Kava Kava

Heilpflanzen sind keineswegs ganz ohne Risiken, wie das Beispiel Kava-Kava gezeigt hat. Gerade weil die Mittel wirken, haben sie auch Nebenwirkungen, weiß Theo Dingermann, Professor für pharmazeutische Biologie an der Universität Frankfurt.

BRIGITTE: Die Südseewurzel Kava-Kava wurde jahrzehntelang von Experten als sanftes Mittel gegen Angst empfohlen. Nun stellte sich heraus, dass das Mittel die Leber massiv schädigen kann. Was ist dran an dieser Meldung?

Prof. Theo Dingermann: Bei der Behörde, die die Zulassung von Arzneimitteln regelt, häuften sich Berichte aus Deutschland und der Schweiz über schwere Leberprobleme von Patienten, die Kava-Kava nahmen. Insgesamt trafen 24 Meldungen ein. Bei drei Anwendern war der Schaden so groß, dass sie eine Transplantation brauchten. Eine Frau ist an Leberversagen gestorben. Ob der für den angstlösenden Effekt wichtigste Inhaltsstoff, das Kavain, diese schweren Nebenwirkungen hervorgerufen hat, ist bisher völlig unklar.

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In der Südsee wird Kava-Kava seit hunderten von Jahren genommen. Wie kommt es, dass ein sehr altbewährtes Mittel plötzlich so ernste Probleme macht?

Die Polynesier brauen einen Kava-Trunk, der nur Spuren der schlecht löslichen Kava-Verbindungen enthält. In Europa sind Wirksamkeitsnachweise gefragt, und die gelingen natürlich besser mit höheren Dosen. Entsprechend viel Wirkstoff steckt in den hier üblichen Medikamenten.

Aber auch bei uns wird der Wurzelextrakt seit vielen Jahren angewandt. Warum kommt es erst jetzt zu solchen Nebenwirkungen?

Das hat damit zu tun, dass immer mehr Menschen auf sanfte Mittel vertrauen. Und je mehr Anwender, desto wahrscheinlicher sind Meldungen über Unverträglichkeiten.

Müssen wir nun auch bei anderen Heilpflanzen wie Baldrian oder Thymian vorsichtig sein?

Es gibt keinen aktuellen Grund zur Beunruhigung. Pflanzliche Arzneimittel sind besonders bei leichten Beschwerden wirklich sinnvoll. Aber man darf nie vergessen: Jedes Medikament ist ein Fremdstoff, den der Körper verarbeiten muss. Darum sollte man nie vorschnell und ohne wirklichen Grund ein Arneimittel einnehmen - auch dann nicht, wenn es sich um ein sanftes, pflanzliches Medikament handelt. Baldrian zum Beispiel ist eine ganz und gar empfehlenswerte Hilfe bei Schlafstörungen. Er sollte aber trotzdem nicht automatisch zum Einschlafritual gehören. Ob man ein Präparat tatsächlich noch braucht, kann man nur herausfinden, indem man es versuchsweise absetzt.

Wie lassen sich Nebenwirkungen am besten vermeiden?

Vor allem sollte man die empfohlene Dosis nicht überschreiten. Als Faustregel gilt außerdem: nie mehr als zwei Medikamente in Eigenregie nehmen, sonst drohen Wechselwirkungen. Wer ohnehin Probleme mit einem Organ hat, schluckt besser gar nichts ohne Rücksprache mit dem Arzt. Wichtig ist auch, jedes pflanzliche Mittel von sich aus zu nennen, wenn man mit dem Arzt oder Apotheker über zusätzliche Präparate spricht.

Wir wissen: Auch pflanzliche Mittel haben Risiken. Gibt es welche, die besser überprüft sind als andere?

