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KOLUMNE "KOPFKARUSSEL" Chaos im Körper – was die Pille mit mir angestellt hat

KOLUMNE "KOPFKARUSSEL": Chaos im Körper – was die Pille mit mir angestellt hat
© July Prokopiv / Shutterstock / Brigitte
Viele Frauen entscheiden sich dazu, die Pille abzusetzen. Von der Periode trotzdem keine Spur. Unserer Redakteurin geht es genauso – sie hat eine Expertin um Rat gefragt.

311 Tage ohne Periode. 311 Tage, an denen ich mich ständig gefragt habe „Was stimmt bloß nicht mit mir?“. Ich habe mich vor fast einem Jahr dazu entschieden, die Pille nach mehr als zehn Jahren abzusetzen. Ob die Entscheidung leicht war? Auf keinen Fall. Ob sie richtig war? Sagen wir mal so, sie war life-changing!

"Mich betrifft das nicht"

Lasst uns etwas weiter zurückgehen: Schon seit ein paar Jahren ist mir das Thema „Pille absetzen“ immer häufiger auf Social Media und Co. begegnet. Allerdings wollte ich lange nichts davon wissen. „Mich betrifft das doch nicht“, habe ich mir immer wieder gedacht, wenn ich gelesen habe, dass die Leute davon berichteten, wie sehr sie sich nach dem Absetzen der Pille verändert hätten. Kommen euch Gedanken wie „Ich komme super zurecht“ und „ist außerdem viel praktischer“ irgendwie bekannt vor? Das habe ich mir zumindest ständig eingeredet. Bis ich irgendwann einsehen musste: Ich bescheiße mich selbst.

Anfang 2020 – also seit dem Beginn der Pandemie, Homeoffice nonstop und eingeschränktem Sozialleben – habe ich bemerkt, dass ich immer empfindlicher geworden bin. Emotionale Kurzschlussreaktionen, Heulanfälle und Unausgeglichenheit haben nicht nur mich, sondern auch meine Beziehung belastet. An diesem Punkt wusste ich, dass sich etwas ändern muss. Dass ich mich ändern muss. So ein Verhalten war ich von mir nicht gewohnt. Ich wollte auch nicht akzeptieren, dass ich jetzt einfach „so bin“. Also habe ich von einem Tag auf den anderen entschieden: Ich setze die Pille ab.

Mit dieser Entscheidung habe ich mich seit Sekunde eins richtig gut gefühlt. Ich habe schnell wieder zu mir selbst gefunden, bin selbstsicherer, weniger emotional und kann mich mittlerweile richtig gut mit meinem Freund streiten. Auch ihm ist aufgefallen, dass ich wie ausgewechselt bin. Trotzdem hat mich die ganze Zeit ein ungutes Bauchgefühl begleitet. Denn ich wusste irgendwie, dass ich meine Periode nicht einfach in vier Wochen zurückbekommen würde. Ich wusste, das wird ein langer Weg. Und ich lag richtig.

Mittlerweile ist es fast ein Jahr her, dass ich meine Periode zum letzten Mal hatte. Wenn man es ganz genau nimmt, dann sogar noch länger. Was viele gar nicht wissen: Durch die Einnahmen der Pille baut sich eine Gebärmutterschleimhaut auf, ähnlich wie im natürlichen Menstruationszyklus. Geht man dann nach 21 Tagen in die übliche Pillenpause, sinkt auch die Hormonzufuhr und die Schleimhaut wird abgestoßen. Die Blutung, die dann einsetzt, ist also vielmehr eine Abbruchblutung und entspricht nicht der Blutung eines natürlichen Zyklus. Ergo: Sie dient nur dazu, um optisch denselben Effekt zu erzeugen. Ganz schön verrückt!

Hormone coachen – geht das?

Ich will ehrlich sein: Dass meine Periode einfach nicht einsetzt, hat mich nach einigen Monaten ziemlich beunruhigt. Das habe ich auch meiner Gynäkologin gesagt. Ihre Antwort auf alles: die Pille. Ja, ihr habt richtig gehört. Ich war mittlerweile bei drei Gynäkolog:innen und alle haben mir dazu geraten einfach wieder die Pille zu nehmen. Obwohl das doch genau das war, was ich auf keinen Fall wollte und mir auch nicht gut getan hat. Glaubt mir, ich habe einfach alles versucht – von Mönchspfeffer bis Female Supplements. Geklappt hat in meinem Fall nichts davon. Schließlich bin ich über Social Media auf Julia Schultz gestoßen. Sie ist Gesundheits- und Hormoncoach und versucht Frauen wie mir, die Probleme mit einem natürlichen Zyklus haben, zu helfen. Und zwar ohne Pille und Medikamente.

