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Klima schützen Leb einfach gesund!

Klima schützen: Frau mit Gemüsebeutel in der Hand
© Daria Kulkova / Shutterstock
Die Klimakrise findet auch vor unserer Haustür statt. Was das für unsere Gesundheit bedeutet und wie umgekehrt eine gesunde Lebensweise das Klima schont, erklärt die Klimaexpertin und Allgemeinmedizinerin Dr. Katja Goebbels.

BRIGITTE WOMAN: Der heiße Sommer ist lange vorbei, und im Winter scheinen wir vom Klimawandel eigentlich nichts zu spüren. Ein Irrtum?

Ja, denn die Winter werden milder. Das merken alle Leute mit einem Garten, weil einige Schädlinge die kalten Monate jetzt gut überleben. Auch sterben weniger Zecken ab, sie können zum Beispiel Borreliose weitergeben. Außerdem werden neue Überträger heimisch, wie die Hyalomma-Riesenzecke. Und der Pollenflug setzt viel früher ein.

Welche Gesundheitsfolgen zeigen sich schon in Deutschland?

Vor allem sind das die vielen Hitzetoten der vergangenen heißen Sommer, einer ganz neuen Studie zufolge waren es im Sommer 2018 in Deutschland rund 22.200, allein unter den über 65-Jährigen. Hitze ist sehr ungesund, unmittelbar lebensbedrohlich sind Hitzeerschöpfung und Hitzeschock. Die Körpertemperatur liegt dann bei über 40 Grad. Der Körper kann sich nicht mehr ausreichend kühlen, über die Körperoberfläche und durchs Schwitzen wird versucht, überschüssige Wärme abzugegeben. Wird außerdem zu wenig getrunken, sinkt der Blutdruck, und das Herz kann nicht genug Blut für die Durchblutung des Gehirns und anderer wichtiger Organe bereitstellen. Es kommt zu Organversagen.

Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das sicher besonders gefährlich.

Ja, und sie nehmen häufig auch noch entwässernde Arzneimittel ein, die den Flüssigkeitsmangel im Körper verstärken. Hier muss bereits vor einer Hitzewelle die Medikamentendosis angepasst werden, müssen Ärztin oder Arzt Handlungsanweisungen geben. Das gilt auch für Medikamente, die als Nebenwirkung die Schweißproduktion drosseln, zum Beispiel manche Psychopharmaka oder Mittel gegen Parkinson.

Wer eine Herzschwäche hat, sollte täglich auf die Waage steigen. Nimmt man innerhalb von ein bis zwei Tagen mehr als ein Kilo zu, spricht das für Wassereinlagerungen, also eine Verschlechterung der Herzleistung. Auch Wundinfektionen nehmen übrigens während höherer Temperaturen zu, geplante Operationen sollte man daher in die kühleren Monate legen.

Ab welcher Außentemperatur wird es für Gesunde gefährlich?

Ab etwa 40 Grad kann es zum Kreislaufkollaps kommen. Bei hoher Luftfeuchtigkeit, die die Verdunstung von Schweiß auf der Haut verhindert, können schon 37 Grad zu viel sein.

Die britische Medizin-Fach­zeitschrift "The Lancet" hat es so formuliert: "Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts." Übertrieben?

Nein. Leider gar nicht. Im "Lancet" stand aber auch, dass die Klimakrise zugleich die größte Chance für die globale Gesundheit ist, jetzt wirklich etwas zu verändern. Denn noch können wir reagieren. Jeder kann etwas für das Klima tun, jeden Tag.

Aber bei vielen ist noch nicht angekommen, wie groß das Thema ist, richtig?

Leider sind sich die meisten Menschen nicht des Problems und vor allem seiner Dringlichkeit wirklich bewusst. Das merkt man schon an den Begrifflichkeiten: "Klimawandel" trifft es nicht, ich würde immer von einer "Klima­krise" oder "Klimakatastrophe" sprechen. Sich damit auseinanderzusetzen kann erst mal bedrückend sein.

Zumindest bei uns Ärzt*innen tut sich langsam etwas. Es gibt Arbeitsgruppen zum Thema "Klima und Gesundheit“, die sich internationalen Organisationen angeschlossen haben. Aber: In der breiten Masse weder der Ärzt*innen noch der Gesellschaft ist das Verständnis noch nicht da.

Es ist auch nicht sehr bequem, etwas für das Klima zu tun.

Ich glaube, man sollte es den Menschen nicht als etwas Negatives verkaufen, wenn sie beispielsweise das Auto stehen lassen. Denn mit vielen vermeintlichen Opfern ist ja in Wahrheit ein ganz persönlicher Gewinn verbunden, nämlich eine bessere Gesundheit. Wer Rad statt Auto fährt, tut was gegen Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten. Und wer aus Klimaschutzgründen weniger oder kein Fleisch mehr isst, beugt gleichzeitig Darmkrebs und Herz-Kreislauf-­Erkrankungen vor – ich denke, es hilft, sich das immer wieder klarzumachen.

Was hat das Corona-Virus, die aktuellste Gesundheitsbedrohung, mit dem Klima zu tun?