Ja, am besten untersucht sind Medikamente, die Arzneimittel im Sinne des Gesetzes sind - wie übrigens auch viele Kava-Kava-Präparate. Man erkennt sie an der Zulassungsnummer oder am Hinweis "apothekenpflichtig" auf der Packung. Bei diesen Mitteln muss der Hersteller z. B. nachweisen, dass der Wirkstoff nicht krebserregend ist. Außerdem ist er verpflichtet, jede Zutat daraufhin zu untersuchen, ob sie tatsächlich bestimmte Höchstmengen von Pestiziden oder von möglicherweise problematischen Pflanzen-Inhaltsstoffen nicht überschreitet. Auch jeder Tee, den man lose in der Apotheke kauft, hat solche Tests bestanden - das schreibt das Gesetz klipp und klar vor. Weniger gut geprüft sind Präparate, die als "Nahrungsergänzungsmittel" auf dem Markt sind, wie manche Algen-zubereitungen oder Kräutertabletten aus der traditionellen chinesischen Medizin. Für sie gelten diese Vorschriften nicht.

Wird man problematische pflanzliche Arzneimittel zukünftig früher erkennen?

Ja. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Zulassungsbedingungen für pflanzliche Arzneimittel verschärfen werden. Mittlerweile kann man sehr gut ohne Tierversuche herausfinden, wie eine Substanz oder ein Extrakt beispielsweise im Körper abgebaut wird und wann es Probleme dabei geben könnte. Jedes Arzneimittel muss alle fünf Jahre erneut eine Zulassungsprüfung bestehen. Ich gehe davon aus, dass es spätestens beim übernächsten Mal Pflicht sein wird, diese Daten mit einzureichen.

Die Deutschen nehmen die Hälfte aller pflanzlichen Arzneimittel, die in Europa verkauft werden. Warum ist hier das Interesse an diesen Medikamenten so groß?

Das hat mit unserer Tradition zu tun: Die deutschsprachigen Regionen rund um die Alpen wussten schon immer viel über Heilpflanzen. Überraschenderweise nehmen wir sie trotzdem nicht richtig ernst. Wir denken: Das schluck ich jetzt mal, vielleicht bringt es was, und schaden tut es bestimmt nicht. Deswegen werden gerade pflanzliche Medikamente oft auf eigene Faust und zum Teil in viel zu hohen Dosen genommen - und gerade dann muss man mit Problemen rechnen. Denn die Mittel können viel. Aber es gibt nun mal keine Wirkung ohne Nebenwirkung.

Was sollen diejenigen tun, die Kava-Kava nehmen oder genommen haben?

Ich rate, das Mittel abzusetzen. Wer nicht darauf verzichten will, sollte es nie mit Alkohol nehmen und nach einem Monat der Einnahme zum Arzt gehen, um die Leberwerte zu prüfen - wie Hersteller es empfohlen haben. Wer vor Wochen, Monaten oder gar Jahren einmal Kava-Kava genommen hat, braucht nichts zu unternehmen. Es sei denn, Symptome wie gelbe Augen, gelbe Haut und Übelkeit weisen darauf hin, dass mit der Leber etwas nicht stimmt.

Was würden Sie als Alternative zu Kava-Kava empfehlen?

Einen vergleichbaren pflanzlichen Angstlöser gibt es nicht. Wenn die Spannungen stressbedingt sind, kann unter Umständen Johanneskraut eine Alternative sein. Aber auch da muss man sich fragen: Brauche ich das wirklich? In jedem Fall gut gegen Stress sind Sport und Entspannungsmethoden wie autogenes Training.

Stehen derzeit noch andere Präparate unter Verdacht?

Schöllkraut, das gegen Gallenbeschwerden wirkt, kann ebenfalls Leberprobleme verursachen, allerdings weniger dramatische als Kava-Kava. Auch wenn Schöllkraut-Präparate inzwischen einen festgelegten Höchstgehalt nicht überschreiten dürfen, beobachten wir sie weiterhin genau. Ansonsten ist es nicht unwahrscheinlich, dass bei weiteren Phytopharmaka Nebenwirkungen auffallen werden. Denn der Trend zu "leichten" Arzneimitteln hält an.

Interview: Diana Helfrich
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