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Intim-Anatomie Wo sitzt die Klitoris, Mandy Mangler?

Intim-Anatomie: Modell einer Vulva
© olgasparrow / Adobe Stock
Nur wenige wissen, wo die Klitoris genau sitzt und wie viele Öffnungen die weibliche Intimregion hat. Die Gynäkologin Mandy Mangler über Anatomie-Lücken von Männern und Frauen, Klitoris-Ghosting und den Wunsch zu gefallen.

BRIGITTE WOMAN: Frau Dr. Mangler, im Rahmen einer aktuellen britischen Studie sollten Männer und Frauen auf einer Abbildung die verschiedenen Teile der Vulva benennen. Was glauben Sie: Wie viel Prozent waren nicht in der Lage, die Klitoris zu identifizieren?

Mandy Mangler: Ich gehe davon aus, dass nur ganz wenige das genaue Ausmaß des Organs kennen und wissen, wie die gesamte Struktur innerhalb des Körpers aussieht. Wenn es ausschließlich um den sichtbaren Teil oben an der Vulva geht, den man als Kitzler kennt: vielleicht 40 Prozent?

Ziemlich gut. Es waren 37 Prozent. Und nur neun Prozent konnten alle sieben Teile korrekt beschriften. Also die Klitoris, die inneren und äußeren Schamlippen, die Scheide, den Blasenausgang, den Anus und den Damm.

Haben die Frauen besser abgeschnitten als die Männer?

Nur bei der Vagina und dem Anus. Bei der Klitoris beispielsweise gab es keinen Unterschied.

Im Fall der Klitoris lässt sich das sicher damit begründen, dass sie von der Wissenschaft jahrhundertelang regelrecht geghostet wurde. Es gibt bis heute Lehrbücher, in denen sie nicht korrekt dargestellt ist. Auch viele Gynäkolog:innen haben Schwierigkeiten mit der vollständigen Zuordnung unter der Hautoberfläche. Wenn man sich dagegen überlegt, wie präsent der Penis ist, allein in der Pornografie.

Und in der Kunst. In Witzen. Auf Klowänden.

Der Penis hat eindeutig die größere Sichtbarkeit. Zum Penis und zur Erektion gibt es auch tausend Studien, weil Männer es extrem spannend finden, alles daran zu untersuchen und zu vermessen und zu quantifizieren.

Und es sind nach wie vor Männer, die in der Forschung auf den Geldtöpfen sitzen.

Ja, die Gynäkologinnen müssten eigentlich die ganze Zeit schreien und sagen: Geht’s noch? Wenn das umgekehrt so wäre und der Penis nur einen Tag lang so missachtet würde wie die Klitoris – sowohl anatomisch als auch sexuell –, da wäre aber was los. Ich finde es zudem bizarr, dass als Pendant zum Penis immer noch die Vagina gesehen wird.

Statt der Klitoris.

Ja. Bei sexueller Erregung schwillt die Klitoris an. Es gibt mehr Durchblutung, und hier sind die ganzen empfindlichen Nerven. Sie ist für die Lust zuständig. Genau wie der Penis. Die Vagina ist nur ein langweiliger Haut- und Muskelfaserschlauch mit wenigen Nerven.

Was erleben Sie in Ihrer Praxis? Nennen die Frauen ihr Geschlechtsorgan da beim Namen?

Dass eine Frau von sich aus das Wort Vulva sagt, kommt selten vor. Ein kleiner Teil der älteren und jüngeren Patientinnen ist gut aufgeklärt und benutzt es, aber das sind vielleicht zehn Prozent.

Was sagen die Patientinnen stattdessen?

Sie sagen "untenrum" oder Vagina. Oder sie sagen "äußerlich" und beschreiben dann ihre Symptome. Viele Frauen projizieren ihre Probleme an der Vulva auch auf etwas anderes, etwa auf die Blase oder den Bauchraum.

Warum fremdeln wir mit dem Wort Vulva?

Weil es nach wie vor kaum verwendet wird. In den Kindergärten und Schulen ist es nicht präsent, und die Frauen haben es nicht gelernt – das Wort wird im allgemeinen Sprachgebrauch noch nicht ausreichend verwendet. Wer sich viel in den sozialen Medien bewegt, hat zwar das Gefühl, dass die Vulva mehr ins Bewusstsein rückt, aber man kann es überhaupt nicht oft genug sagen, damit die Leute sich das endlich merken: dass es nicht um die Vagina geht, sondern um die Vulva.
Und statt von Schamlippen können wir besser von Vulvalippen sprechen. Das Wort Scham ist wertend und nicht angebracht.

