Impfen - ja oder nein?

Seit Beginn des Jahres grassieren die Masern erneut in Deutschland. Maßgeblicher Grund für die Verbreitung sind Impflücken innerhalb der Gesellschaft. Ein Bericht über die Frage: Impfen - ja oder nein?

Impflücken und die sogenannte "Herdenimmunität"

Impflücken sind maßgeblich daran beteiligt, dass sich Krankheiten wie Masern oder Hepatitis überhaupt noch verbreiten können. Da es jedoch kein umfassendes System zur Erhebung von Impfdaten gibt, kann nur geschätzt werden, wie hoch diese Impflücken sind. Und auch eine einheitliche Meldepflicht für Krankheiten und Krankheitserreger fehlt bislang in Deutschland. Somit fehlen aussagekräftige Statistiken über Impflücken, Vorkommen und Ausbreitung von Krankheiten.

Das Robert-Koch-Institut geht jedoch davon aus, dass sich rund fünf Prozent der Bevölkerung aktiv gegen das Impfen entscheiden, weitere fünf Prozent haben ihre Impfungen im Laufe der Jahre versäumt. Eine dritte Gruppe darf sich aus medizinischer Sicht nicht impfen lassen: Dazu zählen etwa Neugeborene, die noch keine Lebendimpfungen bekommen können, oder Kinder und Erwachsene mit Immundefekten.

Nicht geimpfte Personen stehen im besten Fall unter dem Schutz einer sogenannten "Herdenimmunität" - vorausgesetzt, die Impfquote sinkt nicht unter 90 Prozent. Liegt die Rate darunter, kann sich der Krankheitserreger innerhalb der Bevölkerung ungehindert ausbreiten. In Berlin wird die Quote auf 80 bis 85 Prozent geschätzt. Zahlen, die dem habilitierten Privatdozenten Dr. Lundershausen aus Erfurt zu denken geben:

"Ich glaube, dass der Masernausbruch in Berlin ein Lehrbeispiel dessen ist, was passiert, wenn die Impflücken in dieser Größenordnung bestehen bleiben."

Impfen als moralische Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen?

Impfkritiker verneinen diese Frage mit dem Argument, dass das Selbstbestimmungsrecht jedes Einzelnen über den Belangen der Allgemeinheit stehen sollte. Eine Entscheidung für oder gegen eine Impfung kann nicht nur von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet werden, sondern muss Fragen über die positiven Effekte einer überstandenen Kinderkrankheit oder auch langfristige unerwünschte Folgen von Impfungen berücksichtigen.

Sozialpädagogin Nadine Lange aus Berlin dachte im Zuge der anstehenden Geburt ihres Kindes lange über das Für und Wider von Impfungen nach - letztlich entschied sie sich dagegen:

"Am Anfang wollten wir die Impfungen nur verschieben, da ich mir unsicher war, inwieweit der kleine Körper das verkraften würde. Letztendlich haben wir uns nach einigen Recherchen und unzähligen Unterhaltungen gegen die Impfung und für das Bauchgefühl entschieden."

Den Ausschlag gegen eine Impfung lieferten letztlich Mediziner: "Zum Teil haben die Ärzte gesagt, dass sie ihren eigenen Kindern nicht alle Impfungen gegeben haben. Das hat mich skeptisch gemacht." Und selbst wenn sie ihr Kind impfen lasse, gäbe es keine Garantie für einen 100-prozentigen Schutz und "keine Transparenz zum Thema Impfkomplikationen". 

Bei Lange selbst hätten eigene Immunisierungen beispielsweise zu einer "Verschlechterung der Neurodermitis" und "häufigen Mittelohrentzündungen" geführt. "Eine Bekannte mit der Erkrankung Multiple Sklerose erlitt nach den Impfungen immer erneute Krankheitsschübe", erläuterte die Sozialpädagogin.

