungen", sagt sie. Den Tango übersteht sie noch, aber beim Slow-Fox-Viererschritt sagt sie zu ihrem Mann: "Wir müssen aufhören, lass uns gehen."

Kurz bevor Annette Hornbach sich der Tyrannei eines einzelnen Sinnesorgans ergibt, erfährt sie aus dem Internet von Gabriele Lux, Hörakustik-Meisterin, und fährt zu ihr nach Frankfurt. Gabriele Lux weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, wovon sie spricht. Sie erzählt Annette Hornbach von den Gefahren der sozialen Isolation. Von Fällen, bei denen die Patienten ihr Haus nicht mehr verlassen. Und von Lehrern, die Schüler geschlagen haben - weil sie deren Lärm nicht aushalten konnten. Zum ersten Mal hat Annette Hornbach den Eindruck, verstanden zu werden.

"Für die abgeknickten Haarzellen in Ihrem Ohr können wir wenig tun", sagt Frau Lux geradeaus. Die Therapie müsse im Hirn greifen. Dann überreicht sie Frau Hornbach in einer kleinen braunen Schatulle den so genannten "Noiser", den sie auf das Geräusch von sanftem Mairegen einstellen soll: ein winziges Gerät, es sieht ähnlich aus wie ein Hörgerät und produziert das so genannte "rosa Rauschen" - ein Frequenzspektrum, das dem der Alltagsgeräusche entspricht und das Gehirn umtrainiert: Wie beim Auftragen eines Parfüms, das nach wenigen Minuten für den Parfümierten ja auch kaum mehr wahrnehmbar ist, verschwindet das Rauschen, dämpft aber zugleich die Störgeräusche, die sanft umspielt werden. Je nach Schweregrad und Trainingszeit dauert die Desensibilisierung zwischen sechs und 24 Monaten. Erfolgsquote bei der Hyperakusis: 99 Prozent. Beim Tinnitus sind es immerhin 80 Prozent.

Eine Schwerhörigkeit wird bleiben, aber die Hyperakusis, die Tyrannei der Töne, kann vorbeigehen, wenn sie nur häufig genug trainiert. Annette Hornbach ist frohen Mutes, als sie zurück nach Mannheim fährt. "Ich will einfach wieder ein gutes Leben führen. Und bin sehr optimistisch, dass mir das auch gelingen wird!" Sie will stärker sein als die Töne, sie besiegen und irgendwann in die Ruhe zwingen. Ausbrechen aus ihrem akustischen Gefängnis. Frei sein. Inmitten von Geräuschen. An diesem Abend lauscht sie zum ersten Mal dem rosa Rauschen, das sie zunächst an einen schlecht eingestellten Radiosender erinnert. Aber dann fühlt sie sich seltsam geborgen in ihm.

Text: Andreas Wenderoth Fotos: Cira Moro Ein Artikel aus BRIGITTE 09/10
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