Mal abgesehen von der korrekten Bezeichnung – woran merken Sie als Ärztin, dass viele Frauen nicht sehr vertraut sind mit der Anatomie ihres Geschlechtsorgans?

Es geht los mit dem Aussehen der physiologisch normalen Vulva – das extrem unterschiedlich ist, aber häufig nicht akzeptiert wird. Die Vulvalippen sind dann zu groß, zu klein, zu braun, nicht rosig genug ... Ich werde gefragt, ob man die abschneiden könnte.

Vulvalippenkorrekturen gelten als der schnellstwachsende Trend bei den Schönheitsoperationen.

Ja, und ich erlebe ästhetische Chirurgen, die sehr schnell dabei sind, zu sagen: Dann schneiden wir hier was ab und da auch, zack, zack! Da sträubt sich alles in mir. Das finde ich so sinnlos, auch wenn ich grundsätzlich sage, dass jede selbst die Chefin ihres Körpers ist und damit machen soll, was sie möchte. Aber an der Unzufriedenheit mit der eigenen Sexualität ändert so ein Eingriff nichts.

Auch da hilft es, die eigene Anatomie gut zu kennen.

Das ist entscheidend. Wenn Frauen zum Beispiel Orgasmusprobleme haben, führt das häufig dazu, dass sie die Lust auf Sex verlieren. Die Männer sagen dann: Frauen wollen weniger Sex als wir. Falsch. Wir wollen nicht weniger Sex, wir wollen den Sex nur anders. Aber wenn Sex immer nur Penetration und Ejakulation ist, warum sollte eine Frau daran Interesse haben? Sexualität wird immer noch nach diesem Muster gedacht.

Deshalb hält sich auch die Idee des Vorspiels so hartnäckig: Penetration gilt nach wie vor als der eigentliche Akt.

Das Wort Vorspiel können wir aus unserem Vokabular streichen. Es gibt eine gemeinsame Sexualität, und die umfasst alles, was man miteinander macht.

Was müsste sich noch ändern?

Fangen wir mal bei den Mädchen an. Für die wünsche ich mir so sehr, dass sie sich komplett in den Vordergrund stellen und sagen: Ich mache nur Dinge, die darauf abzielen, mich glücklich zu machen, alles andere mache ich nicht. Ich werde nicht, um jemand anderem zu gefallen, Sachen machen, die ich nicht mag.

Für erwachsene Frauen auch ein guter Vorsatz.

Stimmt. Und sie sollten ausprobieren, was sich gut anfühlt. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass ein Teil der Klitoris unter den äußeren Vulvalippen liegt und dass Berührung da sehr angenehm ist. Uns wurde im Anatomiestudium noch beigebracht, dass das Fettgewebe ist.

Ich kenne Frauen, die sagen: Wann, bitte schön, soll ich masturbieren, ich bin nie allein zu Hause.

Weibliche, selbstverständliche Masturbation ist auch gar nicht erwünscht. Denn sie führt zu sexuell aufgeklärten Frauen. Wenn wir uns mit unserer Vulva beschäftigen und im großen Stil selbst befriedigen würden, wüssten wir besser, was wir wollen und was nicht.

Die Männer profitieren doch, wenn ihre Partnerinnen maximalen Spaß haben …

Ja, es wäre eine Win-win-Situation. Aber die Männer glauben, sie geben was auf damit, nämlich eine schöne Situation, bei der sie sich um nichts kümmern müssen und dann befriedigt ins Kissen fallen. Auch das muss dringend abgeschafft werden, diese Denke, dass der Sex vorbei ist mit der Ejakulation des Mannes. Traurig genug, wenn der Mann einen Orgasmus vor der Frau hatte, aber dann kann er das Liebesspiel noch hübsch eine Stunde fortsetzen.

Das kann Frauen aber unter Erfolgsdruck setzen.

Man sollte keinen Stress für sich draus machen, Sex ist eben auch Spiel. Und manche Frauen finden Sex ohne Orgasmus beglückend und befriedigend. Gerade am Anfang einer Beziehung ist man oft so euphorisiert, dass der Sex erst mal toll ist, auch wenn man nicht unbedingt Orgasmen hat.

Aber mit der Zeit nervt es.

Ja, und dann muss man es aussprechen, auch wenn das leicht gesagt und schwer getan ist.

Hätten Sie ein praktisches Textbeispiel?