Nebenwirkungen und mögliche "Impfschäden"

Prof. Dr. Friedrich Schiller, ehemaliger Dermatologe aus Castrop-Rauxel, sieht die Problematik der Nebenwirkungen in einem anderen Licht:

"Im Verhältnis zu den gesundheitlichen Folgen schwerer Infektionskrankheiten müssen die auftretenden Reaktionen auf die Impfungen als gering und beherrschbar angesehen werden."

Die Nebenwirkungen entsprächen immer dem klinischen Bild der Krankheit - in abgeschwächter Form. Begleiterscheinungen wie Rötungen, Schwellungen, Fieber und Müdigkeit seien relativ häufig im Vergleich zu sogenannten Impfkomplikationen. Letztere gelten als schwerwiegender und können mitunter Impfschäden wie Nervenentzündungen, Thrombose, Arthritis oder eine Gehirnhautentzündung hinterlassen. Schäden, die Skepsis unter Impfkritikern hervorrufen. 

"Ich könnte eher damit leben, wenn mein Kind an einer Kinderkrankheit leidet, als wenn es Schäden von Impfungen davonträgt", betonte Nadine Lange im Gespräch.

Bedenken an Massenimpfungen in den ersten Lebenswochen eines Säuglings gibt es jedoch nicht nur bezüglich der Nebenwirkungen und möglichen Impfschäden, sondern auch aufgrund des noch unausgereiften Immunsystems.

So sind Impfgegner der Meinung, dass Impfstoffe die Entwicklung eines ausgewogenen Gleichgewichts zwischen Abwehr und Toleranz stören können. Eine Annahme, die bei Dr. Lundershausen auf Unverständnis trifft. "Völliger Blödsinn", sagte er über vermeintliche Schäden des Immunsystems und fügte hinzu:

"Wenn ich meine reisemedizinischen Impfungen dazu rechne, impfen wir in der Woche mindestens 30 Leute - und das über Jahrzehnte. Ich habe noch keine Schädigung des Immunsystems durch eine Impfung erlebt."

Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission 

In Deutschland gelten die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), die 1972 am Robert-Koch-Institut ins Leben gerufen wurde. Zwei Mal jährlich gibt die 17-köpfige Kommission Impfempfehlungen für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und auch schwangere Frauen. Zurzeit werden Impfungen mit 13 Krankheitserregern bis zum vollendeten 18. Lebensjahr vorgeschlagen. Acht Krankheitserreger werden mittels Totimpfstoff in den ersten zehn Lebensmonaten verabreicht. Eine Immunisierung mit Lebendimpfstoffen, wie die Mumps-Masern-Röteln Impfung, kann erst ab dem 11. Lebensmonat erfolgen.

Dr. Lundershausen befürwortet die Impfempfehlungen der STIKO:

"Als Arzt muss man sich hinter diesen Katalog stellen, weil wir damit erstens einen individuellen Schutz für die Einzelperson gewährleisten, und zweitens auch in der gesamtgesellschaftlichen Population die Verbreitung von Krankheiten verhindern können."

Solche Übertragungsketten, wie sie sich jetzt in Berlin gezeigt hätten, könnten mithilfe von Impfungen verhindert werden. Nicht alle Ärzte stehen den Impfempfehlungen der STIKO jedoch so offen gegenüber.

Die Organisation "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V." mit Sitz in Heidelberg fordert auf ihrer Homepage den "Erhalt der freien, individuellen Impfentscheidung nach differenzierter, umfassender und ergebnisoffener ärztlicher Beratung". Vorsitzender Friedl stellt Impfungen grundsätzlich infrage und betonte: "Wir pfuschen damit der Natur ins Handwerk. Wir haben einen gewissen Allmachtsanspruch, dass wir mit den Impfungen viele Probleme der Menschheit in den Griff bekommen." Letztlich müsse jede Person die Frage "Impfen – ja oder nein?" jedoch für sich selbst entscheiden.

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