Die Klimakrise hat die Corona-Pandemie begünstigt, aber über Umwege. Wir haben ja mehrere Krisen: die Erderwärmung, das Artensterben, die Übersäuerung der Ozeane und so weiter. Die Abholzung von Urwäldern treibt die Klimakrise voran, indem CO2-Speicher vernichtet werden. Dadurch werden aber auch Lebensräume zerstört, und falls Arten nicht direkt dadurch aussterben, werden sie versuchen, anders zu überleben, im Zweifel bei und mit dem Menschen. Durch enge Tier-Mensch-Kontakte können dann Viren die Artengrenze überwinden. Dass sich eine Pandemie wiederholt, ist darum nicht unwahrscheinlich.

Findet so ein enger Tier-Mensch-Kontakt auch bei Massentierhaltung statt?

Grundsätzlich ja, denn die Tiere werden vom Menschen gefüttert und betreut. Wie schnell es dabei auch um die Gesundheit des Menschen geht, hat man im Herbst gesehen, als in Dänemark viele Millionen Nerze gekeult wurden, um nicht eine möglicherweise impfresistente Mutation des Sars-Cov-2 bei Menschen in Umlauf zu bringen. Unter den Tieren breiten sich Erreger sehr schnell aus, auch deswegen kommen in der Massentierhaltung viele Antibiotika zum Einsatz.

Hier kommen die Bereiche Klima und Gesundheit also auf ungute Art zusammen: Massentierhaltung ist eine riesige CO2-Quelle und treibt damit die Klimakrise voran, und sie begünstigt nicht nur die Übertragung von Erregern auf den Menschen, sondern auch die Entstehung von multiresistenten Keimen.

Bei extremen Temperaturen empfehlen Ärzte ja häufig, lieber zu Hause zu bleiben. Aber auch dort können im Sommer die Temperaturen unerträglich sein. Viele schaffen sich daher kleine Klimaanlagen an – und das ist dann wieder schlecht fürs globale Klima. Ein Teufelskreis?

Am besten ist es natürlich, Häuser besser zu isolieren, das hilft bei Kälte- und Hitzeextremen gleichermaßen und spart auf Dauer sogar Geld. Aber wenn man sich eine mobile Klimaanlage in die Wohnung stellt, muss das nicht zwangsläufig schlecht für die Umwelt sein. Es gibt zum Beispiel seit einiger Zeit sogenannte Balkonkraftwerke, das sind mobile Solarmodule, mit denen man tagsüber ohne Weiteres eine Klimaanlage betreiben kann.

Was ist mit der Sorge wegen neuartiger exotischer Krankheiten, ist sie berechtigt? Es sind auch hier schon Mückenarten gesichtet worden, die Malaria übertragen können.

Diese sogenannten Tropenkrankheiten werden bei uns bis jetzt ausschließlich durch Reisende aus anderen Ländern eingeschleppt. Malaria macht uns keine großen Sorgen, denn die Mücken sterben in unseren Breiten ab, bevor die Malaria-Erreger in ihnen ausgereift sind. In Südeuropa könnte das aber ein Thema werden, in Griechenland gab es schon kleinere Malaria-Ausbrüche.

Ein größeres Problem könnten Viruserkrankungen wie das Dengue-Fieber werden, zumal es dagegen keine wirksame Therapie gibt. An solche Infektionskrankheiten werden Ärzt*innen in Zukunft denken müssen, wenn sich die Gebiete vergrößern, in denen diese Erreger heimisch werden.

Die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise sind spürbar und werden sich womöglich noch verschärfen. Ist unser Gesundheitssystem darauf vorbereitet?

Wir stehen da noch ganz am Anfang. In Frankreich gibt es beispielsweise schon amtliche Hitzeaktionspläne. Die "Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit" hat einen Vorschlag erarbeitet. Er sieht etwa in den Kliniken gekühlte Räume für besonders gefährdete Patienten vor oder auch sogenannte aufsuchende Dienste, die bei Älteren und chronisch Kranken zu Hause schauen, ob alles in Ordnung ist. Und Informationen für Ärzt*innen, wo sie nachschauen können, welche Medikamente bei bestimmten Temperaturen gefährlich werden können.

Aber natürlich müssen auch Kliniken und Praxen dazu beitragen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren, indem sie in Kälte- und Wärmeisolierung investieren oder den Stromverbrauch reduzieren. Eine Reduktion des Plastikmülls, der durch Einwegartikel in der Medizin entsteht, kann ebenfalls durch weniger Produktion und Lagerung Emissionen senken. Und wir können uns in vielen anderen Bereichen intelligent anpassen: Die Land- und Forstwirtschaft muss Schluss machen mit Monokulturen, die der Klimakrise schlechter trotzen als Mischkulturen, die Städte brauchen andere, hitzeresistente Straßenbäume und vor allem kann auch jeder Einzelne etwas für den Klimaschutz tun.

Der Zustand unseres Planeten ist der Berliner Allgemeinmedizinerin Dr. Katja Goebbels schon lange ein Anliegen. Sie engagiert sich nicht nur in der 2017 gegründeten Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, sondern ist auch lang- jähriges Mitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW e.V.).

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BRIGITTE WOMAN 03/2021

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