Jung. Sportlich. Bandscheibenvorfall

Kommt überraschend, tut höllisch weh - und trifft häufig die, die nicht damit rechnen. Welche Therapien jetzt am besten sind.

Der Schmerz im Kreuz wuchs langsam, wie eine dunkle Gewitterwand. Eine Wirbelblockade, vermutet der erste Arzt und renkt Elena Thönnessen ein. Die Schmerzen bleiben. Wochen vergehen, bis ein Orthopäde die richtige Diagnose stellt: Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel.

"In meinem Alter!", staunt Elena noch heute, fünf Jahre später. Erst 18 war sie damals, stand kurz vor dem Sportabitur, spielte Tennis im Verein, war fit und durchtrainiert. Bandscheibenvorfall? Passiert das nicht nur älteren Menschen mit Übergewicht, die sich nie bewegen? Leider nein. Die Bandscheiben, die als elastische Puffer zwischen den Wirbelkörpern Stöße abfangen, den Druck verteilen und Beweglichkeit sichern, können auch in jungen Jahren und ohne die Hauptrisikofaktoren Übergewicht und Bewegungsmangel Ärger machen. Die Gründe: eine ungünstige Anatomie, Fehlbelastungen (die Sport weiter verstärken kann), genetische Veranlagung. "Diese Frauen haben oft schwache bindegewebige Strukturen", erklärt der Orthopäde Dr. Matthias Psczolla, Chefarzt des Wirbelsäulenzentrums der Loreley-Kliniken St. Goar-Oberwesel. Die Bandscheibensubstanz selber ist anfälliger, die Gelenke des Körpers sind überbeweglich. Zum Problem wird das, wenn die Rückenmuskulatur nicht so ausgewogen trainiert ist, dass sie Instabilitäten ausgleicht.

Vor allem in der unteren Lendenwirbelsäule geben die Bandscheiben dann irgendwann dem Druck, der jeden Tag auf ihnen lastet, nach. Der Faserring um den Gallertkern der Scheibe wird brüchig, sie rutscht ("fällt") vor und drückt auf das Rückenmark oder auf eine Nervenwurzel. Die Folge: höllische Schmerzen.

Jung, sportlich, Bandscheibenvorfall. Für den Orthopäden Matthias Pszcolla ist das keineswegs so erstaunlich, wie es erst mal klingt. Denn gerade den Power-Frauen, die scheinbar alles wuppen, fehle manchmal das Gespür für die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit: "Junge Bandscheiben-Patientinnen stehen meist in der Rush-Hour des Lebens, was Beruf, soziale Kontakte, Familie angeht - und dann wollen sie auch noch topfit und attraktiv sein. Das führt leicht zur Überlastung, auch zur körperlichen."

Psczolla ist überzeugt, dass bei einem Bandscheibenvorfall immer körperliche und seelische Ursachen zusammenkommen. Und auch die Behandlung sollte beide Ebenen berücksichtigen. Ganz wichtig ist, wie die Patientinnen die oft schockierende Erfahrung ihrer Grenzen verarbeiten. Matthias Psczolla: "Die Prognose entscheidet sich im Kopf." Ein früher Bandscheibenvorfall heißt: Der Rücken ist ein Schwachpunkt - und wird es bleiben. Wer das akzeptiert und bereit ist, daran zu arbeiten, hat die besten Chancen.

Körperlich steht zunächst die effektive Schmerztherapie im Zentrum. Und die kann umso gezielter ansetzen, je exakter die Diagnose ausfällt. Wie ist die Scheibe genau verrutscht, auf welche Strukturen drückt sie? Spielen Abnutzungen der Wirbelknochen eine Rolle? Welches muskuläre Ungleichgewicht macht die Wirbelsäule instabil? Um das herauszufinden, sind bildgebende Verfahren wie Magnetresonanz- (= Kernspin-) und Computertomografien nötig; klassische Röntgenbilder reichen nicht aus. Zusätzlich lassen sich mit den Methoden der manuellen Medizin die komplizierten Strukturen an der Wirbelsäule besonders differenziert ertasten.

Eine gezielte Schmerztherapie unterstützt, worauf es im Akutstadium ankommt: in Bewegung zu bleiben, um Lücken in der Spirale von Schmerz, Frust und Verspannung zu finden. Ein mühsamer Weg, der vor allem Geduld verlangt. "Diese Geduldsprobe", sagt Katharina Vogel*, heute 40, "war das Schwerste." Kurz nach dem 38. Geburtstag hatte es sie erwischt. Schlank und aktiv, spielte sie lange Badminton, joggte, machte Yoga, fuhr viel Fahrrad. Und war im Job als Redakteurin einer Tageszeitung voll auf Trab. "Ich hatte immer alles im Griff... Und plötzlich musste ich merken: Das kannst du jetzt nicht steuern, nur mit Power geht da gar nichts."