Julia ist der Meinung, dass jedes hormonelle Problem eine Ursache hat. Man muss sie nur finden. Ich habe sie zum Interview getroffen und ihr alle Fragen stellen dürfen, die mir auf der Seele brannten.

„Es gibt auch andere Wege, weil wir mit unserem Lebensstil einen sehr großen Einfluss auf unsere Hormone haben und wie sich dieses Verhältnis wieder einpendeln kann“, sagt Julia. Das wichtigste vorweg: Es ist durchaus normal, dass einige Frauen nach dem Absetzen der Pille erstmal für eine längere Zeit keinen geregelten Zyklus haben. Aber wie lange ist denn eigentlich noch „normal“? „Es ist bei einigen Frauen sicher der Fall, dass sie die Pille Absetzen und sie haben gleich wieder einen regelmäßigen Zyklus. Dann wiederum gibt es unglaublich viele Frauen, bei denen es eben nicht so ist. Warte mindestens sechs Monate, die Pille hat so einen krassen Einfluss auf deinen Körper“ erklärt Julia.

Die Pille ist wie ein Dornröschenschlaf des Körpers, den du einfach darübergelegt hast. Da muss der Körper erstmal wieder einen Kickstart bekommen.

Bei manchen Frauen könne es laut Julia Schultz sogar bis zu zwölf Monate dauern. In dem Falle könne man auch die Hormone durchchecken lassen, ob sich dahinter etwas tieferliegendes befinde.        

Von „Keine Periode – ist doch praktisch“ bis „Keine Periode – das kann gefährlich für die Knochen werden“ habe ich schon alles gehört. Aber was trifft wirklich zu? Fakt ist, ein geregelter Zyklus ist wichtig für den weiblichen Körper: „Hormone sind wichtig für die Gesundheit. Für die Stimmung, für die Knochen, für die Haut. Es ist ja auch nicht so, dass wenn die Periode nicht kommt, dass gar keine Hormone gebildet werden. Östrogen ist oft schon vorhanden, aber eher schwankend. Meistens ist es so, dass das Progesteron nicht da ist, denn dafür brauchen wir einen Eisprung.“

Stress – der ultimative Hormonkiller

Wie können wir nun den eigenen Körper unterstützen, einen natürlichen Zyklus wiederzuerlangen? „Es gibt viele mögliche Formen, wie Stress auftreten kann. Wenn zu viele Dinge auf einmal kommen, macht das extrem viel Stress aus.“ Wichtig zu wissen: Zu Stress zählen nicht nur Stress im Job, sondern auch zu wenig Schlaf, zu viel Sport oder zu wenig Nährstoffe für den Körper. „Es ist wichtig, dass wir mindestens einmal am Tag etwas tun, dass uns wirklich gut tut und uns runterbringt“, rät Julia. Und wenn es nur eine entspannende Abend-Routine vor dem Schlafengehen ist. Natürlich sind diese Stressoren sehr individuell, da jede von uns anders ist. Wer aber mal tief in sich geht, der wird vielleicht schon ahnen, welche das sind.

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Auch über die Ernährung könnt ihr euch und eurem Körper etwas Gutes tun. Fette sind zum Beispiel essenziell zur Herstellung von Hormonen wie Östrogen und Progesteron. Auch nährstoffreiche Obst- und Gemüsesorten, genauso wie ausreichend Protein sind wichtig, um unserem Körper das zu geben, was er für eine gesunde Balance braucht. Auch ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen sind wichtig; Ernährungs-Extreme wie Low Carb, Low Fat oder Intervallfasten sind dagegen eher weniger förderlich.

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Was ich nun unternehme, um meine Periode wiederzubekommen? Ich versuche langsam, aber sicher loszulassen. Ein bisschen weniger schweißtreibenden Sport zu treiben, meine Ernährung zu optimieren (und genug zu essen) und vor allem stresse ich mich nicht. Ich notiere mir außerdem immer, wenn ich Stimmungsschwankungen, Hautveränderungen und Co. feststelle. Denn auch, wenn ich die Periode nicht habe, verändert sich trotzdem ganz viel in meinem Körper. Das merke ich. Ob ich mich trotz der „Strapazen“ immer wieder gegen die Pille entscheiden würde? Ja. Es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können.

Verwendete Quellen: eigenes Interview, juliaschultz.net, rabea-kiess.de, thefemalecompany.com

Brigitte

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