Du, ich habe mir das jetzt zwei Jahre lang angeguckt – oder 20 – und ganz ehrlich: Es gefällt mir nicht. Wir haben es nie geschafft, Sexualität so umzusetzen, dass ich zuverlässig Orgasmen habe. Aber es ist ja eine tolle Herausforderung, das jetzt gemeinsam zu erforschen. Und da kannst du mir noch danke sagen, dass ich es mit dir erforsche und nicht mit dem Nachbarn. Ich lade dich also herzlich ein, heute Abend mit mir an meiner Vulva auszuprobieren, was alles schön für mich ist. Ich weiß es selbst nicht genau, wir werden es rausfinden.

Starke Rede!

Ich glaube einfach, die Männer können über die Vulva und die Sexualität der Frau noch sehr viel lernen. Mir wäre das als Mann total wichtig. Das erhöht doch auch die Bindung. Wenn ich eine sexuell befriedigte Frau habe, dann kann ich andere Defizite damit ausgleichen: Meine Frau hat Spaß – halb so schlimm, dass ich ein Bäuchlein habe.

Oder auch: keine stabile Erektion mehr.

Genau, das kommt ja noch dazu: dass die Männer irgendwann nicht mehr so performen können, wie sie es sich wünschen, und lieber gar keinen Sex mehr haben. Damit hat sich die gemeinsame Sexualität dann auch für uns Frauen erledigt. Und die Frauen nehmen es häufig kommentarlos hin, das ist tragisch.

Für Frauen kann auch die altersbedingte Veränderung von Vulva und Vagina ein Problem sein – Stichwort Scheidentrockenheit.

Ja, es gibt Frauen, die sagen: Penetration fühlt sich an wie ein Messer in meiner Vagina. Diese Frauen sollen es lassen. Keine Penetration, ist ja logisch!

Und wenn sie es möchten?

Je regelmäßiger man Sex hat, desto besser ist das ganze Becken durchblutet, und Sex meint auch Selbstbefriedigung. Yoga und Tanzen und jede Form von Beckenbodentraining führt ebenfalls zu einer guten Durchblutung. Dadurch ist mehr Feuchtigkeit da, egal in welchem Alter. Und auch Kokosöl hilft sehr gut.

Wir erleben seit vielen Jahren eine größere sexuelle Freizügigkeit und Selbstbestimmung als je zuvor, gleichzeitig sehen wir auf Instagram & Co ein Frauenbild, das maximale Konformität propagiert: formschön, perfekt gestylt, verfügbar. Wo würden Sie uns Frauen heute verorten?

Wir haben heute die Möglichkeit, gut mit unserer Weiblichkeit und unsere Sexualität umzugehen. Aber ich sehe bei den Frauen immer noch diesen extremen Wunsch, gefallen zu wollen. Und das finde ich nicht optimal. Ich wünsche mir für uns, dass wir unsere eigenen Spielregeln finden. Die sind notwendig, damit wir eine gute, diverse Gesellschaft sein können. Die Männer haben sich über Jahrhunderte eine bequeme Position erarbeitet. Und die gilt es jetzt so gründlich und kreativ zu verändern, dass wir am Ende mit unseren Interessen genauso abgebildet sind – auch in puncto Sex.

Die Studie

Wie viele Körperöffnungen finden sich in der weiblichen Vulva, und wie heißen die sieben Teile des äußeren weiblichen Geschlechtsorgans? Das sollten Frauen und Männer im Wartebereich einer britischen Klinik anhand eines Fragebogens beantworten. Nur 46 Prozent der 191 Studienteilnehmer:innen wussten, dass zur Vulva drei Körperöffnungen gehören. Am häufigsten wurde die Vagina genannt (67 Prozent), gefolgt vom Anus (55 Prozent) und dem Blasenausgang (35 Prozent). Die korrekte Beschriftung einer Vulva-Abbildung mit allen Strukturen (Klitoris, Blasenausgang, Vagina, innere und äußere Schamlippen, Anus und Damm) gelang neun Prozent der Befragten, wobei da nicht "Anus" stehen musste, auch Wörter wie "Po-Loch" wurden akzeptiert. Nur bei der Vagina (41 bzw. 15 Prozent) und dem Anus (39 bzw. 15 Prozent) schnitten die Frauen besser als die Männer.

Prof. Dr. Mandy Mangler

Prof. Dr. Mandy Mangler, 44, ist Chefärztin der Klinik für Geburtsmedizin und Gynäkologie am Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin-Schöneberg, außerdem leitet sie zusammen mit einer Kollegin die Klinik für Gynäkologie am Klinikum Neukölln. Alle zwei Wochen befasst sich die Ärztin im "Tagesspiegel"-Podcast "Gyncast" mit Fragen rund um die Frauengesundheit. Sie lebt in Partnerschaft und hat fünf Kinder.

Brigitte

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