*Name von der Redaktion geändert

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Wochenlang kann sie kaum zwei Minuten stehen und quält sich, benommen von Schmerzmitteln, erfolglos in einem schlecht betreuten Reha-Zentrum. Erst als sie stattdessen Feldenkrais-Stunden nimmt, spürt sie langsam Fortschritte. "Ich habe da wieder ein Gefühl für meinen Körper bekommen. Der war ja nur noch ein einziger Krampf." Mittlerweile hat Katharina Vogel weniger Rückenprobleme als vor dem Bandscheibenvorfall. Sie ist froh, auf eine Operation verzichtet zu haben. "Ich hab viel gelernt und kenne meinen Körper jetzt besser - mit einer OP wäre das nicht so gelaufen." Auch Elena Thönnessen hat ihre Lehren gezogen, obwohl sie sich nach einem Jahr erfolgloser Therapien operieren ließ: "Ich achte mehr auf meine Körpersignale, die habe ich früher oft überhört." Eine effektive Rehabilitation nach der Operation und regelmäßiges Rückentraining halfen ihr, wieder fit zu werden. Richtig fit: Elena Thönnessen ist inzwischen Pilotin bei der Lufthansa. Langzeitstudien zeigen allerdings, dass die chirurgische der konservativen Behandlung eher selten überlegen ist. Denn die Zeit arbeitet für die natürliche Heilung, auch wenn man Geduld braucht: "Neuere Untersuchungen zeigen", erklärt Professor Jürgen Krämer, Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Bochum, "dass sich fast jeder Bandscheibenvorfall nach drei bis neun Monaten von selbst wieder auflöst." Enzyme in der Lymphe bauen das vorgerutschte Gewebe langsam ab. Jürgen Krämer: "In Deutschland wird immer noch zu viel operiert." Zwingend sind chirurgische Eingriffe nur bei Lähmungen, Taubheitsgefühlen und wenn die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist. Auch wenn alle konservativen Methoden dauerhaft fehlschlagen, raten einige Experten zur Operation.

Das Risiko eines Eingriffs ist nie zu unterschätzen - vor allem die feineren minimal-invasiven Methoden verleiten dazu. Doch immer drohen Narben und damit neue Probleme und Schmerzen. Und jeder Eingriff kann das komplexe System Wirbelsäule destabilisieren, bis hin zu weiteren Vorfällen.

Besonders problematisch sind Bandscheibenprothesen, die gerade für jüngere Patienten beworben werden. Professor Krämer hält sie nur in Extremfällen für sinnvoll und warnt: "Eine Zeitbombe." Denn wenn im höheren Alter die Wirbelknochen weicher werden, verliert die Prothese an Halt und kann sich verlagern. Ein besonders fragwürdiges Risiko, weil junge Bandscheiben-Patientinnen dem Alter hoffnungsvoll entgegensehen können: Dann trocknen die Puffer aus und geben auf Druck nicht mehr so stark nach - die Gefahr eines Vorfalls sinkt rapide.

Hat es Sie auch erwischt? Tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus: www.brigitte.de/bandscheibenvorfall

Mehr Informationen

Eine sehr informative Selbsthilfe-Seite ist www.diebandscheibe.de, der Berufsverband der Orthopäden informiert unter www.orthinform.de.

Auf www.forum-schmerz.de lassen sich verschiedene Gymnastik-Programme und u. a. die Broschüre "Aktiv gegen Rückenschmerzen" herunterladen. Diese können Sie auch anfordern beim Deutschen Grünen Kreuz, Postfach 1207, 35002 Marburg, Tel. 064 21/29 30 (mit 1,45 Euro frankierten DIN -A5-Rückumschlag beilegen).

Bücher:

  • G. Leibold: "Bandscheiben- und Rückenschmerzen. Ursachen, Vorbeugung, Schmerzbekämpfung und sanfte Therapie", Mosaik bei Goldmann, 6,95 Euro.
  • P. Th. Oldenkott und W. D. Scheiderer: "Bandscheiben-Leiden. Was tun?", Trias, 19,95 Euro.
  • J. Krämer und T. Theodoridis: "Bandscheibenschäden vorbeugen durch Rückenschule", Heyne, 8,95 Euro.
Text: Julia Baumgart BRIGITTE Heft 19/2006
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