Ich bin froh, Kassenpatientin zu sein

Privatpatienten kommen manchmal schneller dran - auch an die neusten Therapien, Medikamente und Diagnosetechniken. Trotzdem findet Martina Keller: Die bessere Medizin bekommt sie als gesetzlich Versicherte.

Meine Freundin Jule glaubt es, die Bild-Zeitung glaubt es, und manche private Krankenversicherung möchte es offenbar glauben machen: Gesundheit gibt es bald nur noch für Reiche, Kassenpatienten werden schlechter behandelt. Weil sie nur billige Nachahmermittel erstattet bekommen und nicht die teureren Originalpräparate - oder die neusten Kreationen der Pharmaindustrie. Weil sie die beliebten, wenngleich häufig nutzlosen Vitaminpillen selber zahlen müssen, statt sie erstattet zu bekommen. Und weil sie länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen.

Natürlich finde ich es auch ärgerlich, dass Kassenpatienten sogar bei akuten Beschwerden nicht so schnell zu einer ärztlichen Untersuchung kommen wie privat Versicherte. Selbst mit Termin verbringen sie mehr Zeit in Wartezimmern, das fand eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK schon 2006 heraus. Wenn man bedenkt, welchen Anteil psychosoziale Faktoren an Gesundheit haben, ist eine solche Ungleichbehandlung kein guter Start in eine Therapie.

Aber ansonsten, finde ich, sind wir Kassenpatienten doch in den meisten Fällen besser dran. Zum Beispiel werden wir nicht, wie manche Privatpatienten, als Versuchskaninchen für brandneue Medikamente benutzt. Denn die Wirkungen von vielen so genannten innovativen Arzneien sind schlechter belegt als altbewährte Mittel, und dasselbe gilt für gefährliche Nebenwirkungen: Oft zeigen sie sich erst, wenn ein Präparat auf dem Markt ist.

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Das beweisen die Medikamentenskandale der letzten Jahre. Beispiel Lipobay: Die zu sorglose Anwendung des Blutfettsenkers der Firma Bayer verursachte weltweit Todesfälle - und das Mittel wurde vom Markt genommen. Ähnlich verhielt es sich bei Vioxx und Bextra. Die Schmerzmittel aus der Klasse der Cox-2-Hemmer führten vermehrt zu Herzinfarkt und Schlaganfall - und sind nicht mehr im Handel. Kassenpatienten waren solche Mittel wegen der hohen Kosten oft gar nicht erst verschrieben worden.

Ähnlich kann es uns mit dem neusten Errungenschaften der Medizintechnik ergehen - zum Beispiel Stents. Nachdem diese Metallröhrchen 2002 in einer neuen, mit Medikamenten beschichteten Version auf den Markt kamen, wurden sie vorwiegend Privatpatienten in ihre Herzkranzgefäße gepflanzt. Der Vorteil gegenüber den älteren, unbeschichteten Stents: Die Adern verstopfen nicht so leicht wieder.

Ob die Patienten durch die neuen Röhrchen tatsächlich besser behandelt sind, müssen langfristige Studien allerdings erst noch klären. Die Anfangseuphorie ist jedenfalls verflogen. Patienten mit beschichteten Stents im Herzen sind laut neueren Untersuchungen anfälliger für lebensbedrohliche Thrombosen in den Stents. Die zuständige Fachgesellschaft empfiehlt den Einsatz deshalb mittlerweile nur noch in ausgewählten Fällen, wenn zusätzlich zwei gerinnungshemmende Mittel gegeben werden.

Ärzte verdienen an ihren Privatpatienten mehr, weil sie höhere Gebühren abrechnen können, oft ein Vielfaches des Satzes von Kassenpatienten. Das verlockt manche Mediziner zu Therapien nach dem Motto "Darf's ein bisschen mehr sein?" Neue teure Geräte müssen sich schließlich auch lohnen.

Da wurde zum Beispiel dem privat versicherten Freund einer Kollegin neulich eine Röntgenuntersuchung vorgeschlagen, obwohl sie überflüssig geworden war, weil die Symptome seiner Nierenkolik längst wieder abgeklungen waren. Und die Mutter eines anderthalbjährigen Privatpatienten berichtet, dass ihrem Kind zwischen den zwei empfohlenen Masernimpfungen Blut abgenommen wurde, damit der Arzt bestimmen konnte, wie viele Antikörper gegen den Erreger sich bereits gebildet hatten. Keine medizinische Fachgesellschaft rät zu einer solchen Messung, aber sie lässt sich gut abrechnen.

Privatpatienten müssen auch deutlich häufiger unnötige Doppeluntersuchungen über sich ergehen lassen als gesetzlich Versicherte. Das belegt eine Erhebung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Egal ob dabei nun unnötig Blut abgezapft, geschallt oder geröntgt wird: Ich will nur das medizinisch Notwendige an Untersuchungen. Und das wird in aller Regel von der gesetzlichen Krankenversicherung auch bezahlt.

Ich brauche keinen zusätzlichen Lungencheck, keine Hauttypberatung, keine Blutgruppenbestimmung, keine Knochendichtemessung und auch keinen großen sportmedizinischen Gesundheitscheck. Denn auch unnötige Diagnostik kann belasten und wer nur lange genug Laborwerte erhebt und den Körper durchleuchtet, findet schon einen Befund, der von der Norm abweicht. Das bedeutet dann oft: weitere Untersuchungen, womöglich sogar eine kleine Operation, nur damit der Arzt am Ende feststellt: falscher Alarm. Den Ärger und die Sorge möchte ich mir sparen.

Bleibt der vermeintliche Vorteil der Chefarztbehandlung. Aber auf den verzichte ich gern. Die Chefärzte, die ich kennen gelernt habe, als meine alte Mutter mehrere Monate im Krankenhaus lag, fielen mir vor allem dadurch auf, dass sie keine Zeit für Gespräche hatten. Die Oberärzte fand ich da zugänglicher, und vielleicht sind sie auch eher als die etablierten Autoritäten bereit, ihr medizinisches Handeln kritisch zu hinterfragen.

Klar gibt es auch noch ein paar weitere Nachteile für uns Kassenversicherte. Zum Beispiel, dass uns nachweislich viel weniger Physiotherapie verschrieben wird als den Privatpatienten - weil die Kassenärzte für die Verordnung solcher Heilmittel nur winzige Budgets haben. Wenn die Versicherungen da noch ein bisschen mehr für uns tun, bleibe ich aber umso lieber eine glückliche Kassenpatientin.

Text: Martina Keller Foto: iStockphoto.com

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